Das rote Haus

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Blessing, 2012, Titel: 'Das rote Haus', Seiten: 336, Übersetzt: Dietlind Falk

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Michaela Hövermann
Sieben Tage (...) mit der Sippe: Dysfunktionale Familie zwischen Sein und Schein.

Buch-Rezension von Michaela Hövermann Jan 2013

lang begleiten. Das weiß Angela schon als kleines Mädchen, als ihr Bruder Richard sie in einem Augenblick der Wehrlosigkeit in einen Teich stößt,  eine "Suppe aus Stängeln und Schleim", die ihren schockierten Schrei erstickt. Auch später liegt er altvertraut auf ihrer Zunge. Nur ihre Stimme hat sie mehr und mehr verloren.

Bis zu ihrem Tod pflegt Angela ihre demente Mutter, den körperlichen und geistigen Verfall  stets vor Augen, während die Sterbende  "durch den Käfig ihres gebrochenen Geistes tobt". Doch es ist Richard, immer wieder Richard, nach dem die Mutter verlangt. Der verlorene Sohn. Das befeuert nicht nur Geschwister-Rivalitäten; es weckt tief verschütteten Schmerz.  

Dabei hat die Lehrerin und dreifache Mutter ohnehin alle Hände voll zu tun, ihr "kleines Familienunternehmen" mit den geringen finanziellen Mitteln zu koordinieren.  Ihr Mann Dominic - ein Träumer ohne beruflichen Ehrgeiz – ist dabei keine Hilfe.  Eine Karriere als Musiker ließ sich für den selbständigen Werbe-Jingle-Komponisten nicht verwirklichen, also arbeitet er derzeit perspektivarm in der Filiale einer Buchhandlung ("Der beste Job, den ich je hatte."). Selbst Sohn Alex zeigt mit seinen 17 Jahren mehr Kampfgeist: Mit zwei Jobs plant er, schuldenfrei durchs College zu kommen. Die fünfzehnjährige Daisy ist bei der Suche nach Sinn und Ziel vorerst bei Jesus hängen geblieben und wirkt ähnlich verloren wie ihr Vater,  während der kleine Benjy – ein furchtsamer Achtjähriger – vor allem in seiner Fantasiewelt lebt, wo er heldisch Zombies und Monster niederstreckt.

Angela ist mit den Jahren still geworden, müde, eine "schlaffe Masse, […] fast schon eine Großmutter". In ihrer in Routine erstarrten Beziehung zu Dominic taumelt sie durch einen freudlosen Alltag der Banalitäten und Notwendigkeiten.  

Auch mit ihrem Bruder Richard – inzwischen ein vermögender, erfolgreicher Radiologe – hat sie 15 Jahre lang kaum ein persönliches Wort gewechselt. Die wöchentlich stattfindenden Telefonate dienten einzig und allein dazu, "den Verfall ihrer Mutter zu managen." So kommen sein Anruf und Angebot überraschend: Er lädt Angela und ihre vierköpfige Familie zu einem einwöchigen Urlaub mit ihm, seiner zweiten Frau Louisa und seiner 15-jährigen Stieftochter Melissa aufs Land ein, in die Grafschaft Herefordshire an der walisischen Grenze.  Fast, als wolle er nicht auch noch diesen letzten dünnen Faden zu seiner Schwester verlieren. Eine Auszeit ohne "Ablenkung von den grausamen, irren Regungen des Herzens". Für Angela keine angenehme Vorstellung. Aber gleichzeitig ist es der einzige Urlaub, den sie sich und ihrer Familie ermöglichen kann. Sie sagt zu.

Aus unterschiedlichen Richtungen nähern sich Großfamilie und Patchworkfamilie mit Bahn und Auto dem vereinbarten Ziel. Draußen flitzt die Welt vorbei: Kühltürme, Felder, Flüsse. Inmitten der Idylle aus Seen und den Black Mountains liegt es: das rote Backsteinhaus, ein ehemaliger Bauernhof, der zum Dreh- und Angelpunkt dieses komplexen Familienromans wird. 

Vier Erwachsene, drei Teenager, ein Kind. Neben den üblichen Urlaubsutensilien und Kleidung fristen ungelöste Probleme, Wünsche und Ängste ein bedrohliches Dasein im Gepäck. Unsichtbar lauert Vergangenes und Verdrängtes, untot, so wie Benjys Zombies, die nur auf den richtigen Moment für den Angriff aus dem Hinterhalt lauern.  Natürlich bleiben auch Liebesverwicklungen bei dem Zusammentreffen von drei hormongesteuerten Teenagern mit unterschiedlichen Begehrlichkeiten nicht aus. 

Bemerkenswert und ungewöhnlich ist jedoch weniger die Handlung, sondern vielmehr der Stil. Der britische Autor Mark Haddon näht geschickt unterschiedlichste Erzähltechniken wie einen Flickenteppich zusammen: Impressionen, Lieder und Gedichte, Selbstgespräche, Dialogfetzen und Bewusstseinsströme geben unverblümte und ungeschönte Einblicke in das Innenleben jeder einzelnen Person. Atemlos springt er von einem Charakter zum nächsten, mal absatz-, mal sogar satzweise. Schlagzeilen, Populärkultur und Lifestyle verorten die Erzählung im Hier und Jetzt, und das Nebeneinander von (vordergründig) Belanglosem und Bedeutungsschwerem wirkt dabei – ganz realistisch – mal mehr, mal weniger strukturiert.  

Zwischen den Sätzen tun sich metaphorisch verschachtelt ganze Welten auf: So ist sich etwa Dominic wohl bewusst, wie schlecht es um seine Ehe mit Angela bestellt ist, und dass er mit Richard nicht mithalten kann. Er sieht ihn vor sich, den erfolgsverwöhnten Akademiker mit  seinem "üppigen schwarzen Hahnenkamm", in dem "das Böse angesiedelt war". Dominics Unterlegenheitsgefühle und auch ein gewisser Neid manifestieren sich, werden anschaulich in der leidenschaftlichen Abneigung des vollen Haarschopfes, dieser "Warnung an alle Beta-Männchen". Denn Richard, der Schönling, hat alles, wovon Dominic bestenfalls träumen kann: beruflichen und finanziellen Erfolg, dazu eine schlanke, attraktive, erotische Frau an seiner Seite.  

Mark Haddon gelingt es, in diesem Chor der Charaktere jeder Person eine eigene Identität, vor allem aber auch eine eigene Sprache und unverwechselbare Stimme zu verleihen. Das ist bei einem derart großen Figurenaufgebot wahrlich eine Kunst.

Diese fragmentarische Vielstimmigkeit verlangt den Lesenden einiges an Konzentration ab, ermöglicht aber gleichzeitig das eigene Entdecken der Figuren: Ähnlich wie beim epischen Theater Bertolt Brechts, das bewusst nicht der Unterhaltung der Zuschauer dient, ist man zu permanenter Aufmerksamkeit, Reflexion und Gedankenarbeit gefordert. Es ist kein Roman zum Abschalten oder  Träumen. Trotzdem zwingt "Das rote Haus" nicht nur zum Denken; er zwingt vor allem zum Fühlen, wenn Haddon seinen Finger über die tiefsten Wunden verletzter Seelen reibt und Gespenster aus der Dunkelheit heraufbeschwört. Es ist sein bisher düsterstes Buch. Der Tod, die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und Nichtigkeit sind allgegenwärtig.

International bekannt geworden ist Haddon vor allem durch seinen Roman "Supergute Tage".  Insgesamt hat er bereits 17 Kinderbücher, einen Gedichtband und zahlreiche Drehbücher für das Kinderprogramm der BBC verfasst. Was ihn reizt, ist der eingehende Blick in das menschliche Innere, in die Abgründe hinter den sorgsam in Stand gehaltenen Fassaden. Bestechend dabei ist seine realistische Herangehensweise: Am Ende ihrer einwöchigen Auszeit geht das Leben für seine Protagonisten weiter. So wie immer. Er schenkt ihnen keine großen, lebensverändernden Erkenntnisse, keine Umstürze, kein befreiendes Lachen, keinen Hollywood-Zuckerguss.  Dennoch haben sie sich verändert. Ein bisschen.

Es ist ein Werk mit Tiefenwirkung, eins, das mit seiner stillen Poesie und Tragik noch lange nach der Lektüre im Gedächtnis widerhallt, wenn man den Schlüssel längst abgegeben und das rote Haus hinter sich gelassen hat. Vielleicht ist es seine zeitlose Weisheit, die mit Wehmut füllt und diesen ziehenden Schmerz hinterlässt.

  "Familie, dieses flüchtige Wort, der Leitstern für jedes irrende Schiff, und jeder segelt unter einem anderen Himmel." 

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Letzte Kommentare:
28.01.2015 05:10:21
Bernhard Klaus

Die Beurteilung: "wie im wirklichen Leben" wird ja recht häufig verwendet. Hier trifft sie meiner Meinung nach zu. Nicht so sehr im Bezug auf die faktischen Vorgänge und das Verhalten der Protagonisten, sondern hinsichtlich der genial ausgearbeiteten inneren Monologe, mentalen Subtexte und gedanklichen Vorgänge in den Köpfen der Figuren. Man lernt die Familienmitglieder auf Umwegen sehr gut kennen und die zum Teil grundverschiedenen Charaktere wachsen einem allesamt rasch ans Herz, weil sie so wunderbar einfühlsam ausgearbeitet sind. Mir war der 7-jährige Benjy mit seinen Ängsten und kindlichen Sichtweisen besonders nahe. Für Kinder hat der Autor ja bekannterweise ein besonderes Gespür.
Ich habe die Struktur des Textes mit den unkommentierten Wechseln der Perspektiven hervorragend gefunden, weil das meine Aufmerksamkeit schärfte und die Lesespannung aufrecht erhielt. Ich kann mir aber vorstellen, dass damit nicht jeder Leser zurechtkommt, weil es ihn ermüdet, oder verwirrt.

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