Blasmusikpop

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Rita Dell'Agnese
70

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2013

Erfrischend anders - aber leider nicht bis zum Schluss

Wer sich nie – oder nur selten – in den österreichischen oder bayerischen Sprachraum verirrt, tut gut daran, sich erst mal ein einschlägiges Wörterbuch bereit zu legen, bevor er sich mit Vea Kaiser auf den Weg ins kleine Alpendorf St. Peter am Anger macht. Sonst dürfte die eine oder andere Pointe des Romans verpuffen, ohne dass der Leser darob schmunzeln konnte. Das aber tut dem erfrischenden Einstieg in die Geschichte keinen Abbruch. Vea Kaiser geht unverkrampft an die Sache heran und ihren Ausführungen zu folgen, macht zunächst einfach mal Spaß. Das skizzierte Alpendorf ist zugegebenermaßen skurril – und doch ist es ein Abbild so mancher dörflichen Gemeinschaft, die beileibe nicht nur in den Alpen zu finden ist. Herrlich offenherzig geht die Autorin mit den Charakteren der Menschen in St. Peter um. Sie lässt sie sein, was sie sind – ob nun ein selbstherrlicher Bürgermeister, ein in seiner eigenen Welt lebender Tüftler, der zum Mond reisen möchte oder ein Holzschnitzer, der unbedingt Arzt werden will. Letzteren hat sich Vea Kaiser als ersten Helden für ihren Roman ausgesucht.

Die Leser begleiten also zunächst den Holzschnitzer Johannes Gerlitzen auf seinem Werdegang. Ein Bandwurm – und letztlich auch der rabenschwarze Haarschopf seiner Tochter – führen den aufgeweckten Schnitzer auf neue Wege: Er will Medizin studieren, verlässt kurzerhand das Dorf und macht seinen Weg. Als er zurückkehrt, bringt er einen Hauch der weiten Welt mit ins Alpendorf. Und eine andere Sicht auf die Menschen, die da leben. So rückt er das Bild, das sich der Leser in seiner ersten Begegnung mit dem Dorf gemacht hat, gerade. Bei der offenherzigen Charakterisierung der einzelnen Bewohner von St. Peter mag sich mancher Leser die Frage stellen, ob er hier einer Satire folgt oder eine überraschend naive, wenn auch liebevolle Darstellung vorgesetzt bekommt.

Dem Johannes bleibt Vea Kaiser treu. So wie sie den Arzt begleitet hat, begleitet sie anschließend auch dessen Enkel Johannes A. Irrwein. Sie zeigt sein Bemühen und sein Scheitern, das er durch das Schreiben einer Chronik zu überspielen versucht. Der Wechsel des Protagonisten gelingt mühelos, der Leser folgt anstandslos von der einen in die andere Geschichte.

Vea Kaiser schlägt zunächst ein forsches Tempo an. Es passt zum pittoresken Bild, das den Lesern geboten wird. Die Geschichte wirkt stimmig, amüsant und ungewöhnlich. Der Leser ist schnell bereit, Johannes Gerlitzen ins selbstgewählte Asyl in der Bibliothek zu begleiten und schließlich mit ihm in die große Welt hinaus zu ziehen. Selbst hier bleibt sich Vea Kaiser zunächst treu. Ob Dorf oder Stadt, ihre Schilderungen bleiben bestechend und unterhaltsam. So kann sich der Leser, der bereit ist, sich auf den urigen Erzählstil einzulassen, über so manchen kleinen Einfall der Protagonisten freuen und sich in den Ausschweifungen verlieren. Leider verliert der Roman aber langsam an Tempo. Die Einfälle scheinen immer mehr aufgesetzt und überzogen, verlieren ihre unverkrampfte Frische und wirken mehr und mehr verkrampft. Es stellt sich die Frage, ob sich Vea Kaiser gegen Ende des Romans selber nicht mehr ganz traute. Sie wirkt gehemmt und bemüht.

Sprachlich setzt Vea Kaiser einiges voraus. Zum einen mit ihren großzügig eingestreuten Mundartsätzen, zum anderen mit anspruchsvollen Satzschöpfungen und Verweisen. Irgendwann wird es etwas zu viel des Guten, der Lesegenuss lässt merklich nach und kann sich nicht ganz bis zum Schluss retten. Zurück bleibt beim Leser also das Gefühl, irgendwann auf der Strecke geblieben zu sein, festzusitzen in diesem Alpendorf, das weder heile Welt ist noch rückständige Provinz. Johannes Irrweins Gedanken entschweben in Sphären, in die man ihm nicht unbedingt folgen mag – ganz einfach, weil es ermüdet.

Mit ihrem Debüt hat Vea Kaiser gezeigt, dass mit ihr zu rechnen ist. Sie schlägt ein neues Kapitel im Genre Belletristik auf, macht Alpenidylle salonfähig und überzeugt mit erfrischendem Ideenreichtum. Nur muss sie in einem künftigen Werk diese einzigartige Erzählkunst unbedingt auf den ganzen Roman ausdehnen können, wenn sie ihre Leser auf dem Weg durch die fiktive Realität nicht verlieren will.

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