Atlas eines ängstlichen Mannes

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Argon, 2012, Übersetzt: Autorenlesung
  • Frankfurt am Main: Fischer, 2014, Seiten: 464, Originalsprache

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Britta Höhne
Träumen im Segelflug

Buch-Rezension von Britta Höhne Jan 2013

Christoph Ransmayr ist kein Karl May. Keiner, der sich in seinem Zuhause eingräbt und fantastische Geschichten erfindet. Die Leser in ferne Länder schickt, die er selbst nie zu Gesicht bekommen hat. Ransmayr hat für seinen "Atlas eines ängstlichen Mannes" 70 Geschichten zusammen getragen, die ihm so, oder vielleicht auch nur so ähnlich, bei all seinen Reisen rund um den Erdenball widerfahren sind. Nein, 69 Erlebnisse sind es nur. Eine Episode, so stellt er voran, entspricht nicht der Wahrheit. Welche, das überlässt der gebürtige Oberösterreicher seinen Lesern, heraus zu finden.

Der Autor selbst dürfte schmunzeln, nimmt er sein Buch zur Hand: Wie kann ein Mann, der die entlegensten Teile der Welt besucht hat, einer Eisbärin samt Jungen gegenübersteht, einem liebestollen Elefanten auch, eine meterlange Schlangen bestaunt und in abgelegene Höhlen klettert, seinen Reisebericht mit "Atlas eines ängstlichen Mannes" betiteln? Von Angst zumindest zeugen die Geschichten nicht, die Ransmayr zu Papier gebracht hat. Vielmehr von Mut, von Neugier, von wissen wollen, von der Spurensuche, selbst dann, wenn es am Ende die nach der eigenen Person ist.

Ransmayrs Reisetagebuch besticht durch verschiedene Finessen. So beginnt er etwa jede seiner 70 Episoden mit den zwei Wörtern "Ich sah...". 70 Mal der gleiche Einstieg. Jedem Zeitungsredakteur würde diese Fantasielosigkeit den Job kosten. Bei Ransmayr ist das anders. Weil schnell klar wird, dass der Autor so suggeriert, dass diese Geschichten jedem passieren können, der sich auf den Weg macht. Der beobachtet, interessiert ist, gewillt, über den Tellerrand hinaus zu schauen.

So erzählen seine Geschichten oft vom Beobachten. Oft sind es Vögel, die sein Interesse wecken, Tiere jeglicher Gattung, Männer, selten Frauen, ein Birdwatcher auf einem abgelegenen Teil der Chinesischen Mauer, der selbst beobachtet. Ransmayr ist ein Suchender, ein Schauender, nicht einfach ein Tourist, der das Gastland durch das eingeengte Objektiv einer Kamera sieht. Er bleibt lange an ganz unterschiedlichen Orten, geht auf die Einheimischen zu und wagt zu fragen. Er taucht ein in Welten, die den Menschen nur geöffnet werden, wenn die eigene Sicht auf die Dinge offen ist.

Wer den Atlas zur Hand nimmt, kann überall einsteigen. Eine Reihenfolge gibt es nicht: Neuseeland, Österreich, Indien, Japan, Jemen, Irland, Polen, Indonesien, China, Tibet, Paraguay, Russland... Ransmayr sieht seinen Text nicht als fließende Geschichte, die es von vorne nach hinten durchzulesen gilt. Vielmehr ist es dem Leser überlassen, wo er hinreist, welches Land lockt. Ein kluger Schachzug. Regeln gibt es keine 

Die Geschichten beginnen oft wie in einem Schwebezustand, einem Zauber. Egal, ob es sich dabei um eine  Beerdigung in einem brasilianischen Dorf handelt, um die Flugversuche eines jungen Königalbatroses auf Neuseeland, die Beobachtung einer Prozession im US-Bundesstaat New Mexico, um einen Fischfang in Irland, der mit der Rettung eines Hummers endet, um Plastiktüten, die der jemenitische Wind durch die Lüfte wirbelt. Wie ein Bogen dirigiert Ransmayr seine Geschichten. Dem seichten Einstieg folgt die Spannung, die zum Ende hin nicht selten in Pathos endet. In das Hineinversetzen in die Gedanken eines Stieres etwa oder in die eines Hummers, der noch einmal mit den Scheren winkt, bevor er dahin zurück darf, wo er herkommt: ins Meer.

Ransmayer ist ein Wortkünstler, ein Poet. Nichts entspringt seiner Feder, das nicht gut durchdacht ist, nicht zu einhundert Prozent passt. Poetisch kommen die Episoden zum Teil daher, was ihnen oft die Kraft nimmt, weil er durch seine Sprachwahl Geschehenes abflacht, schlicht die Spannung raubt, weil es oft einer unterstreichenden, weniger einer abklingenden Sprachwahl bedurft hätte. Ransmayr informiert akribisch. Ameisen sind für ihn nicht einfach Ameisen: Blattschneiderameisen bilden eine Prozession, die an dem Kadaver eines Vogels vorbei ziehen. Das ist er wieder, der Dichter, der Poet. Einfache Ameisen hätten nicht gereicht, in der Geschichte, die mit "Jagdszenen" überschrieben ist und in Paraguay beobachtet wurde.

Ransmayr sagt selbst über sich, dass er sich überall wohl fühlt, es zig Situationen auf seinen Reisen gab, in denen er sich angekommen wähnte. In seinen 70 Episoden beschreibt er diesen Zustand allerdings nur ein Mal. In Kapitel 70. Nach Nepal zieht es ihn – gemeinsam  mit einem Freund. Mit letzter Kraft kämpfen sie sich durch die Berge, um eine Höhle für die Nacht zu erreichen. Diese allerdings ist schon bewohnt: Mönche leben darin, beachten die Kletterer kaum, setzen ruhig ihre Gebete fort. Die beiden Männer wärmen sich am Feuer, hören zu, genießen.

"Als aus der schneeweißen Asche ein Funke ins kalte Höhlendunkel sprang und im Flug erlosch, schlief ich ein. Nun war ich angekommen." 

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