Das Kind, das nicht fragte

Erschienen: Januar 2000

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Britta Höhne
Anmache als ethnologische Kunst

Buch-Rezension von Britta Höhne Jan 2013

Benjamin Merz ist Ethnologe. Einer mit Visionen, Wünschen, Träumen und Traumata. Seine Vergangenheit bremst ihn, er wird Meister des Ausfragens, doch erzählen kann er selber nichts. Seine vier Brüder tragen die Schuld und er die Last, die sie dem Jüngsten aufgebürdet haben. "Das Kind, das nicht fragte", heißt der neue Roman von Hanns-Josef Ortheil. Und wer nach "Liebesnähe", dem letzen von drei Romanen einer Reihe, voller Geduld auf das neueste Werk des gebürtigen Kölners gewartet hat, ist vielleicht enttäuscht: Legt Ortheil doch ein Lehrbuch über ethnologische Fragetechniken vor.

Benjamin, der kleine Benjamin, der im italienischen auch noch zu Benjamino verniedlicht wird, trägt schwer an seiner Vergangenheit. Seine unglaubliche Gabe, Menschen zu befragen, rührt daher, dass er nach Jahren der Pein durch seine vier älteren Brüder, zum Meister der Beobachtung  geworden ist. Aus Selbstschutz. Immer musste Benjamin seinen vier Brüdern mindestens einen Schritt voraus sein, um nicht von ihnen in die Mangel genommen zu werden. Er perfektionierte seine Strategie, ahnte, vermutete, wer wann was macht. Ethnologie als Überlebensstrategie.

Der Plot ist gut. Benjamin verlässt seine kleine Dachwohnung im Hause der verstorbenen Eltern in Köln und geht an die Südküste Siziliens, in ein kleines Dorf namens Mandlica, um zum Thema Süßigkeiten zu forschen. "Die Stadt der Dolci" soll die Arbeit des Ethnologen heißen, der sich in seinen Kreisen bereits einen Namen gemacht hat. Am Anfang noch scheu, stumm und wenig sprechend, entwickelt sich Benjamin zum Frager, zum Mystiker, zum Mann, dessen Nähe von anderen erwünscht wird. Aufgesucht wird er von den Menschen des Ortes, sie wollen ihm – und nur ihm – ihre Geschichten erzählen. Benjamin dringt weit ein in den Kosmos des Dorflebens, alle möglichen Themen spricht er an und immer wieder auch den Leser. Er erklärt - wie nebenbei - die Fundamente guter ethnologischer Arbeit. Berichtet über die teilnehmende Beobachtung und darüber, wie er Gespräche am Leben und somit lebendig hält.  

Bis er sich schließlich verliebt. Anders als in "Liebensnähe", funktioniert die Annäherung zwischen Benjamin und Paula fast ohne Hürden. Kommt die Beziehung in "Liebesnähe" gänzlich ohne Sprache aus, wird in "Das Kind, das nicht fragte", unentwegt erzählt. Fast langweilig kommt die Liebeseinlage daher und der Leser ahnt längst, dass Benjamin nichts mehr ins heimische Köln ziehen wird. Er plant ein Leben mit Paula, die seinen Bann zu brechen scheint und ihm zum Sprechen bringt. Ein eigenes Restaurant in einem still gelegten Kino, soll die Zukunft füllen und das Erkennen dessen, dass Sprache doch gelingen kann. Nicht nur als Fragender, sondern auch als Erzählender. 

Der Autor selbst sagt über das Buch, es sei eine Spiegelung dessen, was ihm widerfahren sei. Vier Brüder starben noch vor seiner Geburt, der Steinway-Flügel im Hause der Signora Volpi wird nicht von der zarten Dame selbst gespielt, sie kann es nicht, ganz anders als Hanns-Josef Ortheil, der ein großartiger Pianist zu sein scheint. In Ortheils Büchern steckt immer auch Ortheil. Anders, sagt der Autor in einem Interview, habe er keinen Zugang zu seinen Geschichten. Er brauche die Nähe, um Geschehenes lebendig zu gestalten. Lebendig gestalten kann er, weil er ein Meister der Sprache ist. Die Liebe zu Italien allerdings, ist bei beiden echt: Beim Autor selbst und bei seinem Protagonisten. Ganz also hat er sein Spiegelungs-Prinzip nicht eingehalten.

Ortheil ist ein feiner Beobachter, ein präziser Schreiber und scheut auch moderne Begrifflichkeiten nicht. Dennoch ist ihm mit "Das Kind, das nicht fragte", nicht gerade überragende Literatur gelungen. Die Geschichte ist schön, zweifelsohne, Humor und Zynismus reichen sich streckenweise die Hand. Aber dennoch ist es für ein Sachbuch der Ethnologie zu wenig und als Rahmen für eine Liebesgeschichte zu viel Ethnologie. Leider teilt der Autor dem Leser die wirklich interessanten Antworten nicht mit. Die nämlich, warum Ethnologen keine Museen mögen und warum Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Herta Müller kurz am Rande abgewatscht wird? Viele kleine offene Enden mitten im Text.   

Der Roman ist Mittelmaß, dessen Ende bereits früh absehbar ist. Dabei stört nicht, dass alles auf ein glückliches Ende abzielt, nicht jeder Plot muss sich im Drama ergießen. Störend ist viel mehr, dass für die Fülle des Inhaltes, der überwiegend vom Ich-Erzähler Benjamin zum Besten gegeben wird, letztendlich doch nur ein dünner Erzählstrang bleibt. Nichts, was sich einprägt, sich fest setzt, wie etwa "Liebesnähe". 

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