Tal der Herrlichkeiten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2012, Titel: 'Tal der Herrlichkeiten', Seiten: 256, Originalsprache

Couch-Wertung:

88
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Rosie Sabel
Die Liebe ist eine Himmelsmacht

Buch-Rezension von Rosie Sabel Jan 2013

Sperber lebt zurückgezogen in einer kleinen Stadt an der nordfranzösischen Atlantikküste. Bis auf das Leben und seine zähe Konstitution hatte er so ziemlich alles, was man verlieren kann, verloren: Arbeit, Haus, Frau, Kind, Sparbücher, Haar. Sein geregeltes, eintöniges Dasein wird eines Tages in den Grundfesten erschüttert von einer Frau, die ihn unversehens auf offener Straße küsst und danach einfach weitergeht und verschwindet. Der zurückgelassene Sperber kann diesen Kuss nicht vergessen. Voller Ärger und Sehnsucht macht er sich auf die Suche nach dieser Frau.

Die seit vielen Jahren in Paris lebende, 1964 in Offenbach geborene Autorin berichtete in einem Interview, dass sie nach ihrem letzten, in Sachen Liebe eher desillusionierenden Roman "Luft und Liebe" das starke Bedürfnis verspürte, in ihrem nächsten Buch von einer wirklichen Liebe zu erzählen. Von der Woge, die alles ins Wanken bringt. Von der Schönheit des Erwartens, des Verlangens, des Sich-Findens.

"Sie gingen aufeinander zu. Und während sie nun voreinander standen und sich zum ersten Mal wirklich ansahen, wölbte sich bläulich über ihren Köpfen die Ahnung des noch zu lebenden Lebens, des zu Erfahrenden, der ungeheuren Vielfalt des miteinander Möglichen."

Sperber gelingt es, die Frau namens Luchs in Paris aufzuspüren. Die beiden scheinen vom Schicksal füreinander bestimmt zu sein. Staunend und dankbar für das, was mit ihnen geschieht, lassen sie sich aufeinander ein und erleben erfüllte Tage und intensive Nächte. Leidenschaftlich, zärtlich, hocherotisch und doch niemals ins Pornographische abrutschend beschreibt Anne Weber auf einzigartige, ganz wunderbare Weise das Einswerden von Körper und Seele, die Verschmelzung der beiden Liebenden. 

"Er hielt sie und sie hielt ihn, wie keiner von ihnen je einen Menschen gehalten hatte."

Doch ähnlich unerwartet und erbarmungslos wie in David Nicholls "Zwei an einem Tag" wird auch hier dem Glück ein jähes Ende bereitet, denn nach nur drei Tagen stirbt Luchs bei einem Unfall. Sperber kann und will den Tod der geliebten Frau nicht hinnehmen. Völlig verzweifelt macht er sich auf den Weg in das Reich der Toten, um wie in dem griechischen Mythos von Orpheus und Eurydike die Geliebte dem Tode zu entreissen.

In den Momenten, in denen die Liebenden sich begegnen, zieht sich der allwissende Erzähler auf einen scheinbar weiter entfernten Beobachtungsposten zurück. Niemand, auch wir nicht, griff ein. Die Autorin nennt diese Art des Erzählens "aus der Perspektive des Himmelsgewölbes", denn aus dieser großen Entfernung sind Begegnungen unwahrscheinlich, und doch sind die Möglichkeiten schier unbegrenzt. Was für ein kraftvolles Bild. Genau wie Patrick Süskind gelingt es auch Anne Weber mit leichter Hand offensichtlich verlorenen Existenzen wieder Leben einzuhauchen und ihnen aufgrund ungewöhnlicher, eigentlich unbedeutender Erlebnisse neuen Sinn zu geben.

 Der mehrfach preisgekrönten Autorin, die ihre Romane auf Französisch schreibt und anschließend in ihre Muttersprache Deutsch übersetzt, gelingt nach eigener Aussage durch das Hin- und Herspringen zwischen den beiden Sprachen, "die Geschichte zu verfeinern und Ungenauigkeiten in der Originalfassung zu beheben". Möglicherweise ist es diese ungewöhnliche methodische Herangehensweise, ganz sicher aber das erzählerische Ausnahmetalent von Anne Weber, das sie in schönster Regelmäßigkeit Bücher in solch hoher literarischer Qualität und sprachlicher Brillanz verfassen lässt. 

Selten wurde so schön, so berührend, so melancholisch und voller Poesie über die Liebe geschrieben, wie es Anne Weber in diesem Buch gelungen ist. Auf 253 Seiten dürfen wir eine Liebe miterleben, wie wir sie uns insgeheim selbst wünschen. Wir beneiden Sperber, weil er Luchs endlich gefunden hat. Wir beneiden Sperber, weil er plötzlich die Welt mit anderen,geweiteten Augen sieht. Und wir alle beneiden ihn um die Erkenntnis während seiner Nächte mit Luchs: Jetzt ist es gut. Jetzt habe ich gelebt. Jetzt kann ich sterben.

"Tal der Herrlichkeiten" ist dicht gesponnene zeitgenössische Prosa über die Macht der Liebe, eine wunderbare, berührende Erzählung über eine Liebe, die weit über den Tod hinausreicht. Neu und doch schon Jahrtausende alt. Wen wundert es da, dass das letzte Wort des Romans "Verheißung" lautet?!

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