Hundert-Dollar-Küsse

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Wolfgang Franßen
84

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2013

Voller List und Tücke

Kurt Vonneguts sicher bissigste Story in den nachgelassenen sechzehn Geschichten, die nun im Kein & Aber Verlag veröffentlicht werden, ist "Jenny". George Castrow, Außendienstmitarbeiter der Firma Allgemeine Haushaltsgeräte, geht mit einem von ihm entworfenen Kühlschrank auf Tour, lebt mit ihm im hinteren Teil eines Transporters und nicht nur auf der Fußmatte steht "Jenny und George", Kühlschrank und Vertreter sind zu einem Paar geworden. Als der Ich-Erzähler in die Firma eintritt, ist George schon 64 und ein Faktotum, der nach kurzer Ehe mit seinem Kühlschrank durchgebrannt ist, um mit Jenny Duetts in Haushaltsmärkten zu singen und den Verkauf anzukurbeln.

Wie? Was ist aus dem altersweisen Zyniker Vonnegut geworden, der noch in "Zeitbeben" meinte:

"Sigmund Freud schrieb, er wisse nicht, was Frauen wollten. Ich weiß, was Frauen wollen. Sie wollen ganz viele Leute mit denen sie reden können."

Und nun ein Kühlschrank als Ersatz? George und der Ich-Erzähler werden dem mechanischen Traum eines weiblichen Wesens verfallen, das über Funk gesteuert wird und dessen Mechanismus sich in Georges Schuhen befindet.

In "O kurze Kerze du, verlisch!" geht’s da weit weniger futuristisch zu. Eine Farmersfrau, deren Mann verstorben ist, die allgemein als Mahnmal der Tugend gilt, entdeckt die Heimlichkeit für sich und tauscht Briefe mit der Nummer 5587 aus. Solange dieses Treiben im Bereich des unsichtbaren Liebesgeflüsters bleibt, ist es ein unschuldiges Vergnügen. Doch der Mensch will stets mehr. Was bei Vonnegut angestaubt per Brief entsteht, wird auf Dating-Plattforms unserer Zeit gegen Gebühr angebandelt. Auch hier werden Fotos getauscht und im Falle von Annie Cowper Erwartungen geweckt. Es sei gleich gesagt, es geht nicht gut aus. Annie wird ihre Tugend behalten.

Als Journalist, als Kriegsteilnehmer, Polizeireporter oder PR-Fachmann hat Kurt Vonnegut viele Momente des Lebens eingesammelt. Er ist Menschen und ihren Erlebnissen begegnet. In extremen Situationen. Daraus entspringen Storys, die selbst in den überdrehtesten Momenten, einem messerscharfen, zynischen Blick entspringen und das Absurde des Glücks einfangen. 

Da fährt ein Mündel, das wohl behütet von einem Vormund durchs Leben geschleust wurde, nun endlich volljährig, zu ihm, um seine Erbschaft von zweihunderttausend Dollar anzutreten, und hat sich doch längst das Scheitern aufgebürdet. Seine erste freie Entscheidung war bereits falsch. Auf dem Beifahrersitz hockt seine frisch angetraute Ehefrau, die immer wieder betont, dass sie ihn nicht wegen des Geldes geheiratet hat. Wie man das halt so macht, wenn man einen richtigen Eindruck einzunebeln versucht. Aber nicht nur das Mündel strebt dem Verhängnis zu. Der Vormund, ehemaliger Alkoholiker, beabsichtigt, bei einer kleinen Übergabezeremonie zur Feier des Tages nach langen Jahren wieder mit einem Whiskey anzustoßen. Alles weitere braucht Vonnegut gar nicht zu erzählen, die Zwangsläufigkeit des Lebens geht ihm leicht von der Hand.

Die Kunst dieses Schriftstellers besteht darin, dass er zielsicher nur das absolut Notwendige beschreibt. Dave Eggers rühmt zwar im Vorwort Vonneguts Vermögen, seine Geschichte in einer Moral enden zu lassen, aber die Moral muss der Leser schon schulmeisterlich mitbringen. Eher beißen wir uns doch selbst in den Arm, um nicht laut loszulachen, wenn wir erkennen müssen, wie blind und dumm wir durchs Leben tapsen. Was nicht zu ändern ist, frisst sich halt selber auf.

Auch der Eisenbahnfanatiker Earl Harrison in  "Die Hand immer am Regler", dem nichts außer Loks und Schienen wichtig zu sein scheint. Auch die Sekretärinnen in "Die Mädels aus dem Schreib-Pool", die trotz allen gemeinsamen Kaffeepausen mitsamt Tischtennis-Matches einsam sind. Auch die Männer in "Hundert-Dollar-Küsse", die alle am Telefon mithören, als einer von ihnen die berühmte Patty Lee Minot anruft, um sie mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit und einem schrecklichen Geheimnis bloßzustellen.

Bevor es all die modernen Begriffe von "Stalken", "Daten" "Gamer" überhaupt gab, sind die Menschen schon so miteinander umgegangen.

Der 1922 in Indianapolis geborene Kurt Vonnegut starb nach einem Sturz an einer Kopfverletzung in New York. Mit ihm verstarb auch sein Alter Ego Kilgore Trout. Jene kongeniale Erfindung eines Autors, der er alles zuschrieb, was seine Realität zu sprengen drohte. Damit unsere Realität uns nicht selbst sprengt, sollten wir immer wieder zu den Storys dieses Autors greifen.

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