Ein plötzlicher Todesfall

  • Erschienen: Januar 2000
Ein plötzlicher Todesfall
Ein plötzlicher Todesfall
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Rosie Sabel
86

Belletristik-Couch Rezension vonJan 2013

Kleinstadt-Krieg

In der malerischen südwestenglischen Kleinstadt Pagford scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch der Schein trügt, denn hinter den Kulissen tobt ein Klassenkampf. Streitobjekte sind das am Stadtrand gelegene Sozialghetto Fields und die Drogenentzugsklinik Bellchapel. Das Establishment, allen voran Gemeinderatsvorsitzender Howard Mollison, betrachtet Pagford als "ein Ideal, eine Mikro-Zivilisation, die Widerstand gegen den nationalen Niedergang leistet". Er fordert, die Klinik solle geschlossen und Fields kurzerhand der nahegelegenen Kreisstadt übereignet werden. Mollisons Kontrahenten sind gesellschaftlich etablierte Einwanderer sowie ein buntes Bündel aus sozial Engagierten und Gutmenschen, die sozial Schwache nicht ausgrenzen wollen.

Gemeinderatsmitglied Barry Fairbrother stirbt überraschend. Diese plötzliche Vakanz ist "eine Wundertüte voller Möglichkeiten", denn nach jahrelanger Patt-Situation im Gemeinderat bietet sich für beide Parteien endlich die langersehnte Chance, mit einem geneigten Nachfolger eine Mehrheit zu bilden. Im anstehenden Wahlkampf wird mit harten Bandagen gekämpft. Es wird gelogen, betrogen und intrigiert, sogar vor Cybermobbing wird nicht zurückgeschreckt. Und natürlich kommt es zur unvermeidlichen Katastrophe.

J.K. Rowling entlarvt mit ihrer Milieustudie die Niederungen der menschlichen Natur. Faule Kompromisse und Lebenslügen, emotionale Verwahrlosung, moralische Defekte jedweder Couleur und dysfunktionale Familien in fast jedem Haus. Trotz des reichlich vorhandenen Romanpersonals findet sich weit und breit kein wirklicher Sympathieträger. Einzig die Jugendlichen kommen unterm Strich etwas besser weg, was man von der erfolgreichsten Autorin für Jugendromane sicher nicht anders erwarten konnte. J.K. Rowling gelingt es wie in ihren Harry Potter-Romanen auch hier, viele Handlungsstränge und Personen logisch und nachvollziehbar zu verweben. 

Die 1965 geborene und selbst in einer Kleinstadt aufgewachsene Autorin scheint sich persönliche Erfahrungen von der Seele geschrieben zu haben, so perfekt skizziert sie die Denk- und Handlungsweisen des typischen Kleinstädters. Wobei es offenbar keine Rolle zu spielen scheint, ob es sich um eine englische oder deutsche Kleinstadt handelt. Jeder kennt jeden, nichts kann geheim gehalten werden, jede noch so kleine Abweichung vom normalen Verhalten wird umgehend von der Gemeinschaft kommentiert und – in der Regel negativ – bewertet.

"Es wurde mehr telefoniert und überall auf den Bürgersteigen bildeten sich kleine Menschentrauben". 

Rowling, die vor ihrem Durchbruch Sozialhilfeempfängerin war und dank ihres Erfolgs inzwischen Milliardärin ist, dürfte wie kaum eine Zweite soziale Spannungen gleich von beiden Seiten kennengelernt haben und genau wissen, wie man sich als underdog fühlt. Dementsprechend ambitioniert ist sie ans Werk gegangen. Leider ist sie dabei ein wenig über das Ziel hinausgeschossen. Ein Teil der Bürger Pagfords verschließt schlichtweg die Augen vor dem drohenden sozialen Sprengstoff, während die restlichen Einwohner Drogensüchtige und Bildungsferne unterstützen und integrieren wollen. Beide Parteien sind Rowling etwas zu klischeehaft, zu starr in ihren jeweiligen Denkmustern geraten, und leider findet auf insgesamt 575 Seiten auch keinerlei Weiterentwicklung der Charaktere statt, sie bleiben statisch, trotz der durchaus drastischen Vorkommnisse. Erzählt wird in Alltagssprache, dem Genre absolut angepasst, schließlich haben wir es hier nicht mit einem klugen Zauberlehrling zu tun, sondern mit Drogensüchtigen und Analphabeten, die oft und gerne das berühmte F-Wort benutzen.

Der Roman ist letztendlich eine Metapher für die Angst des Mittelstands vor dem drohenden sozialen Abstieg, ein brandaktuelles Thema aufgrund steigender Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere. Rowlings hierfür gewählte Plattform, Gemeinderatsstreitigkeiten in einer Kleinstadt, erscheint allerdings auf Dauer etwas zu banal und langatmig, die Message schlichtweg ein wenig überdimensioniert für die Ereignisse im beschaulichen Pagford.

Nichtsdestotrotz ist "Ein plötzlicher Todesfall" ein gelungener gesellschafts- und sozialkritischer Roman, der die Augen öffnet und mit unbequemen Wahrheiten konfrontiert. Wer sich darauf einlässt, wird mit kurzweiligem und garantiert bereicherndem Lesegenuss belohnt. Allerdings bleibt abzuwarten, ob eingefleischte Harry Potter-Fans Rowlings Genrewechsel honorieren werden.

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