Die Rastlosen

  • Diogenes
  • Erschienen: Januar 2012
  • Zürich: Diogenes, 2012, Titel: 'Die Rastlosen', Seiten: 240, Übersetzt: Oliver Ilan Schulz
Die Rastlosen
Die Rastlosen
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Wolfgang Franßen
70

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2012

Von einem Rebellen, der nie einer war

Was wäre Philippe Djian ohne die Frauen? Seit "Betty Blue" treiben sie ihn an, immer wieder neue Romane zu schreiben, in denen er sie verstehen will und doch einsehen muss, dass sie nicht zu verstehen sind. Egal, ob seine Helden sie sich vom Hals halten, indem sie erst gar nicht heiraten und nur Affären unterhalten oder ob sie mit ihrer Lust, ihrer Liebe, ihrem Sex eine Familientragödie bebildern: Es sind die Frauen, die seine Geschichten wie einen Fieberanfall ausstatten.

Und natürlich das Schreiben. Wie schreiben? Wann schreiben? Warum sich nicht gleich eine Kugel in den Kopf schießen, wenn kein Satz aufs Papier will? Marc ist kein lupenreiner Schriftsteller, vielmehr einer, der über das Schreiben doziert und auch noch dafür bezahlt wird. Ein Semikünstler, der früh eingesehen hat, dass es bei ihm zum Schriftsteller nicht reicht. Er ist ruhelos, rastlos, wie der Titel schon verrät, und dann sind es vor allem die Frauen, denen sich ein Mann widmen muss, um nicht ans Schreiben zu denken. Nach einem Ausflug in die Soap mit den sechs Bänden der "Doggy Bag"-Reihe, nun also wieder purer Philippe Djian.

Das geht nicht ohne theatralische Effekte ab. So entledigt sich Marc gleich zu Anfang nach einer Nacht mit der hübschen, aber plötzlich toten Studentin Barbara der Leiche, indem er sie in einer Erdspalte verschwinden lässt. Um den Skandal zu vermeiden, der ihn die Anstellung kosten könnte. Ein Mann verliert die Nerven und kommt damit durch.

Wer sich an Javier Marias Roman "Morgen in der Schlacht denk an mich" und seine fulminante Anfangssequenz erinnert, in der auch ein Mann neben einer toten Frau aufwacht, wird enttäuscht sein. Djian ist nicht an der psychischen Ergründung interessiert, nicht an der Jagd nach der absoluten Wahrheit. Er hetzt seinen Marc lieber durch die Tage. Sag nicht, was du denkst, beschreibe lieber, was passiert, lautet das Credo.

So landet Barbara halt in der Felsspalte. Später, nach einem zweiten Mord, schiebt Marc gleich einen Polizisten hinterher. Ist die Grenze erst  einmal überschritten, ist alles möglich. Oder? Das Comichafte drängt Djians Geschichten oft an den Rand der Glaubwürdigkeit. Der Autor zeichnet darin die Impulsivität der Mittelmäßigkeit nach, die halt den Kopf verliert, wenn sie sich überfordert fühlt. Dann tritt der Wahnsinn offen zu Tage.

Marc und seine Schwester sind durch ihr Zusammenleben außerhalb der bürgerlichen Norm zu Außenseitern geworden. Fast scheint es so, als kämen sie nicht mehr voneinander los, auch wenn sie es zuweilen als Belastung empfinden. Dahinter schimmert eine verdrängte Familienkatastrophe durch. Das Gefühl einander beschützen zu müssen. Verlustängste. Das Verschwiegene, durch kleine Gesten ins Rampenlicht gezerrt, wird gleich durch den Auftritt von Marcs Vorgesetzten wieder zerstört. Das angebliche Opfer der Schwester, die den Bruder vor dem Rausschmiss bewahren will, ist hanebüchen konstruiert.

Auch die Stiefmutter Barbaras, der Marc natürlich verfällt und deren Mann auch noch in Afghanistan ist. Sie soll plötzlich die große Liebe sein, so dass Marc der nächsten studentischen Verlockung widerstehen will. Von den Anspielungen auf Tony Soprano einmal ganz abgesehen. Es muss der große Geschichtendonner her, das grelle Licht, der Spotlight auf die Unmöglichkeit der Liebe. Die Protagonisten von Djians Romanen sind allesamt Dramaqueens. Männer wie Frauen.

Er sei vor allem an seinem Stil interessiert, sagt der Autor über sich. Die Realität leidet auch in seinem neuen Roman darunter, dass sie ihm nicht genug ist, dass sie funkelnder, schneller, hektischer und kinotauglicher durchrast werden muss.

"Die Rastlosen" ist leider nicht auf Augenhöhe mit "Betty Blue", "Pax de Deux", "Matador". 

Die Rastlosen

Philippe Djian, Diogenes

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