Indigo

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Indigo', Seiten: 479, Originalsprache

Couch-Wertung:

30
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Britta Höhne
Schriftsteller im Nebel

Buch-Rezension von Britta Höhne Nov 2012

"Der Satz war ihm nicht ganz gelungen...", steht auf Seite 159 geschrieben. Nicht nur dieser Satz! Sofern überhaupt von Sätzen die Rede sein kann. Oft enden sie im Nichts, mit Dreifachpunkten bedacht oder mit endlosen Neuanfängen. Dabei geistern rund um Clemens J. Setz neuestem Roman "Indigo" Namen von Größen wie Kafka, Nabokov, David Foster Wallace - doch alleine das, macht noch keinen guten Roman aus, oder? Mag sein, dass die Geschichte des österreichischen Autors zahlreiche Attribute diverser anderen Autoren in sich vereint, mag auch sein, dass er mit seinem neuen Schriftstück wieder einmal die klassische Schreibwerkstatt verlässt, um sich auf Abwege zu begeben, aber was nützt all das, wenn am Ende alles im Dunkeln bleibt? Die wenigen Lichtstreife um die Geschichten der Indigo-Kinder lassen erst hoffen, um anschließend Hoffnung zu verlieren, weil alle Pfade im Dunkeln enden. Schade.

Setz` Roman ist mit einem interessanten Phänomen als Hintergrundbild versehen. Handelt seine Geschichte doch von den so genannten "Indigo"-Kindern, in deren Gegenwart andere Menschen Übelkeit empfinden, ihnen schlecht wird, Schwindel aufkommt und Kopfschmerz einsetzt. Dabei ist nicht bekannt, und noch weniger bewiesen, was es mit diesen Anzeichen auf sich hat. Einige Forscher beschreiben die Symptome als Hirngespinste, hirngesteuert, andere wiederum bemerken eine besondere Aura der Kinder: Eine indigofarbene.

Zurück zur Geschichte: Im Norden der Steiermark liegt die Internatsschule Helianau, in der die Kinder zu Hause sind, die an dieser seltsamen Störung leiden. Das Schulgelände weist eine enorme Größe auf, weil die Kinder und Jugendlichen Platz brauchen, Abstand halten müssen, Zonen aufbauen, um sich selbst und nicht-Betroffene nicht zu irritieren. Eben an dieser Schule ist der junge Mathematiklehrer, der zufällig genauso heißt wie der Autor - Clemens Setz - Lehrer. Der fiktive Setz beobachtet an dieser Schule nicht nur das merkwürdige Zonen-Gebaren seiner Schützlinge, sondern erlebt auch immer wieder, wie Kinder verschwinden. Dabei tragen sie eigenartige Maskierungen und werden vom Gelände gebracht. Setz hält den Schuldienst nicht lange durch. Zu sehr beschäftigt ihn Geschehenes.

15 Jahre später liest Setz einen Zeitungsartikel über einen spektakulären Strafprozess: Ein ehemaliger Professor der Helianau wird vom Vorwurf freigesprochen, einen Tierquäler ermordet und ihm schließlich die Haut abgezogen zu haben. Setz kennt den Mann: Er war sein Professor. Auch diese Geschichte endet im Nichts, lässt aber immerhin zwischendurch Gedanken an Patrick Süskinds wunderbaren Schauerroman "Das Parfum" aufkommen.

Damit noch nicht genug: Setz setzt zusammen. Fakten und Fiktion, Elemente des Kriminalromans, Science-Fiction-Motive, ein bisschen Heimat, ein bisschen Fremde, ein bisschen Alles. Der 1982 in Graz geborene Autor, der angeblich selbst an den Spätfolgen der Indigo-Belastung leidet, bastelt eine Montage. Bestehend aus dem eigentlichen Plot, aus in unterschiedlichen Typografien eingeflochtenen Berichten, aus Abhandlungen über Sex-Praktiken, der Erfindung der Glühbirne, Episoden aus Batman und Robin, Psychopharmaka, Star Trek, die Schriftsteller Thomas Pynchon und Kobo Abe (Die Känguruhefte) - ihrerseits Pioniere im Bereich der Vermischung zwischen Fantasy und Gesellschaftsroman.

Der Autor verliert sich scheinbar in seinen eigenen Spielereien, in intellektuellen Einschüben, in immer wieder kehrenden Beiläufigkeiten, in bildlichen Vergleichen, deren sich jegliche Logik entzieht: "Draußen war der Himmel so blau, dass man eine Stecknadel darin hätte fallen hören." Setz ist dabei überaus kreativ, scheint Spaß an seinen Vermischungen zu haben, nur merkt er leider nicht, dass es dem Sinn der Geschichte schadet.

Sprachlich hingegen ist der Roman ein Schatz. Setz weiß sich auszudrücken, malt Bilder und Situationen, gibt Figuren ein Gesicht, überwiegend blasse, dem Typus eines Uriah Heep aus Charles Dickens wunderbarem Roman "David Copperfield" gleich. Setz kann das, mehrfach hat er es bewiesen, in kurzen Geschichten, nicht im Roman.

"Indigo" endet so kryptisch wie es beginnt, mit einer handschriftlichen Notiz auf Niederländisch: "Deze Nummer is niet in gebruik." Der Roman nach einmaliger, streckenweise quälender Lesearbeit auch nicht mehr!

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