Ganz normale Helden

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2012, Titel: 'Ganz normale Helden', Seiten: 453, Übersetzt: Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié

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Britta Höhne
Virtueller Briefkasten für die Sünden

Buch-Rezension von Britta Höhne Nov 2012

Wären da nicht diese kleinen, feinen Spitzen. Diese Besonderheiten, die Chats mit Gott und Gott, der auch ein Kind hat und Sorgen. Wären da nicht diese zwischenmenschlichen Absurditäten, diese leisen, leidenden Beobachtungen und diese Tiefe in der Oberfläche. Wäre all das nicht, wäre Anthony McCartens neuester Roman "Ganz normale Helden" in die Reihe der Bücher einzuordnen, die sich das Internet zum Inhalt machen. Die reale und die irreale Welt und das Abtauchen ins www. McCarten hat das besser gelöst, in seiner Geschichte: Er spinnt ein Netz aus normalen Helden des Alltags und Wahnsinn.

McCartens Roman ist die Fortsetzung des bereits 2007 erschienen Bestsellers "Superhero". Donald Delpe ist der Held darin. Einer, der Comics zeichnet und auf seine ganz besondere Art genial zu sein scheint. Teenager ist er. Kein normaler, weil er sterbenskrank ist. Der Krebs siegt.

Ein Jahr lässt der in New Plymouth, Neuseeland, geborene Autor verstreichen, bis er seine Familie Delpe wieder auf erzählerische Romanreise schickt. Und wieder gelingt dem Autor, dessen Romanerfolg "Superhero" unter dem deutschen Titel "Am Ende eines viel zu kurzen Tages" verfilmt wurde, eine großartig erzählte Geschichte.

Donald also ist tot. Dem Krebstod erlegen. Jeff, der ältere der beiden Brüder, ist auch verschwunden. Irgendwie. In einem Spiel, im Internet. In einer Welt, die mit der Realität nichts mehr zu tun hat. Die Eltern, Renata und Jim, trauern. Um den Jungen, der viel zu früh das Erdendasein verlassen musste, und um den Jungen, den das Netz geschluckt hat, der seinen Vater einen "Wichser" nennt und "Feigling". 

Anthony McCarten mutet seinen Lesern viel zu. Bewegt er sich doch in zahlreichen Ebenen, in irrealen Welten, Welten, die zu helfen in der Lage sind. Der junge Jeff Delpe trauert um seinen Bruder. Konkurrenten waren sie stets und es schien, als sei der Verstorbene der Liebling von Vater und Mutter gewesen. Jeff hält durch, ein Jahr lang, will die Beziehung retten und schickt dabei sich selbst in den Krieg. Online. "Life of Lore" heißt das Spiel, das Jeff zu viel Geld, real, und Ruhm, irreal, verhilft. Seine Ambition, die Familie zu retten, bleibt erfolglos. Jeff zieht sich erst zurück und  lässt dann alles hinter sich. Zieht zu einem Freund, der, wie die Geschichte im Verlaufe zeigt, mehr für ihn ist, als nur ein guter Kumpel.

Während Jeff sich in irrealen Kriegs- und Kampfeinsätzen durch die verschiedenen Level des "Life of Lore" kämpft, kämpft seine Mutter Renate überwiegend mit den Tränen. Der Verlust ihres Sohnes lässt sie zerbrechen, zweifeln, jegliche Hoffnung verlieren. Sie pflegt weiterhin Donalds Facebookprofil, was schon absurd klingt, und findet überdies geistige Hilfe im Netz. Sie chattet mit "Gott". Fragt "warum"? Warum Donald, warum sie, warum Jeff? Gott, der sehr irdisch denkt und zeitweise an Peter Ustinovs spöttischen Roman "Der Alte Mann und Mr. Smith" erinnert, bietet Hilfe an. Und mehr: "GOTT:... du kannst mich jederzeit unter meiner privaten Mail-Adresse erreichen...nb143(at)aol.com." Absolution im Internet.

Und dann gibt es noch Jim: Vater der Jungs, Renatas Mann, Rechtsanwalt von Beruf und von daher schon klar strukturiert, wahrheitsliebend und zuverlässig. Doch auch Jim verlässt seine eigentliche Bahn. Er kauft ein Cottage auf dem Lande, zweieinhalb Autostunden von London entfernt – und einen Hund. Will dort neu durchstarten, seiner Familie zu einem Neuanfang verhelfen. Nichts dergleichen geschieht zu Beginn. Jim, der nicht gerade Netz-affine Anwalt, verlässt die reale Welt und begibt sich auf die Suche nach seinem Sohn. Im LoL, Life of Lore. Einer Mischung aus "Second World" und "World of Warcraft", einem der größten "Echtzeit-Erzählexperimente", seit Gutenberg die Druckerpresse erfunden hat, so die LoL-Programmierer.

Der Roman nimmt an Tempo zu. Die Ebenen zwischen Realität und Spiel vermischen sich, die Rechner laufen auf Hochtouren. McCarten mischt die Sprachen: Die des Alltags, mit der im Internet. Wo auf Großbuchstaben verzichtet wird, Abkürzungen regieren und Bildchen, wie das des  "internationalen Symbols für Heiterkeit, :)." Auch "GOTT" mischt mit und unterstützt mit Glauben.

Jim findet seinen Sohn, der sich im Netz "Merchant of Menace" nennt, (in Anlehnung an Shakespeares  Merchant of Venice, Kaufmann von Venedig), reales Geld damit verdient, anderen Spielern den Weg zu weisen. Jim, der zunehmend ins Absurde abtaucht, mutiert zum Cyberstalker, verfolgt seinen Sohn, lässt sich sogar von ihm retten, nur um zu erfahren, dass er offensichtlich Sklave ist, "LUTHER" gehört und auch sonst anders zu sein scheint, als Jungs in seinem Alter. 

McCarten steht zu seinen Figuren. Die Charaktere bleiben durchgehend wie sie zu Beginn der Geschichte sind: Stark. Stark in der Trauer und stark im Kampf gegen sie, im Netz und draußen.

Der Neuseeländer lässt seine Figuren nicht alleine, er unterstützt sie konsequent im oft schwer zu ertragendem Alltag. Dabei hat er durchaus eine Meinung und die richtet sich, wenngleich der moralische Zeigefinger unten bleibt, eindeutig gegen das Netz. Er nutzt "GOTT" um zu sagen: "Leute, setzt euch zusammen, redet." Das www. trübt die Sinne, macht einsam und lässt das Sprechen verlernen. Dennoch gibt McCarten zu verstehen, dass es auch Spaß machen kann, sich den Spielen zu nähern – solange die Realität nicht auf der Strecke bleibt. Denn, das wissen McCarten, Renata, Jim und Jeff ganz genau: Glück ist endlich. 

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Letzte Kommentare:
12.05.2016 16:48:31
Eskalina

Manchmal muss man einen ungewöhnlichen Weg gehen, um etwas wiederzubekommen, das man verloren hat – diese Erfahrung muss Jim Delpe gehen, als er seinem Sohn in das Onlinespiel LoL folgt. Sehr schnell wird er von dieser virtuellen Realität gefangen genommen und erfährt auf der Suche nach seinem Sohn auch sehr viel über sich selbst. McCarten nimmt sich in seinem neuen Roman die Welt des Internets vor. Es geht um ganz normale Menschen, die ihren ganz normalen Alltag leben, in den mittlerweile fast überall das Internet Einzug gehalten hat und einen großen Teil der täglichen Routine beherrscht. McCartens „ganz normalen Helden“, die Familie Delps ist dabei, an der Trauer um den Tod des jüngsten Sohnes zu zerbrechen und schafft sich ihre virtuellen Rückzugsorte. Hier können sie sein, wie sie sind – Jeff wird der große Abenteurer und Held in LoL, Jim, im normalen Leben Anwalt und Kämpfer gegen das Verbrechen ermordet plötzlich Kinder und Renata, Übermutter und Hausfrau, sinniert mit einem Seelsorger über Sünde und Moral.

Es ist der Schreibstil von McCarten, der mich immer wieder so begeistert. Es ist, als würde man zusammen mit seinen Figuren durch die Handlung gehen. Gerade bei diesem Plot gerät man in einen Sog, der einen immer tiefer in die Verwicklungen um die Delps hineinzieht. Man spürt in jeder Zeile mit der er die drei Familienmitglieder beschreibt, ihre Mischung aus Trauer, Wut und Hilflosigkeit und sieht als Leser, wohin die Reise in die Scheinwelt führen kann und möchte sie am liebsten warnen. Wie schnell moralische Grenzen überschritten werden und welche Gefahren der Schritt aus der Anonymität des Netzes in die reale Welt bergen kann, all das macht McCarten hier deutlich. Manchmal finden sich ein paar kleine Klischees, doch sie passen zu der Handlung, in der es ja um große Gefühle geht. Wer sich nicht mit Online-Spielen auskennt, der dürfte eventuell nicht so schnell den Zugang zu den vielen geschilderten Szenen haben, die Jeff und Jim online erleben und diese Episoden möglicherweise als etwas zu langwierig empfinden – mir haben sie sehr gut gefallen.
Bei diesem Roman handelt es sich um die Fortsetzung von „Superhero“, und doch um eine eigenständige Geschichte. Man muss „Superhero“ nicht kennen, um sich von den „ganz normalen Helden“ begeistern zu lassen.

Mein Fazit: Ich bin wieder einmal total begeistert von McCarten. Mit diesem Roman hat er sich meiner Meinung nach noch einmal gesteigert und ich hoffe, dass er, der sich scheinbar so gut in virtuellen Welten auskennt, seine Zeit nicht dort verbringt, sondern schon fleißig an seinem nächsten Buch schreibt...

13.01.2015 14:02:02
Nightrider

Jim ist ein langweiliger Rechtsanwalt, seine Frau Renata eine überbesorgte, depressive Mutter. Die beiden haben ihren Sohn Donald als Jugendlichen durch Krebs verloren (Buch "Superhero") und verlieren nun ein Jahr später auch noch ihren zweiten Sohn Jeff. Er geht weg und hinterlässt keine Adresse und niemand weiß, wo er ist. Da macht Jim sich im Internet auf die Suche nach seinem verlorenen Sohn und entdeckt dort ganz erstaunliche Dinge über seinen Sohn und über sich selbst und über das Leben ...

Der 52jährige Neuseeländer Anthony McCarten schreibt flüssig, spannend, humorvoll. Man mag das Buch gar nicht wieder aus der Hand legen. Neben den beiden Grundstories - Jim wird zum Helden "Agi" im Internetspiel "Life of Lore" und Renata chattet immer wieder mit einem virtuellen Beichtvater namens "Gott" - innerhalb dieser beiden Stories gibt es jede Menge internetmäßig vertrackte Einzelfragen: Soll Agi im Spiel dem hilfreichen Captain Friendly trauen oder seinen Kopf mit einem headshot zum Platzen bringen? Wie haben ein männlicher Agi und eine weibliche Kayla im Internet Sex miteinander, und was passiert dabei mit den Personen an der Computertastatur? Ist es moralisch erlaubt, maskiert im Internet mit seinem eigenen Sohn ein Buddy-Gespräch von Mann zu Mann zu führen, und was macht man, wenn man dabei Dinge über sich zu hören bekommt, die man gar nicht wissen will? Und ganz ernsthaft spitzt sich der Roman immer mehr auf die eine große Frage zu: Welche Auswirkungen hat ein intensives Teilhaben und Mitspielen in einer virtuellen Internetwelt ("Life of Lore") auf mein Verhalten in der realen Welt? Der Roman spielt deutlich mit der These: Ein Internetspiel ist keineswegs nur ein Spiel. Wer im Internet Mut und Kampfgeist und Durchsetzungsfähigkeit trainiert (Agi), verändert sich nach und nach auch im realen Leben. So findet sich der Langweiler Jim plötzlich in einem sehr realen, lebensbedrohlichen Kampf Mann gegen Mann mit einem mehrfach bestraften Gewalttäter wieder ...

Man merkt, dass McCarten kein Jugendlicher mehr ist; seine Einblicke in die Absurditäten und Brutalitäten des Internets sind keineswegs so überraschend und schockierend, wie die handelnden Personen des Romans immer wieder sagen. Es geht im realen Internet noch viel bunter und wilder zu als in diesem Roman. Aber der Roman vermittelt auf humorvolle Weise treffende und solide Grunderkenntnisse über das world wide web, ist vergnüglich zu lesen und - hat ein tolles, sogar biblisches happy end: Alles wird gut. Lukas 15, 20 leuchtet anschaulich wie eine gut verfilmte Theaterszene vor dem inneren Auge des Lesers auf. Der Kampf und das Leiden hat ein Ende.

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