Die Zeit, die Zeit

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2012, Titel: 'Die Zeit, die zeit', Seiten: 296, Originalsprache

Couch-Wertung:

35
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Wolfgang Franßen
Witwer unter sich

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Dez 2012

Es soll ja Leser geben, die Bücher von hinten lesen. Sie schlagen die letzten Seiten auf und überlegen sich danach, ob sie die ganze Geschichte lesen wollen. Wer das mit Martin Suters neuem Roman so handhabt, dürfte enttäuscht werden. Das da hinten hat mit dem da vorne wenig zu tun. Das ist nur angeklebt, weil ein Autor einen Aufheller benötigte. Auf knapp 296 Seiten wartet Suter hier mit einer scheinbaren Überraschung auf, die niemanden überraschen dürfte. Irgendwas musste ja kommen, wenn wir uns schon die ganze Zeit fragen, was soll das? Vorausgesetzt man klappt das Buch nicht nach einem Drittel zu.

Die Geschichte dreht sich um zwei Nachbarn, die einen Verlust erlitten haben. Beide haben sie ihre Frauen verloren. Beide sind auf der Suche nach Erlösung. Peter Taler übt sich in Rachegedanken, nachdem seine Frau Laura vor der Haustür erschossen wurde. Knup, baut an einem Museum der eigenen Erinnerungen, will sich zwanzig Jahre zurück nach 1991 katapultieren, als seine Frau noch lebte. Beide sind sie auf der Suche, die innere Leere seit dem Verlust zu überwinden.

Der Tod ist immer sinnlos für denjenigen, der weiter leben muss. Beide Männer hängen in der Zeitschleife der eigenen Gedanken gefangen. Die Tage verlaufen in bleierner Wiederholung zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit. Wo Taler den Mörder sucht, ersetzt Knup Altes gegen Junges. Als Witwer leben sie gegen ihre Depressionen an. Bis Taler eines Tages das letzte Foto seiner Frau auf einer Digitalkamera entdeckt. Die Aufnahme führt ihn ins Haus seines Nachbarn Knup. Der schon auf ihn wartet. Der einen Seelenverwandten für die Umsetzung seiner ehrgeizigen Ziele braucht.

Was anfangs wie ein Spiel mit der Zeit aufgerissen wird, die laut Knup nur deswegen existiert, weil wir die Veränderungen um uns und in uns wahrnehmen, wächst zu einem lähmenden Brei von Beobachtungen an. Nichts ist unwichtig. Alles wird aufgeschrieben. Die esoterische Theorie von der Unmöglichkeit der Zeit kommt bei Suter wie eine Inventarliste daher, die danach schreit, wiederhergestellt zu werden. Wie besessen, als wären Leser nicht in der Lage, sich die Manie zweier zutiefst verzweifelter Menschen vorzustellen, die nach dem letzten Strohhalm greifen, beginnt Suter mit der Rekonstruktion eines bestimmten Tages im Oktober 1991, von dem es zufällig hunderte Aufnahmen gibt. Und hier verlässt der Autor seine Gabe, über die Eigenarten seiner Figuren ihr Handeln nachvollziehbar zu machen. Er unterwirft sich dem Detail.

Wer der größere Überspannte von beiden ist, - Knup oder Taler - mag dahingestellt sein. Taler in seiner Sucht seinem alten Nachbarn in seiner Verblendung zu helfen, indem er mit Knup dessen Umwelt so gestaltet, dass Knup aus seinem Leben die letzten zwanzig Jahre herausschneidet, ist vollkommen unglaubwürdig. Sprechen Autoren davon, dass ihre Figuren ein Eigenleben entwickeln, ist in "Die Zeit, die Zeit" der Zwang spürbar, Figuren einer Idee unterzuordnen.

Es knarrt gewaltig in der Konstruktion. Schon die Begründung, warum es möglich sein soll, dass die Zeit nicht existiert, nur vom Menschen vorgeschaltet wird, scheitert am Menschen selbst. Dessen Gedanken, dessen Alter lassen sich nicht einfach auflösen. Was wenn das Wetter nicht mitspielt? Auch der Kriminalfall verleiht nur annähernd der Rahmenhandlung etwas Logik. Wenn es ans Ende geht, Totgeglaubte leben, Erschossene mit einem Flugzeug abgestürzt sind, ein Swimmingpool an einer Stelle steht, an der er nicht stehen darf, wirds richtig ärgerlich.

Die Idee in "Die Zeit, die Zeit" mag faszinieren. Nachzuweisen, dass es die Zeit nicht gibt, was für eine Herausforderung. Wenn dann alle Bäume geschrumpft, die richtigen Automodelle umgespritzt an der richtigen Stelle in der Straße geparkt stehen, Knup schönheitsoperativ behandelt worden ist, jede Falte auf dem Bett richtig liegt, die Stecknadeln die richtige Farbe besitzen, ist man längst in Langatmigkeit erstickt. Eine Idee, die vielleicht für eine Erzählung ausgereicht hätte, wirkt wie auf einen Roman upgeloaded.

Oder wollte Suter uns eines erfahrbar machen, wie sehr die Zeit einen doch belasten kann, wenn wir uns langweilen?

Die Zeit, die Zeit

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