In ihren Augen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Bloomsbury, 2012, Titel: 'In ihren Augen', Seiten: 320, Übersetzt: Matthias Strobel

Couch-Wertung:

70
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Andreas Kurth
Liebe, Mord und Machtspiele der Gauchos

Buch-Rezension von Andreas Kurth Nov 2012

Benjamin Miguel Chaparro hat viele Jahrzehnte im argentinischen Justizapparat gearbeitet. Nun ist er frisch pensioniert, und schwänzt einfach die Abschiedsfeier, die seine Mitarbeiter mehrere Wochen lang akribisch vorbereitet haben. Stattdessen lenkt er seine Schritte noch einmal in den Justizpalast, in das Büro der seit vielen Jahren von ihm heimlich verehrten Richterin Irene Hornos. Diese heimliche Liebe, die er der Angebeteten nicht gestehen mag, ist die große Tragik seines Lebens. Auch um ihr zu imponieren, will er jetzt als Pensionär ein Buch schreiben, und darin einen dramatischen Fall schildern, den er 25 Jahre zuvor als Akteur selbst miterlebt hat. Im Mai 1968 wurde die junge Liliana Colotto Morales in ihrem eigenen Schlafzimmer brutal vergewaltigt und ermordet. Ihr am Boden zerstörter Ehemann sucht jahrelang verzweifelt nach dem Täter, denn der Justiz gelingt es nicht, den Mörder zu fassen.

Schließlich ist es Chaparro, der mit Hilfe seines Freundes und Kollegen Sandoval den Mörder nach drei Jahren doch noch überführt. Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre ist in Argentinien jedoch die Zeit der Militärjunta, Recht und Gesetz spielen keine große Rolle – Beziehungen zum Militär sind viel wichtiger. Durch den Eingriff des Militärgeheimdienstes wird Gomez, der Mörder von Liliana, nur wenige Wochen nach seiner Festnahme entlassen, ohne das es zu einer Gerichtsverhandlung gekommen ist. Er hat sich dem brutalen Regime als Spitzel angeschlossen, angeworben von einem einstigen Widersacher Chaparros. Es gibt sogar einen Anschlag auf Chaparro, den dieser jedoch durch einen glücklichen Zufall übersteht. Ricardo Augustin Morales, der Witwer der schönen Liliana, sucht daraufhin weiter nach dem Mörder seiner über alles geliebten Frau – und findet ihn schließlich auch.

Eduardo Sacheri schildert in seinem Roman einen ungewöhnlichen Kriminalfall, aber das ist im Grunde nur die äußere Hülle, um ganz andere Dinge zu thematisieren. Es geht um intensiv empfundene Liebe. Die in einem Fall bis über den Tod hinaus besteht und zu ungewöhnlichen Handlungen führt. Und es geht um eine unerfüllte, nicht eingestandene Liebe, die für den Protagonisten zur Tragik seines Lebens wird. Dabei baut der Autor auch Spannung auf, aber er liefert genauso viel Stoff zum Nachdenken, Anrührendes, und auch erschreckende Einblicke in die gesellschaftlichen Verhältnisse in seinem Heimatland zur Zeit der Militärdiktatur. Wie tief ihn speziell dieser Aspekt berührt, zeigt Sacheri in seinem Nachwort, wo er betont, dass er die Figuren und die meisten Handlungen in seinem Buch frei erfunden hat. Keine Erfindung seien allerdings die Verhältnisse unter der Militärdiktatur, die leider der Realität im Argentinien dieser Zeit entsprächen.

Die Brutalität unter der Militärjunta, die damit einhergehenden Verquickung von Politik, Militär, Geheimdienst und Justiz ist schon erschreckend, aber eben leider höchst realistisch. Der Autor schildert unter anderem das Verschwinden eines jungen Mannes, der vermutlich in einem Folter-Lager des militärischen Geheimdienstes gelandet ist. Wer denkt dabei nicht gleich an die couragierten Mütter des Platzes der Mai-Revolution (die Madres de Plaza de Mayo)? Diese Organisation argentinischer Frauen protestierte in der Endphase der Militärjunta von 1976 bis 1983 gegen das ungeklärte Verschwinden ihrer Kinder. Sacheri baut diese Dinge äußerst geschickt in seine Geschichte ein – sie stehen nicht im Vordergrund, sind aber stets präsent.

Benjamin Miguel Chaparro ist ein überaus ungewöhnlicher Protagonist. Der Autor verlangt seinen Lesern große Aufmerksamkeit ab, um die Zeitsprünge mitverfolgen zu können. Denn er wechselt zwischen der Gegenwart und der Schilderung der Vergangenheit in Chaparros Buch. Chaparros Gedanken sind auch nicht besonders gradlinig, sondern eher sprunghaft und verwinkelt. So wird beispielsweise das Motiv, das ihn zum Verfassen eines Romans treibt, erst scheibchenweise deutlich. Er schildert die tragische Geschichte um die ermordete junge Frau und den darüber in schiere Verzweiflung geratenen Witwer. Die verzweifelte Liebe kontrastiert mit der tragischen Liebe, die der Justizmitarbeiter für Irene Hornos empfindet. Leider bleibt der Autor in beiden Fällen eher distanziert, schildert die Gefühle der beiden Männer aus der Distanz, indem er lediglich ihre Handlungen beschreibt.

"In ihren Augen" ist keine leichte Kost, und dennoch hätte der Autor an manchen Stellen gerne etwas tiefer gehen dürfen. Es ist auf alle Fälle ein unterhaltsames, nachdenklich machendes Buch. Irgendwie hat der Autor aber zu viele Baustellen begonnen. Ein Kriminalfall, die gesellschaftlichen Verhältnisse in Argentinien unter der Junta, und zwei Liebesgeschichten. Ich will nicht sagen, dass dieser Roman unvollständig wirkt, aber etwas mehr Substanz hätte daraus ein herausragendes Werk gemacht. So ist es ein gutes und lesbares Buch – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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