Meine geheime Autobiografie

  • Aufbau
  • Erschienen: Januar 2000
Meine geheime Autobiografie
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Wolfgang Franßen
92

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2012

Da hätte ich eine Geschichte zu erzählen... meine.

Angeblich soll Mark Twain einmal einen Vortrag über das Komische gehalten haben. Allerdings war der Vortrag zu kurz. Er schaffte es auch nicht, seine Zuhörer zum Lachen zu bewegen, was in seiner Absicht lag, so dass er ihn noch einmal vorlas. Was auf eine gewisse Unruhe im Publikum stieß. Twain besaß die Chuzpe, ihn erneut zu wiederholen, was dazu führte, dass sich ein Grinsen breitmachte. Angeblich soll er ihn immer und immer wieder wiederholt haben, bis seine Zuhörer in Gelächter ausbrachen. Eine jener Anekdoten, die über das Genie des hintergründigen Humors kursieren. Vor allem auch ein Einblick in die Gaben eines begnadeten Redners.

So verwundert es nicht, dass er, der um seine schonungslose Ehrlichkeit wusste, sich vor sich selbst zu schützen suchte, und die Veröffentlichung seiner Autobiografie hundert Jahre sperrte. Erst sollten alle verstorben sein, die sich hätten gekränkt fühlen können oder weit schlimmer eine Veröffentlichung verhindert hätten. Vielleicht auch wegen des Morris-Zwischenfalls, in dem ein gewisser Präsident Theodore Roosevelt eine Rolle spielt, als eine Bittstellerin gewaltsam aus dem Weißen Haus geschleift wurde, nachdem sie von ihrem Vorhaben ihren Präsidenten sprechen zu wollen, nicht ablassen wollte. Der Autor ist so klug zu ahnen, dass hundert Jahre später sich niemand an diesen Skandal erinnern, geschweige denn wissen wird, wer Ms. Morris war. Und so ist es mit allem was uns wichtig ist. Für das wir in den Kampf ziehen. Twain wusste das.

Die 1129 Seiten inklusive Anmerkungen, die nun im Aufbau-Verlag erscheinen, sind erst der Anfang. Es sollen zwei weitere Bände folgen. Viele Passagen des unter Verschluss gehaltenen Werks sind vorab veröffentlicht worden. Ist ein Autor erst einmal tot, dann scheren sich die Rechteinhaber selten um seinen letzten Willen. Wie wir auch bei Thomas Bernhard und seinem Österreich-Bann immer wieder erleben dürfen.

Eigentlich hieß Twain ja Clemens und war Mitglied einer illustren Familie, deren Ahnen Seeräuber waren. Dass er seine Autobiografie nicht aufgeschrieben hat, sondern die Erinnerungen diktierte, lag an den vielen Ansätzen, Versuchen, Abbrüchen, um für dieses Leben eine Form zu finden. Sie alle bereiten den Boden für ein amüsantes Gespräch, bei dem wir Leser uns amüsiert zurücklehnen und nichts als zuhören wollen.

All das, was Twain gerade einfällt, wird auch angesprochen. Die sonst übliche, chronologische Auflistung von Lebensdaten geht dabei verloren. Was nicht weiter stört, zu einem ehrlichen Gespräch gehören Abschweifungen, Übertreibungen und auch der ein oder andere Schwindel. Mitunter spitzbübisch, gerade wenn es um seine Liebe zu seiner Frau Olivia Langdon geht, lernen wir doch eine glückliche Familie kennen, die von schweren Schicksalsschlägen geprüft wurde. Erst stirbt der Erstgeborene und auf einer Auslandreise erreicht ihn viele Jahre später die Nachricht vom Tod seiner Tochter Susie, die an Meningitis starb.

In den anrührenden Passagen folgt Twain Susies Biografie, die seine Tochter einmal heimlich über ihn angefertigt hat, lobt ihren klugen Kopf und ihr Einfühlungsvermögen. Er gesteht sich ein, dass sie mit allem, was sie über ihn und seine Kauzigkeit geschrieben hat, wie sie ihn als Vater, als Ehemann, als gefeierten Schriftsteller charakterisierte, richtig lag. Und Twain wäre nicht der Erzähler, der er ist, wenn er für all das nicht gleich eine Episode zur Hand hätte.

Seine Lebensbeichte besitzt den Charme eines Menschen, der nicht unglücklich über seine Jahre auf Erden war. Er wurde als sechstes Kind am 30. November 1835 in Florida Missouri geboren und starb am 21 April 1910. Ein Mann des 19. Jahrhunderts, der uns nicht nur "Huckleberry Finn & Tom Sawyer" und "Ein Yankee am Hofe König Arthurs" geschenkt hat, der trotz aller Scharfzüngigkeit eine tiefe Zuneigung zu den Menschen empfand. Heuchelei und Verlogenheit waren ihm zutiefst verhasst.

Twain, der wandernde Schriftsetzer, der Lotse auf dem Mississippi, der Freimaurer, der Soldat, der Goldgräber, der Erfinder von Klatschgeschichten, die manchmal nicht gut ankamen, so dass er seine Zelte abbrechen musste. Er hat sich überall ausprobiert. Auf Hawaii wie in San Francisco, in Europa wie im Nahen Osten. Ein Draufgänger, ein Abenteurer, ein Beobachter, ein Chronist und Schriftsteller, der sich ständig bewegen musste. Von Ort zu Ort. Er sammelte die Eigenarten seiner Mitmenschen ein und schrieb sie auf.

Ein Mann, der sich nicht maßregeln lassen wollte, der lieber auf Vortragsreisen ging, als nach einem Zeitungscrash Bankrott zu sein. Der in Wien den Antisemitismus anprangerte, und in seiner Autobiographie ein Bild der Sklavenhaltung in seiner Jugend zeichnet, die allgemein akzeptiert war. Wie auch nicht, wenn der Pfarrer von der Kanzel herab Stellen aus der Bibel zitierte, die sie rechtfertigten. Dass aber etwas, was normal scheint, nicht normal sein muss, dass sich alles hinterfragen, womöglich gar ändern lässt, die Fragen danach stellte Mark in seinen Reden, seinen Artikeln, seinem schriftstellerischen Werk.

Das Leben ist nur mit Humor zu ertragen, schreibt er ins Leben hinein. Nehmen wir uns selbst oder andere zu ernst, dann nicht. Und so verwundert es nicht, dass dieser Autor zu den meist zitierten Schriftstellern überhaupt gehört. Er vermochte zuzuspitzen, in Worte zu packen.

Seine Autobiografie ist ein Fest. Dazu sollten wir uns einen Whiskey einschenken und ihn reden lassen. Über sich und all die Menschen, denen er so begegnet ist. Mark Twain, alias Samuel Langhorne Clemens, würde mit uns trinken wollen.

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