Sämtliche Erzählungen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2012, Titel: 'Sämtliche Erzählungen', Seiten: 900

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Wolfgang Franßen
Warum muss es denn immer Tomatensuppe sein?

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Katherine Mansfields Aufbruch von Neuseeland nach Europa schob ein Leben an, das sich ständig ausprobierte. Lange Zeit schrieb sie nicht einmal. Dass sie den Kopf, das Talent dazu besaß, stellte sie schon bald unter Beweis. Die nun im Diogenes Verlag erschienenen zwei Bände beginnen mit ihren noch recht bigotten um Stil bemühten Geschichten wie "Der Baron" oder "Frau Brechenmacher nimmt an einer Hochzeit teil" und vereint im ersten Viertel "In einer deutschen Pension" das beschauliche Leben des späten wilhelminischen Reichs in Bayern. Mansfield ist eine Erzählerin, die um Form bemüht ist. Allerdings fehlt noch der doppelte Boden, der ihre Spätwerke durchweht. Auch dort wird nicht viel geschehen, aber das viel pointierter. Chechovs Minimalismus reizte sie später, den Erzählstil des 19.Jahrhunderts zu verlassen und sich der Moderne zuzuwenden.

"Was kann man auch tun, wenn man dreißig ist und an der eigenen Straßenecke plötzlich von einem Glücksgefühl, von einem Gefühl reinen Glücks überwältigt wird, als hätte man plötzlich einen leuchtenden Schnitz Nachmittagssonne verschluckt und als brennte es einem in der Brust und jagte einen kleinen Funkenregen durch den ganzen Körper, bis in jeden Finger und Zeh?"

Gleich zu Beginn ihrer Erzählung "Glück" überfällt sie ihre Leser mit dieser emotionalen Selbstbetrachtung und gleich hat man das Gefühl, da schafft es tatsächlich eine Autorin, Worte für das zu finden, was wir alle kennen, das wir aber nicht zu beschreiben vermögen. Jetzt plötzlich wissen wir, wie sich das anfühlt, was da mit uns geschieht, wenn wir uns betrogen sehen. Egal ob unsere Vermutung Bestand hat oder nicht. Mansfield stellt sich dem Wagnis, die Welt zu beschreiben. Sie will sich nicht unterordnen. Sie will nicht belehren. Viel Zeit ist ihr nicht geblieben.

1888 in Wellington geboren, starb sie schon 1923  in Fontainebleau bei Paris. Und wenn wir Antony McCarten glauben dürfen, der ein hymnisches Vorwort über die Autorin voranstellt, begann Katherine Mansfields Meisterschaft erst, als sie die "Todeszone" betrat, und wie viele Autoren vor ihr an Tuberkulose erkrankte. Sie ist weniger eine Zynikerin, als eine genaue Beobachterin. Bisweilen mit einem Hauch Satire.  Andrew McCarten bezeichnet es als ihr Lebensmotto:

            "... dass es nicht ausreicht, ein einziges Leben zu führen."

Wie kann ein Mensch besser diesen Gedanken in die Tat umsetzen, als wenn er sich hinsetzt und Leben erfindet? Für einen kurzen Moment reißt Mansfield die Türen, die Fenster auf, um in fremde Wohnungen zu blicken. Wie kann der Hunger nach neuen Erfahrungen besser beschrieben werden als in "Die kleine Gouvernante"? Wenn Mansfield sich ihrer Heimat zuwendet, sie in ihren Geschichten heraufbeschwört, erscheint ihr das Leben erst fremd und bleiern. Später jedoch durch den Schicksalsschlag, als ihr Bruder Leslie stirbt, dreht das ins Gegenteil um. Plötzlich scheint Neuseeland ein Sehnsuchtsort zu sein.

Wie anders war da Paris. Das Leben der Bohème. Voll romantisierendem Ungestüm in "Etwas Kindliches aber doch sehr Natürliches". Ein bunter Strauß an Liebe und zerschellter Hoffnung. Es soll ja auch heute noch vorkommen, dass zwei Menschen die sich lieben, eine gemeinsame Zukunft herbei phantasieren und plötzlich einer von beiden bemerkt, dass er allein in seinem Traum aufwacht.

Katherine Mansfield muss sich nach der Diagnose, sie habe Tuberkulose, wie aus dem Paradies vertrieben gefühlt haben. Sie begehrt gegen die innere Lähmung auf. Sie schreibt meisterhafte Erzählungen "Die Bucht" "Der Fremde", "Das Puppenhaus". Alles dreht sich um die Liebe. Um Nähe wie Verlust. 

Sie ist vierunddreißig, als sie stirbt. "Das Gartenfest" wird erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden. Wieder Impressionen, Empfindungen, gestaute Eindrücke, die Katherine Mansfield zur literarischen Forscherin des weiblichen Augenblicks machte.

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Letzte Kommentare:
21.12.2014 16:25:23
Manfred Orlick

Die aus Neuseeland stammende Schriftstellerin Katherine Mansfield (1888 - 1923) hat mit ihren Erzählungen die englische „Short Story“ begründet, ja neben Anton Tschechow gilt sie als die Begründerin der modernen Kurzgeschichte überhaupt.

In ihren mit viel stilistischem Können verfassten Erzählungen zeichnete Mansfield messerscharfe Momentaufnahmen nach, wo ein unscheinbares Ereignis, eine Geste nur oder eine kleine Handlung plötzlich die Wahrheit offenbaren. Dabei wurde Mansfield häufig von ihren neuseeländischen Kindheitserinnerungen inspiriert. Auch persönliche schicksalhafte Erlebnisse (wie die gescheiterte erste Ehe, die Totgeburt ihres Kindes, der Tod des Bruders oder ihr späteres Lungenleiden) fanden hier ihren Niederschlag. So geben diese Augenblicksimpressionen Einblicke in das alltägliche Leben der neuseeländischen Gesellschaft zur Jahrhundertwende sondern sind auch ein Spiegelbild ihrer Biografie.

Im Diogenes Verlag liegen nun ihre „Sämtlichen Erzählungen in zwei Bänden“ vor. Dabei überrascht die Fülle von immerhin knapp neunzig Erzählungen, die Mansfield in einem Zeitraum von etwa zwölf Jahren geschaffen hat. Die Erzählungen auf den tausend Seiten sind in fünf Abteilungen aufgeteilt. Den Auftakt macht ihr Debütband „In einer deutschen Pension“, mit dem Katherine Mansfield 1911 die literarische Bühne betrat. Es sind humoristische und scharfzüngige Beobachtungen, die sie zwei Jahre vorher während eines Kuraufenthaltes im bayerischen Kurstädtchen Bad Wörishofen gemacht hatte. Sie porträtierte die Pensionsbewohner und schilderte deren merkwürdiges Gebaren.

Mit ihrem zweiten Erzählband "Prelude" (1916) gelang Mansfield der endgültige literarische Durchbruch. Hier entwickelte sie ihren charakteristischen Kurzgeschichtenstil. In der Titelge-schichte, die unter dem Titel „Aloe“ als Roman geplant war, verarbeitete Mansfield ihre neuseeländische Kindheit. In „Bliss“ („Glück“) geht es dagegen um Ehe, Ehebruch, tatsächlichen und eingebildeten Betrug.

Bald darauf erkrankte Mansfield an Tuberkulose und es begann für sie ein Wettlauf mit der Zeit. So blieb die Kurzgeschichte bis zu ihrem frühen Tod ihre einzige Ausdrucksform. Der Band „The garden party and other stories“ (dt. “Das Gartenfest”) war 1922 ihre letzte Veröffentlichung. In der Titelgeschichte kontrastierte die Autorin die unbeschwerte Stimmung eines Gartenfestes mit dem Tod eines jungen Mannes.

Der zweite Band der Diogenes-Ausgabe bringt die beiden Sammlungen „The doves‘ nest and other stories“ (1923, dt. „Das Taubennest“) und „Something childish but very Natural“ (1924, dt. „Etwas Kindliches, aber sehr Natürliches“), deren Geschichten teilweise unvollendet sind und erst nach ihrem Tod erschienen. Zahlreiche Erzählungen dieser Sammlungen zeugen auch von Mansfields Beschäftigung mit dem nahen Tod oder sind düstere Auseinandersetzungen mit den Folgen des Krieges.

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

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