Das Haus Tellier

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2012, Titel: 'Das Haus Tellier', Seiten: 224, Übersetzt: Georg von der Vring

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Britta Höhne
Liebe lauert im Hinterhalt

Buch-Rezension von Britta Höhne Okt 2012

Bereits die erste Geschichte in Guy de Maupassants "Das Haus Tellier" geht unter die Haut. Mit "Der kleine Soldat" ist sie überschrieben und zählt nur achteinhalb Seiten. Darin verbirgt der Vielschreiber Maupassant alles, was es auf der Palette der menschlichen Regungen zu finden ist: Liebe, Hass, Verzweiflung, Heimweh, Eifersucht, Hunger, Tod. Maupassant war ein feiner Beobachter, in einem Atemzug mit den wohl bedeutendsten französischen Erzählern des 19. Jahrhunderts Stendhal, Balzac, Flaubert und Zola zu nennen. Er galt als Lebemann, einer, der offensichtlich ahnte, dass sein Leben nur von kurzer Dauer sein würde, er war frech für seine Zeit, unglaublich offen – und sollte immer noch gelesen werden.

Die beiden Soldaten waren klein und schmächtig, "sie verschwanden fast in ihren zu weiten und zu langen Uniformröcken". Ihre Gesichter waren einfältig, "von einer geradezu tierischen Einfalt".  Maupassant beschreibt seine Figuren nicht, er zeichnet sie – ähnlich den Zille-Gören im Berlin von einst.

Sachlich schildert der 1850 in der Normandie geborene Franzose die Situation der beiden jungen Männer. Er berichtet über das traurige Leben der Soldaten fernab der Heimat. Alles was sie glücklich macht, ist die regelmäßige Begegnung mit einer jungen Magd. Beide verlieben sich. Einer bekommt sie, der andere stirbt. Lehnt sich zu weit über eine Brüstung, stürzt in die Tiefe. Selbstmord aus Eifersucht? Der, der übrig bleibt, leidet noch mehr. Verliebt zwar, aber die Trauer lässt ihn nicht mehr los. 

Immer wieder rückt Maupassant in seinen Geschichten die Anmut des weiblichen Geschlechts in den Vordergrund. Er, der Franzose, liebt die Frauen, lässt er einen seiner Figuren sagen – und meint vielleicht auch sich selbst. Egal ob Edelfrau oder Hure, Maupassant verleiht ihnen allen ein edles Antlitz und eine Stimme. "Die Stadt lag wie von Liebe überflossen; und die jungen Frauen, die in ihren Morgenkleidern vorübergingen, Zärtlichkeit in den Augen, Anmut im Gang, machten mir heftig Herzklopfen", heißt es in "Im Frühling". Passagen wie diese, sind keine Seltenheit im Hause Tellier.

Das wiederum ist ein Bordell. Ein feines. Eines, in dem die Prostituierten zwar körperliche Unregelmäßigkeiten aufwiesen, aber dennoch von besonderer Schönheit waren. Individuell. Jede Dame des viel besuchten Etablissement war mit einem Spitznamen versehen. Einem, der ein besonderes Merkmal zum Inhalt hatte. Eines Tages jedoch war das Bordell geschlossen. "Wegen Kommunion", war an der verriegelten Tür zu lesen. Die ganze Damenschar um Madame Tellier hat sich auf dem Weg zu ihrem Bruder gemacht, um der Kommunion der kleinen Nichte beizuwohnen. Von Paris aus ging es aufs Land, was Maupassant nicht ohne Ironie erzählte: "...wenn der Mann auf dem Land fünf Meilen weit reist, so bedeutet das für ihn soviel, wie wenn unsereiner nach Amerika fährt."

Die Frauengruppe fällt wie eine bunte Herde in Dorf und Kirche ein. Sie sind es, die mit ihrem scheinbar anrüchigen Leben dem Gottesdienst etwas Menschliches verleihen. Huren als Hirten. Der Pastor des Dorfes zeigt sich begeistert und dankt den Damen überschwänglich für die Anwesenheit.

1893 ist Maupassant in Passy, Paris, gestorben, nachdem er anderthalb Jahre in geistiger Umnachtung in einer psychiatrischen Einrichtung dahin vegetiert ist. Über 300 Novellen hat er in seinem kurzen Leben verfasst und sechs zum Teil unvollendete Romane.

Seine Sprache wirkt heute sicher nicht mehr zeitgemäß und seine Einleitungen zu jeder Erzählung, die wie Geschichten in der Geschichte wirken, sind ermüdend oft kopiert worden. Dennoch ist Maupassant einer der ganz großen französischen Schriftsteller. Weil er ein guter Beobachter war, ein szenischer Darsteller, einer, der zudem Mut bewiesen hat, offen war und Themen ansprach, die seiner Zeit voraus waren. Nicht zu vergessen, der Humor und die gesellschaftlichen Tücken, die er mit Wonne auseinander genommen hat. 1881 ist "Das Haus Tellier" zum ersten Mal erschienen. Damals beinhaltete die Sammlung weniger als die jetzt 21 zusammen getragenen Kurzgeschichten, die allesamt ein Zeugnis des  Fin de Siècle sind und weder an Farbigkeit noch an Aktualität eingebüßt haben. 

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