Die Erfindung des Jazz im Donbas

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Die Erfindung des Jazz im Donnas', Seiten: 394, Übersetzt: Juri Durkot, Sabine Stöhr

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Britta Höhne
Wo Business ist, da ist auch Glaube

Buch-Rezension von Britta Höhne Okt 2012

Überall wird derzeit diskutiert, ob das Wort Neger aus Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf" oder Otfried Preußlers "Die kleine Hexe" durch ein neues, politisch korrektes Wort ersetzt werden muss. Dem jungen ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan scheint diese Diskussion völlig egal zu sein. In seinem neuesten Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass", wandern Neger und Negerinnen über die Seiten, wird gefickt in allen Variationen und Wichser tauchen in mehr als zwei Duzend Sätzen auf. Nun gut, der Roman wurde von Juri Durkot und Sabine Stöhr ins Deutsche übersetzt, und ob es immer ein äquivalentes deutsches Wort für ein ukrainisches gibt, sei einmal dahin gestellt.

Dem Sprachduktus einmal außer Acht, ist dem 1974 geborenen Schriftsteller ein rasend schnelles Buch gelungen. Eines, was von der ersten bis zur letzen Seite Fahrt behält, sich niemals in leeren Phrasen verliert und auch sonst ziemlich viel Spannung birgt. Wenngleich bis zum Ende keine Tankstelle in die Luft gejagt wird und der junge Protagonist Hermann nicht von den Mais anbauenden Oligarchen ermordet wird.

Der Roman handelt vom Überleben. Hermanns Bruder setzt sich wohl nach Amsterdam ab, diese Tatsache bleibt unbelegt, und hinterlässt seinem jüngeren Bruder eine alte, recht vergammelte Tankstelle im Nirgendwo des Donbasses am Rande einer Steppe. Hermann ist gewillt, das "Business" fortzuführen, gemeinsam mit Olga und zwei weiteren Mitarbeitern seines Bruders. Immer wieder kommt es zu Konflikten, weil ein ansässiger Oligarch alle Tankstellen aufkauft, sie zum Teil dem Erdboden gleich macht, um die ganze Region mit einem grünen Teppich aus Mais zu überziehen. Hermann wehrt sich. Auch dann noch, als ein Tanklastwagen in die Luft gejagt wird und die Angst wächst.

Immer wieder sind es skurrile Typen, die Hermanns Alltag begleiten. Bewaffnete, welche von früher, Versehrte, verlorene Seelen, Frauen, die ihn reizen, die er sich nimmt, für eine schnelle Nummer in einem schmierigen Badezimmer mit einer Wanne voller Wasser und Alkohol. Olga indes ist anders. Die Buchhalterin seines Bruders begeistert das Großmaul Hermann, wenngleich er Angst hat, ihr näher zu kommen. Sie ist es auch, die ihn rettet, versteckt, mit fort schickt, als windige Typen auf der Suche nach ihm sind. Wer im Roman letzten Endes welche Absichten verfolgt, ist oft schwer zu erkennen. Das macht aber nichts, weil die Steppe im Kohle- und Stahlrevier Donbass ein Auffanglager für verirrte Seelen zu sein scheint. Auf eine mehr oder weniger kommt es dabei nicht an.

Die Sprache des Autors, der über den ukrainischen Futurismus promoviert hat, ist hart. Wie die Region, wie das "Business", um das sich alles dreht. Sie ist weder poetisch noch in irgendeiner Form bereichernd. Sie ist einfach: Gassensprache, Gossensprache, die Sprache derer, die nichts erwarten, außer vielleicht ein kleines Kreuz auf dem Friedhof, nachdem sie irgendwie durch sonderbare Umstände ums Leben gekommen sind.

Das Buch ist eigentlich Kopfkino, ein Road-Movie, verströmt Easy-Rider-Atmosphäre, zeugt von der großen Freiheit einer wilden Welt und macht doch Angst - eben vor ihr. Vor der Ungewissheit, vor der Leere und dem Verlust der Heimat. Denn im Grunde sind alle auf der Suche nach Sicherheit in der schier endlosen Weite des rauen Donaubass mit seinen rauen Bewohnern, die tätowiert sind von oben bis unten und sich eben nicht um eine gewählte Ausdrucksweise bemühen.

Ein Roter Faden ist schwer zu finden, der Plot wandelt im Zickzack-Kurs. Es sei denn, Hermann gilt als Roter Faden. Er, der junge Werbegrafiker, der eigentlich von nichts Ahnung hat und doch so gerne mitmischt. Er ist in all seiner Grobheit ein lieber Kerl. Er kümmert sich um Olga, um die Angestellten seines Bruders, von denen einer zum Schluss sein Leben lassen muss. Ganz am Ende, als all die Konflikte beseitigt zu sein schienen, knallt es. Ein Ex-Junkie, der jetzt als Priester arbeitet, bringt es schließlich auf den Punkt: "Denn solange ihr zusammen seid, müsst ihr nichts fürchten." Zusammen sein, eine Einheit bilden, wenn es sein muss, sich gemeinsam gegen die Einheit einer anderen Gruppe stellen. Seinem "Business" folgen, ein bisschen glauben, ein wenig beten, ganz viel trinken und dann klappt das auch. Zum Schluss sogar mit Olga. 

Die Erfindung des Jazz im Donbas

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