Ein Tag zu lang

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Ein Tag zu lang', Seiten: 159, Übersetzt: Claudia Kalscheuer

Couch-Wertung:

88
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Britta Höhne
Verloren in der Nachsaison

Buch-Rezension von Britta Höhne Okt 2012

Unwohlsein macht sich breit. Beklemmungen. Das Herz rast. Dann wird es ganz ruhig. Passt sich an, übernimmt eine Minimalarbeit, um den Körper am Leben zu halten. Der Rest ist Faulheit: So, oder so ähnlich, ergeht es Herman. Einen Tag zu lang ist er mit Frau und Kind im Feriendomizil geblieben, eine Entscheidung, die ihn schleichend aus dem Leben – seinem Leben in Paris – katapultiert. Mit "Ein Tag zu lang", hat die französische Autorin Marie NDiaye bereits 1994 einen Roman vorgelegt, der schon damals von der Strahlkraft der Autorin zeugte.

"Ein Tag zu lang" ist eine bedrückende Lektüre. Eine Novelle eigentlich, die stark an Franz Kafkas Roman "Das Schloss" erinnert. Herman, eigentlich Lehrer in Paris, reist gemeinsam mit seiner Frau Rose und seinem Sohn, der ohne Namen auskommen muss, in sein Ferienhaus in einem kleinen Dorf. Der Sommer ist schön, zwei Monate bleibt die kleine Familie in der dortigen Unterkunft. Bis zum 31. August, der Tag der Abfahrt. Die Rückkehr in das Pariser Dasein. Doch die Abfahrt wird verschoben, um einen Tag. Und eben nach diesem Tag verschwinden drei Leben im ewigen Grau.

Die Dorfbewohner ändern sich. Sie zeigen deutlich, dass sie nach dem 31. August keine Sommergäste mehr dulden. Sie wollen unter sich sein. Zeigen lediglich ihr fratzenhaftes Lachen – ohne Emotionen. Geistern gleich, geschäftigen Geistern, denen jegliche Gefühlswelt genommen wurde. Herman bleibt, sucht er doch Frau und Sohn. Er wird sie finden, lässt man ihn wissen, doch das Treffen wird kein Schönes sein.

Herman passt sich dem Dasein der Dorf-Menschen an. Alles Leben scheint aus ihm zu weichen. Er wird träge, verwahrlost, Interessen hat er keine mehr. Seine Stelle in Paris verliert er und somit die Verbindung zur alten Heimat. Marie NDiaye, die für ihren Roman "Drei starke Frauen" (2010), den Prix Goncourt entgegen nehmen durfte, zeichnet eine Schauer-Geschichte. Eine, in der Menschen wie Marionetten handeln. Fremdbestimmt. Alle gleich zudem. Alle grau. Wie das Wetter, der Regen, die Landschaft. Der Horizont verschwindet. Die 1967 geborene Autorin, die mittlerweile mit ihrer Familie in Berlin lebt, baut eine schwer auszuhaltende Spannung auf, indem ihr Protagonist weniger wird. Auch körperlich. 

Das Dorf wird zum Ort der lebenden Toten. Wie die verschwundenen Personen, die auftauchen, freundlich Grüßen und irgendwie doch nicht sind. Sie sind Feen in Sommerkleidung, die schlichtweg vergessen haben, den Ort nach den Ferien wieder seinen Bewohnern zurück zu geben.

"Ein Tag zu lang" ist ein beklemmender Roman, der an mancher Stelle zu viel Kafka aufweist. Ihm ist anzumerken, dass die Autorin noch in den Startlöchern ihrer schreibenden Karriere stand, was keineswegs als Manko zu verstehen ist. Schade ist lediglich, dass der Roman ein allzu offenes Ende aufweist. Reisen doch Hermans Schwiegereltern an, die sich reale Angst in einer irrealen Umgebung machen. Herman zieht sie an sich – einer lockenden Sirene gleich – zieht sie mit in das Dorf, was längst zu seinem geworden ist.

Marie NDiaye klärt ihre Geschichte nicht auf, sie bricht sie scheinbar mittendrin ab. Was unglaublich schade ist, weil die Autorin Talent hat, Talent, aus einem Urlaub, der nur zwei Monate dauern sollte, eine surreale Geistergeschichte zu gestalten weiß. 

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