Zehn Minuten und ein ganzes Leben

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2012, Titel: 'Zehn Minuten und ein ganzes Leben', Seiten: 112, Originalsprache

Couch-Wertung:

62
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Wolfgang Franßen
Das war's!

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Es dauert dann doch etwas länger als zehn Minuten, um Manuela Reicherts Miniaturen über ein Frauenleben zu lesen. Können wird das Buch auf Grund der Kürze überhaupt Roman nennen? Selbst der Verlag verzichtet auf die Einteilung. In 69 Kurzkapiteln beschreibt die Autorin das Leben einer namenlosen Erzählerin, einer Sterbenden. Von der Vierjährigen, über das Kind, das Schauspielerin werden wollte, aber den Text nicht über die Lippen brachte, den Teenager, dessen erste große Liebe angesichts eines überraschenden Besuchs in Trauer umschlägt. Und da wäre ja auch noch die Ehe mit einem Maler, ihre Rolle als Mutter, als schließlich Verlassene. Wir umschiffen erste Sehnsüchte, Wünsche, die plötzliche Erkenntnis, Schriftstellerin werden zu wollen, mitsamt der Einsamkeit im Pauschalhotel von Korinth, die die angehende Autorin nicht aushält.

Und immer wieder ist sie verliebt, sich mal wieder sicher, dass er der eine ist. Dann verlässt er sie oder sie ihn und schon sitzt ihr die Verzweiflung wieder im Nacken.

Das Leben als Substrat. Texte wie Werbeunterschriften unter Momentaufnahmen. Würde ein Datum darüber stehen, fühlten wir uns in ein Tagebuch versetzt. So offen und gleichzeitig weit entfernt verläuft die Geschichte, die unmerklich gegen Ende in der Gegenwart strandet und verrät, dass sich hier eine alte Frau erinnert.

Die 1950 am Rhein geborene, in Berlin aufgewachsene Manuela Reichart ist Featureautorin für WDR, BR, rbb und Moderatorin beim SWR und rbb. Neben den Geschichten übers Älterwerden "Jahre sind nur Kleider" in der edition ebersbach, treibt sie nach eigener Aussage vor allem die Faszination für Stimmen um. Und so verwundert es nicht, dass das Empathische in den "Zehn Minuten und ein ganzes Leben", zumeist wie Äußerungen über sich klingen, die auf ihren Wahrheitsgehalt abgeklopft werden. Als bemühe sich eine Sterbende, sich mit ihrem Leben zu versöhnen, ohne es zu verdammen.

Wie müssen uns nicht lange Namen merken, erst in eine Geschichte einlesen, um allmählich herauszufinden, wo der Konflikt liegt. Bei Manuela Reichart wird literarisch getwittert. Ganz nach der allbeliebten Vermutung, dass kurz vor dem Tod das Leben im Schnelllauf an einem vorbeizieht. Und da verschwindet halt auch schon mal eine Braut im Regionalexpress. Wäre da nicht der Alltag, der Müll an Verletzungen, Erwartungen, Sorgen, wären da nicht die Kinder, nicht das Altwerden, wäre alles mit Humor zu ertragen. Selbst, dass die Tochter den Tod der eigenen Mutter verpasst, als sie ausgerechnet im Kosmetiksalon ist. Man kann halt nicht immer zur Stelle sein. Man kann halt in seinem Leben nicht immer das Richtige tun, die richtige Entscheidung treffen.

Die Reduktion von Erzählsträngen birgt eine Gefahr. All das, was man halt in zehn Minuten nicht erzählen kann, bleibt ganz dem Leser überlassen. Wir füllen die Leerflächen mit unseren Vermutungen über eine Frau, die es nicht darauf abgesehen hat, unsere Sympathien an sich zu binden. Das ist ein Wagnis, aber zugleich räumt die Autorin sich dadurch die Freiheit ein, ihre Geschichte so zu raffen, dass nur das übrig bleibt, was ihr wichtig erscheint.

Das Leben als rasanter Videoschnitt. Davon bleiben manchmal nicht mal zehn Minuten übrig. Manuela Reichart schafft es jedoch, in ihren Bruchstücken aufzuzeigen, wie ähnlich unsere Leben und unsere Empfindungen sind.

Wenn sie erst mal zu Erinnerungen anwachsen.

Zehn Minuten und ein ganzes Leben

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