Versuch über den Stillen Ort

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Versuch über den Stillen Ort', Seiten: 109

Couch-Wertung:

86
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Wolfgang Franßen
Ein Ort für eine schnelle Zigarette

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Sehen wir von der sportlichen Bedeutung einmal ab, ist der Versuch, laut Duden, eine Handlung, mit der etwas versucht wird oder ein Kunstwerk, durch das etwas versucht wird. Oder das Schaffen von Bedingungen, unter denen sich bestimmte Vorgänge, die Gegenstand eines wissenschaftlichen Interesses sind, beobachten und untersuchen lassen. Ein Experiment sozusagen, ein Test. Für Peter Handke ist der Versuch in erster Linie eine sprachliche Annäherung. Mit "Versuch über den Stillen Ort" widmet er sich nun zum vierten Mal einer Beschreibung des Moments. Mag er vergangen sein oder gegenwärtig. Nach der Müdigkeit, der Jukebox, und dem geglückten Tag nun: der Abort. 

Es mag wohl kaum einen deutschen Schriftsteller geben, der sich mit seinem Werk mitunter so angreifbar macht, wie Peter Handke. Wurde das Rebellentum in frühen Jahren noch zelebriert, stehen seine Text längst im Umfeld der Entrücktheit, die so mancher leicht mit Esoterik verwechselt. Es geht um das Beschreiben des Unbeschreibbaren. Sei es, weil es in einer Welt voller Burn Outs ein Frevel ist, stehen zu bleiben, um sich Betrachtungen hinzugeben. Sei es, weil es viel leichter ist, sein Innerstes als Skandal auszukotzen und üppige Tantiemen einzusacken. Handke, der Meuterer, widmet sich lieber der Poesie der Klosettmuschel.

Wie war das damals? Als es aufs stille Örtchen zu flüchten galt, um den Zumutungen zu entfliehen, denen er sich als Heranwachsender gegenübersah. Eine verschlossene Toilettentür mag einem da wie ein Riegel vor der Welt vorkommen. Ein Schlupfwinkel. Ein Refugium. All das bietet ihm ein Bahnhofsklo am Ende der Schulzeit an, in dem er sogar die Nacht verbringt, und das zum Synonym seiner Einsamkeit anwächst. Wie ausgesetzt muss sich jemand fühlen, um hier zu stranden?

Kein Wunder, dass Handke dieser "Stille Ort" immer wieder angezogen hat. Egal ob Plumpsklo, künstlerisch verfeinert auf Neuseeland durch Friedrich Hundertwasser, auf dem Friedhof oder in einem Tempel. Da bedarf es nicht erst Luis Bunuel, der in seinem Film "Das Gespenst der Freiheit" der Notdurft als Kulturgut ein Denkmal setzte, indem er das gesellschaftliche Leben umdrehte: Man zieht sich in seinem Film zum Essen auf den Stillen Ort zurück und trifft sich zum gemeinsamen Stuhlgang. Für Handke ist ohnehin klar, ohne diesen "Stillen Ort", ohne diese Rückzugsmöglichkeit, ohne die Chance sich abzuschirmen, wäre die Welt eine andere.

Handke erzählt von seiner Zeit im Internat, als er sich nicht nach der Toilette zu fragen traute, das Wasser nicht halten konnte und sich zum Gespött machte. Dass er seinen Lesern mitunter private Einblicke gewährt, bewahrt den "Versuch über den stillen Ort" vor der poetischen Selbstparodie. Der Blick nach innen, das Ausloten der Stille haften diesem Autor als Etikett an. Sein Augenzwinkern, die Erkenntnis, womöglich nicht zur Ironie fähig zu sein, ist allerdings neu.

Obwohl das Buch gerade mal 108 Seiten umfasst, wäre es ihm zu gönnen, wenn es zwischendurch mit Schweigen und mit Stille gefüllt würde. Und sei es, um eine weitere Brandspur auf einem weißen Toilettenkasten zu hinterlassen. Ein solches Buch darf nicht Seite um Seite gefressen werden. Es sollte alle zehn, zwanzig Seiten beiseitegelegt werden, um ihm erneut zu begegnen. Der "Stille Ort" bringt das Schweigen geradezu mit sich. Das Nachdenken über sich. 

Am besten wir lesen es gleich dort.

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