Matterhorn

  • Arche
  • Erschienen: Januar 2012
  • Zürich: Arche, 2012, Titel: 'Matterhorn', Seiten: 672, Übersetzt: Nikolaus Stingl
Matterhorn
Matterhorn
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Wolfgang Franßen
83

Belletristik-Couch Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Warum überleben wollen?

Dreißig Jahre schreibt ein Autor an einem Buch, das ein Roman werden soll, um über traumatische Erlebnisse hinwegzukommen, nachdem er als Wrack aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt ist. Über 1600 Seiten schreibt er voll, die er im Verlauf auf 672 Seiten zusammenstreicht. Immer wieder überarbeitet, immer wieder auf Wirkung und Wahrheit überdacht. Lässt sich das Gräuel überhaupt in Worte fassen? Ist es nicht besser, sein Leben zu verheimlichen, hat er sich gefragt. Wie bekomme ich meine Würde zurück? Zumal nach einem Präsidenten wie Richard Nixon.

Wo Psychologie, Therapie, Religion und alle Zuflucht zum Mystischen versagen, hilft nur das Schreiben gegen die eigenen Gespenster. Das Ausstellen von Momenten und Bildern, die einen verfolgen. Der Vietnamkrieg hat in seinem Wahnsinn wie kein zweiter eine Welle von Filmen und Büchern nach sich gezogen. Selten war der Protest gegen einen Krieg so vehement, die Ächtung nach der Beendigung so umfassend. Egal ob in "Platoon", "Apocalypse Now", in "The Deer Hunter" oder "Full Metal Jacket", ob satirisch verfremdet in Richard Hookers "M*A*S*H", es handelt sich um Versuche, sich den Wahnsinn begreifbar zu machen. Und so will auch Karl Marlantes den Soldaten ein Gesicht, ein Leben, einen Namen geben, um sie von den Fernsehbildern und der Propaganda des Pentagons abzukupfern.

Der am Heiligabend 1944 in Seaside, Oregon, geborene Autor wuchs mit den Kriegsgeschichten von Verwandten und Freunden auf und trat 1964 in das Marine Corps ein. 1968 ging er nach Vietnam. Zu einer Zeit, als der Protest gegen den Krieg in Amerika allmählich auf die Straßen zog, die Politiker immer hilfloser sich dem ausgesetzt sahen, was sie mit brachialer Gewalt in die Knie zu bomben suchten. Pflichtgefühl trieb Marlantes an. Er wollte seinem Land dienen und sich nicht hinter Privilegien verstecken.

Wie der Held des Romans Waino Mellas übernimmt Marlantes als Second Lieutenand die Verantwortung für die ihm anvertrauten Marines, die seinen Befehlen gehorchen und seinen Entscheidungen zum Opfer fallen. Es gibt kein Entkommen in diesem Epos. Es beginnt und endet in der grünen Hölle des Dschungels. So erscheint bereits die Anfangssequenz, in der ein Marine von einem Blutegel an der Harnröhre befallen wird - so dass er kein Wasser mehr lassen kann und nach einem Noteingriff womöglich seiner Männlichkeit beraubt ist - wie eine aberwitzige Überspitzung für einen Krieg, der trotz aller machohafter Macht implodiert. Er stumpft ab angesichts von Dschungelfäule, fehlendem Proviant, dem Monsun, dem Nebel, der Malaria, Befehlsketten, einem Hügel, der sich in einen Mondkrater verwandelt und nur aus Matsch besteht.

Ein kahler Streifen an der Grenze zu Laos wird zum umkämpften Mahnmal, dessen Ausbau, wie Zurückeroberung angeblich einer militär-strategischen Notwendigkeit unterliegt. Es wird gerodet, planiert. Es werden Stellungen ausgehoben, um eine Feuerunterstützungsbasis einzurichten, die eigentlich niemand braucht. Und dann mit einmal sitzt der Vietcong in den eigenen Stellungen.

Dieses Mahnmal heißt ausgerechnet Matterhorn. Als biete sich mitten im Chaos der romantische Ausblick auf ein Schweizer Idyll. Wer sich packende Gefechtsszenen, brutale Entblößung von dem Roman verspricht, wird enttäuscht werden. Marlantes erzählt vom Innenleben eines Krieges, vom Warten, der Langeweile, davon wie sich die amerikanische Gesellschaft mit all ihrem Rassismus inmitten von Schuld und Sühne, von Todesangst und Kriegsverbrechen wiederfindet. Er erzählt von Männern zu Beginn ihres Lebens, die schlagartig altern, wenn sie denn überleben dürfen.

Und der Feind? Der Schatten? Der Vietcong? Fast ist es so, als brächten Marlantes Marines ihn erst mit auf den Hügel. Er taucht unter, versteckt sich auf Patrouillen unerreichbar im Dschungel. Er beißt sich im "Matterhorn" fest, das zurückerobert werden muss. Er ist weder der ideologische Feind, noch der Kriegsgegner. Er ist da und einfach nicht aus seinem Land zu vertreiben.

Das Leben dieses Schriftstellers ist fast ein Roman an sich. Neben unkontrollierbaren Wutausbrüchen, dem eigenwilligen Bemühen seine Söhne durch militärischen Drill zu schützen, dem Scheitern einer Ehe, blieb er auf der Flucht vor dem eigenen Zerbrechen.

Egal, ob in Fritz Wöss Stalingrad in "Hunde wollt ihr ewig leben", in Erich Maria Remarques Roman über den Ersten Weltkrieg in "Im Westen nichts Neues", in Norman Mailers Kampf um eine Pazifikinsel in "Die Nackten und die Toten", die Menschen sterben egal auf welcher Seite und die Überleben stranden einfach im Rest von dem, was ihnen zu leben bleibt. Was ist all der Ruhm wert? All die Orden, wenn du in der Heimat als Verbrecher beschimpft wirst?

Mit "Matterhorn" gelingt Karl Marlantes der Spagat, einen Krieg anzuklagen und die Würde jener zu wahren, deren Leben darin verbrannt ist.

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