Das Buch der Laster

  • Aufbau
  • Erschienen: Januar 2012
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  • Berlin: Aufbau, 2012, Titel: 'Das Buch der Laster', Seiten: 204
Das Buch der Laster
Das Buch der Laster
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Kathrin Plett
651001

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2012

Asketisches Brachland

Laster, ein Zeichen von Charakterstärke? Wenn es nach Adam Soboczynski geht, lässt sich diese Frage eindeutig mit "ja" beantworten. Für ihn sind es gerade die Laster, die das Leben lebenswert machen und das gewisse "Etwas" verleihen. Er gehört nicht zu denen, die zum Schutz der Nichtraucher in Lokalen und Restaurants für ein striktes Rauchverbot sind, oder zu jenen, die den Tag mit einem großen Glas selbst gepressten Orangensaft beginnen, mit einem fleischlosen Mittagessen fortsetzen und mit gedünstetem Fisch eiweißreich abschließen. Nein, wozu auch? Wer weiß schon, ob ihn nicht im nächsten Augenblick ein schlecht an die Wand gedübeltes Regal tödlich trifft und alle Quälerei für ein langes Leben zunichtemacht?

Adam Soboczynski legt seinem neuesten Roman Beobachtungen und Erlebnisse zu Grunde, die er im Alltag mit seinen Mitmenschen gemacht hat. Er sieht ein zunehmendes Entfremden vom Leben und der Welt, welches er in 29 Kapiteln - nach Themen geordnet - beschreibt. Stolz, Freundlichkeit, Gesundheit, Freiheit und Mut sind Motive, aber auch Zorn, Sex, Trinken, Rauchen oder Satanisches, was er selbst mit "Ausschweifungen" bezeichnet.

Der promovierte Literaturwissenschaftler bleibt mit diesem Werk seiner Linie treu. Als Journalist und Schriftsteller skizziert er mit Witz und schonungsloser Spitzzüngigkeit die Schwächen und Laster seiner Mitmenschen. Nachdem er 2005 den Axel-Springer-Preis für junge Journalisten erhielt, arbeitet er heute als Feuilletonredakteur bei der ZEIT.

Aus der Ich-Perspektive erzählt Soboczynski aus dem Alltag seines Protagonisten, der über den ganzen Roman hinweg namenlos bleibt. Auch die anderen Figuren, die im Buch erwähnt werden, unterscheidet er oft durch Attribute wie, "der Freund, der erfolgreich etwas mit Kultur machte". Auf diese Weise verleiht er seinen Texten eine besondere Authentizität, da es den Anschein hat, es wird von konkreten Personen, engen Bekannten des Autors gesprochen, die unerkannt bleiben sollen. Gleichzeitig distanziert er sich aber auch vom Leser und macht ihn zum außenstehenden Beobachter des Geschehens: Der Leser wird zum Voyeur und sieht die Welt durch die Augen des Schreibers.

Soboczynskis Argumentationen sind einleuchtend und jeder wird ihm ohne weiteres zustimmen, wenn er proklamiert, dass vielleicht eine Scheibe Vollkornbrot am Tag das Leben um ein halbes Jahr - statistisch gesehen - verlängert, aber ein derartig zukunftsorientiertes Leben vollkommen übertrieben erscheint. Wer kann schon sicher sein, dass ihn kein Laster streift? Also wozu ein genussfreies Leben führen, wenn der Lohn gar nicht sicher ist? Für ihn sind Asketen nicht gesund und ganz gewiss kein Vorbild. Nein, im Gegenteil: Gerade das Asketische bedeutet für ihn eine besondere Gefahr, da es "so ansteckend" ist. Die Angst vor der Krankheit ist für ihn bereits die größte Krankheit selbst und bedarf somit der "dringlichsten Behandlung", wie er in vielen seiner Episoden hervorhebt.

Nicht nur die Enthaltsamkeit ist ihm ein Dorn im Auge, auch Beziehungen stehen bei ihm unter besonderer Beobachtung. Das komplizierte Spiel zwischen Männern und Frauen, vor allem, wenn unterschiedliche Kulturen aufeinander stoßen, beschreibt er gekonnt pointiert. Wie beispielsweise die "Liebe" zwischen seinem Freund und einer jungen Französin, die seinen Freund verführt, ihm den Kopf verdreht, ohne eine ernsthafte Beziehung in Erwägung zu ziehen. Ist sein Freund vollkommen von ihrer Liebe überzeugt und sofort bereit, seine Frau zu verlassen, handelt es sich in den Augen der Französin nur um eine kurze Affäre ohne Bedeutung. Beinahe ärgerlich reagiert sie, als sie erfährt, wie die Nacht auf Seiten des Partners interpretiert wird. Dass auch Beziehungen ohne kulturelle Hürden nicht unproblematisch verlaufen, macht Soboczynski in einem anderen Beispiel deutlich, in welchem er von seinen Freunden Monika und Stephan berichtet. Er, der alles versucht um es ihr recht zu machen, ihr jeden Wunsch von den Augen abließt, um anschließend dennoch immer den Kürzeren zu ziehen. Sie, die seine Gutmütigkeit launisch ausnutzt und rücksichtslos ihre Vorteile sucht.

Der Schreibstil des gebürtigen Polen wird für den einen oder anderen Leser gewöhnungsbedürftig sein. Soboczynskis Sätze gehen gerne auch mal über eine halbe Seite, verschachteln sich, führen mehrere Zeilen zurückliegende Punkte fort oder setzen an neuer Stelle an, die mit dem ursprünglichen Satz zunächst nicht mehr in Verbindung zu stehen scheinen. Oft ist mehrmaliges Lesen notwendig, um seinen Argumentationen und Erklärungen folgen zu können, und nicht in der Aneinanderreihung der Worte verloren zu gehen. Andererseits bekommt der Roman dadurch etwas Unmittelbares, erinnern die Sätze doch an spontane Gedankengänge.

Jeder kann sich in seinen Texten wiederfinden, wird Beobachtungen gleicher Art gemacht haben, jedoch in den meisten Fällen wohl ohne die Assoziationen, die sie bei Soboczynski hervorrufen. Das Buch lädt dazu ein, das Laster neu zu hinterfragen, vor allem vor dem Hintergrund, in wie weit Askese Genuss im Leben ersetzen darf, beziehungsweise ab wann das Ablegen jeglicher Laster das Leben so sehr einschränkt, dass ein lebendiges und spannendes Dasein keinen Raum mehr hat. Eine Frage, die am Ende des Buches für jeden selbst zu beantworten bleibt.

Das Buch der Laster

Adam Soboczynski, Aufbau

Das Buch der Laster

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