Die Frau mit dem Hund

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2012, Titel: 'Die Frau mit dem Hund', Seiten: 160, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
Menschen brauchen Märchen über sich selbst

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Okt 2012

Sie nennen es "Detroit" dieses Unbekannte, das sich außerhalb ihres Wohngebietes befindet und das eine Bedrohung darstellt, vor dem sie ein Zaun schützen soll. Dieses Nest voller Keime, Krankheiten, ein Hort der Unberührbaren. Selbst leben sie in einer Art betreutes Wohnen der Zukunft. Eine Stiftung hat die Kontrolle über ihr Leben übernommen, verteilt Karten und Essen in Boxen. Für zusätzliche Vergünstigungen können Punkte gesammelt werden und so scheint das Glück beinah perfekt zu sein. Wäre da nicht die Angst, es entzogen zu bekommen, wenn man sich nicht an die Regeln hält.

Die 1956 in Drahme geborene Birgit Vanderbeke gewann mit ihrer Erzählung "Das Muschelessen" neben anderen Preisen 1990 den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihr "Siebter Distrikt" wirkt in der Reglementierung an das zukünftige Miteinander nach dem Zusammenbruch der globalen Wirtschaft. Die Schilderung, wie auf dem Land die Lebensmittelläden schließen, Kinos zu Markthallen umfunktioniert werden sollen, Ärzte keinen Nachfolger finden, sind so weit von der Realität nicht entfernt. Nicht in Südfrankreich, wo die Autorin lebt, auch nicht im Deutschland der Nachwende-Zeit. Es wird reguliert!

Doch die Autorin stattet die Geschichte nicht mit dem Skalpellblick eines Orwell, Bradbury und Huxley aus. Das Düstere eines solchen Lebens liest sich eher in den Zwischenzeilen. Die Menschen sind allesamt liebenswert. Egal ob Jule Tenbrock, die in einer Wäscherei arbeitet und bloß gegen keine Regeln verstoßen will. Egal ob der Nachbar Timon Abramowski, der gleich im Treppenhaus wittert, dass sich ein Hund im Haus befindet. Es sind Menschen, wie sie in unseren Großstädten allmählich die Mehrheit stellen. Singles, die ins Alter kommen, kleine Wohnungen bewohnen und nicht mehr groß aufbegehren, weil sie stets ihr privates Glück im Blick behalten.

Kein Wunder, dass die kleinste Störung des Ablaufs sich in diesem Umfeld gleich zur größtmöglichen Katastrophe auswächst. Im obersten Stockwerk stolpert Jule Tenbrock eines Tages beinah über ein Bündel, als das Licht im Treppenhaus ausgeht. Und während sie noch darüber nachdenkt, sich beim Hausdienst zu beschweren, findet sie Pola Nogueira vor ihrer Tür. Eine Schwangere, die vor dem Elend in "Detroit" geflüchtet und durch den Zaun zum "Siebten Distrikt" geschlüpft ist. Auf der Suche nach einem sicheren Geburtsort. Nicht nur sie. Auch einen Hund hat sie dabei.

Zwei Keimzellen, zwei Krankheitserreger, zwei Verstöße gegen die herrschenden Regeln. Obwohl Jule befürchten muss, ihre Arbeit in der Wäscherei zu verlieren, nimmt sie die Halbverhungerte mit in ihre Wohnung, wo sie ihr zwar nicht mal etwas zu essen anbieten kann, zumindest aber eine Bleibe für eine Nacht. Am nächsten Morgen muss Pola dann schauen, wie sie weiterkommt. Schließlich denkt auch der Nachbar:

"Bisher war kein Bär, kein Wolf, kein Wildschwein in irgendeinem Distrikt gesichtet worden, woraus er schloss, dass der Zaun durchaus einen Schutz gegen Tiere bot. Nicht aber gegen Menschen. Menschen mit einem Hund."

Es ist nicht hoffnungslos in dieser neuen Welt der Birgit Vanderbeke. Die Menschlichkeit hat trotz aller Vorsicht überlebt. Die eine Mieterin setzt die Schutzbefohlene vor die Tür, da steht schon der nächste Nachbar bereit, um sie bei sich aufzunehmen. Wenn sich da nicht mal was entwickelt, denkt man gleich.

Die Menschen in diesem Roman haben sich gefügt. Es gibt keine bleierne Unterdrückung. Das Altsein fängt im Roman nicht erst mit dem Eintritt der Gebrechlichkeit an. Es schleicht mittels Wochenendbeilagen und Gewinnspielen im Fernsehen als "Schöne neue Welt" umher. So wirkt das Nest, das Birgit Vanderbeke ihren Helden da baut, die Zuneigung, die sich entwickelt, etwas verwunschen anheimelnd.

Gutmenschengeschichten kranken oft daran, dass sie, nachdem das Buch zugeschlagen ist, zwar einen zufriedenen Seufzer ermöglichen, aber mehr auch nicht.

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Letzte Kommentare:
05.11.2014 09:41:07
Alter Juim

Wenn man wie ich Birgit Vanderbeke noch nie gelesen (bzw. in meinem Fall als Audiobook gehört) hat, wartet man am Anfang darauf, dass es mal richtig losgeht, in der Mitte, dass wirklich was passiert und am Ende auf die Pointe. Das, was man als einfacher Leser erwartet, findet so nicht statt. Die Autorin startet ohne lange Erklärungen zum Wo und Wie mit ihrer Erzählung, nämlich dass in einer (clever aus heute schon erkennbaren Ansätzen entwickelten) Zukunftswelt eine Frau mit Hund auftaucht, die da nicht hineinpasst. Die Sache entwickelt sich ziemlich linear weiter, indem geschildert wird, wie diese Frau sich in dieser Welt durchschlängelt und vorübergehend eine Nische findet. Eine Lösung des Konflikts findet nicht statt, denn die Geschichte endet damit, dass die Frau geht, wenn auch in Begleitung eines wahrscheinlichen Aussteigers aus der Zukunftswelt. Die andere Zukunftsbürgerin bleibt in der höchst sterilen Wohnung zurück. Nicht wirklich entdecken konnte ich die von vielen Seiten hoch gelobte Sinnlichkeit, die wesentlich darin zu bestehen scheint, dass jemand beim Zwiebelschälen weinen (und lachen) muss und dass es öfter mal nach etwas anderem als nach Hygienespray riecht, z.B. nach Hund oder nach normalen Lebensmitteln, die in der Geschichte eigentlich nur noch Reminiszenzen sind.
Damit will ich nicht sagen, dass die kleine Geschichte öde oder dumm wäre. Im Gegenteil. Sie ist originell und hübsch einfach und geradlinig erzählt und man kann sie gut in einem Rutsch herunterhören bzw. -lesen. Der Ansatz, dem Leser/Hörer auf diese Weise eine nett ausgedachte Zukunftswelt zu beschreiben, ist originell. Die Story gleitet auch nicht ins Lächerliche oder Kitschige ab. Mir kommt sie vor wie ein Miniatur in der bildenden Kunst, eine kleine Randbeobachtung, eine kleine Momentaufnahme (auch wenn die Erzählzeit über ca. ein Jahr reicht). Man nimmt wahr, hält kurz inne, und geht dann weiter. Nett - aber auch nicht mehr.

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