Anatomie einer Nacht

  • Suhrkamp
  • Erschienen: Januar 2012
  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Anatomie einer Nacht', Seiten: 303, Originalsprache
Anatomie einer Nacht
Anatomie einer Nacht
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Lutz Vogelsang
90

Belletristik-Couch Rezension vonOkt 2012

Geiseln der Einsamkeit

Der fiktive Ort Amarâq ist ein unwirtlicher und unwirklicher Ort, ein verarmtes Städtchen in den Weiten Ost-Grönlands. In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 2008 begehen innerhalb von fünf Stunden elf Menschen unabhängig voneinander Selbstmord. Es scheint kein gemeinsames Motiv zu geben. Also alles nur ein trauriger Zufall? Nein, sagt Anna Kim, und versucht dem Leser auf 300 Seiten deutlich zu machen, dass in dieser Nacht nur das geschehen ist, was auch geschehen musste.

Die Epidemie fand ihren Höhepunkt im Spätsommer, an der Schwelle zum Herbst.

Ungewöhnlich für einen Roman, aber durchaus nützlich, ist das Personenverzeichnis vorne im Buch. Zugegeben, auch etwas morbide – schließlich weiß der Leser, dass von den aufgezählten 16 Personen nur fünf die kommende Nacht überleben werden. Anna Kim verzichtet auf jede Einleitung und jedweden Überblick, fällt mit der Tür ins Haus. In kleinen Episoden folgt sie ihren Protagonisten, mal in die Vergangenheit, meist aber im Hier und jetzt - durch die gerade einmal fünf Stunden, die dem Roman seinen Rahmen geben. Gerade anfangs ist die ganze Konzentration des Lesers gefordert, um allen Personen gleichermaßen folgen zu können. Erst gegen Mitte des Buches schälen sich die Zusammenhänge heraus, die die Charaktere lose miteinander verbinden.

Die elf Selbstmorde geschahen innerhalb von fünf Stunden, in der Nacht von Freitag auf Samstag, ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne Abmachung.

Die Autorin, die als Kleinkind aus Südkorea nach Deutschland und schließlich nach Österreich kam, scheint einen Faible für das Schicksalhafte und gebrochene Persönlichkeiten zu haben. In ihrem Debütroman "Die gefrorene Zeit" waren es die Gräuel des Kosovokrieges und die lange Suche nach den Opfern. Hier ist es die Häufung von Selbstmorden in Grönland. Und die ist nicht erfunden. Nach Angaben der grönländischen Gesundheitsbehörde von 2008 hat jede vierte junge Frau zwischen 15 und 29 bereits einen Selbstmordversuch hinter sich. Die Quote bei jungen Männern ist geringfügig niedriger. Diese Selbstmordserien, die Anna Kim hier beschreibt, sind traurige Realität.

Das Sterben breitete sich seuchenartig aus, die Opfer schienen sich nur durch eine Berührung oder durch einen Blick infiziert zu haben... 

Aber wieso ist das so? Woher kommt diese Schwermut? Einige Selbstmorde sind "nachvollziehbar", etwa aus nicht erwiderter Liebe. Andere lassen den Leser ratlos und verstört zurück. Wenn zum Beispiel eine junge Frau plötzlich ihre Hausarbeit unterbricht, ihr schlafendes Kind küsst, um sich dann im Schrank mit dem Gürtel des Mannes zu erhängen, dann ist man als Leser durchaus geneigt, an etwas Mystisches, eine paranormale Ursache zu glauben. Die wahren Gründe für die hohe Selbstmordquote in Grönland sind alles andere als mystischer Natur: Die Zerrissenheit zwischen traditionellem Leben und aufgezwungener Moderne, zwischen dem naturverbundenem Grönland und dem "zivilisiertem" Dänemark. Isolation, Armut, Alkoholismus und häusliche Gewalt... 

...im Nachhinein sprach man von einer Krankheit.

 Man merkt deutlich, dass Anna Kim mehrere Monate vor Ort recherchiert hat. Auch wenn sie selbst einräumt, auf eine Mauer des Schweigens getroffen zu sein, so gelingt es ihr bemerkenswert gut, dem Leser die Stimmung einer pechschwarzen grönländischen Nacht zu vermitteln. Haben wir in Peter Høegs "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" gelernt, dass die Inuit 100 Begriffe für Schnee haben (ein vielzitierter Irrtum, wohlgemerkt), so bereichert uns Anna Kim um etliche Umschreibungen für die Finsternis. Ein allumfassendes Nichts, das die Menschen so schnell verschluckt, "als hätte jemand sie ausgeknipst."

"Anatomie einer Nacht" ist nicht leicht zu verdauen, und man benötigt als Leser einige Zeit, um sich in dem finsteren Dickicht Amarâqs zurechtzufinden. Dieser Ort, in dem Straßen im Nichts enden und in dem man manche Farben nur aus dem Fernseher kennt, droht auch den Leser zu verschlucken. Genau wie jene Menschen, die das Ende dieser Nacht nicht mehr erleben sollen.

 

Anatomie einer Nacht

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