Der letzte Bruder

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Unionsverlag, 2012, Titel: 'Der letzte Bruder', Seiten: 187, Übersetzt: Karin Krieger

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Die Last des Überlebens

Buch-Rezension von Kathrin Plett Okt 2012

Kann es eine Last sein, überlebt zu haben? Durch Glück gefährlichen Situationen entkommen zu sein, in denen die Wahrscheinlichkeit, zu sterben, um ein Vielfaches höher war, als gerettet zu werden? Raj ist erst zehn Jahre alt, dennoch hat er in seinem Leben bereits mehrfach Glück gehabt: Er überstand trotz seiner kränklichen Gesundheit seine ersten Lebensjahre, was vielen Kindern in seinem Umfeld auf Mauritius nicht gelang. Er überlebte die Brutalität seines Vaters und im Gegensatz zu seinen Brüdern überlebte er auch die schlimme Regenkatastrophe, deren Wassermassen seine geliebten Brüder zum Opfer fielen. Doch ihn quält das Gefühl, nicht das Recht zu haben, noch am Leben zu sein. 

Nathacha Appanah erzählt in ihrem neuesten Roman, der bereits 2007 unter dem Originaltitel "Le dernier Frère" erschienen ist, die Geschichte des kleinen Raj, der mit seiner Familie in einem Dorf am Rande einer Zuckerrohrplantage auf Mauritius lebt. Er wächst dort, während in Europa der zweite Weltkrieg herrscht, hart arbeitend unter der Gewalt seines Vaters und in ärmlichen Verhältnissen auf. Als seine Brüder verunglücken, ändert sich sein Leben. Er verlässt mit seinen Eltern seinen Geburtsort, denn sein Vater bekommt nach dem tragischen Vorfall eine neue Stelle in einem Gefängnis. 

Als Raj wieder einmal der Gewalt seines Vaters zum Opfer fällt und medizinisch versorgt werden muss, lernt er bei seinem Aufenthalt im Gefängniskrankenhaus den ein Jahr älteren David kennen. Einen jüdischen Waisenjungen, der auf der Flucht vor dem zweiten Weltkrieg mit vielen anderen Flüchtlingen auf Mauritius festgehalten wird. Die beiden Jungen freunden sich an und beschließen, gemeinsam wegzulaufen: Raj vor seinem Vater, David vor dem Gefängnis. Doch die Flucht entwickelt sich anders als erwartet, denn David ist an Malaria erkrankt.

Nathacha Appanah wuchs auf Mauritius auf. Ihre Vorfahren kamen im 19. Jahrhundert als Vertragsarbeiter auf die Insel, so dass sie selbst eine enge Bindung an ihre Heimat hat. Diese Verbundenheit lässt sie in ihre Werke einfließen. Es ist ihr ein Anliegen, mit ihren Romanen auf die Probleme aufmerksam zu machen, die ihre Heimat betreffen. So schrieb sie unter anderem über die Geschichte der indischen Vertragsarbeiter auf Mauritius, beschäftigte sich mit den Problemen der hinduistischen Gemeinschaft und deren Kastenwesen, mit dem Einfluss des modernen Massentourismus. Nun mit dem Schicksal von 1500 Juden, die 1940 mit der "Atlantic" aus Prag in Port-Louis anlegten. Auf dem Weg nach Palästina landen sie auf Mauritius und werden dort durch fehlende Einreisepapiere als illegale Einwanderer eingestuft. Dem Schiff wird die Einreise verwehrt, die Juden werden auf der Insel deponiert und im Gefängnis interniert. Vier Jahre dauert ihr Martyrium. 127 Menschen sterben.

Appanah erzählt ihren Roman als Rückschau. Viele Jahre später, als Ray selbst bereits ein alter Mann ist und sich an die Ereignisse seiner Kindheit erinnert. Sie schafft dadurch eine Mischung aus Nähe und Abstand zum Geschehen. Auf diese Weise gelingt es der Autorin, den Leser nicht nur auf das Einzelschicksal des Jungen zu fokussieren, sondern erweitert den Blickwinkel auf das gesamte Geschehen, das sich seinerzeit auf der Insel abgespielt hat. Das begangene Unrecht soll nicht in Vergessenheit geraten.

Es ist deutlich erkennbar, wie sehr Raj unter dem Tod seiner Brüder leidet, hat er doch das Gefühl, dass es ihn hätte treffen müssen, weil er der schwächste der drei Brüder war. Als dann auch noch der Tod Davids hinzukommt, für den er sich verantwortlich fühlt, verfolgt ihn die Schuld bis ins hohe Alter. Immer wieder kommen Erinnerungen hoch, die er sich nicht verzeiht, die seinen Kopf besetzen:

"Was hat David nur gedacht, ich glaube, er begnügte sich damit, einfach nur da zu sein und mich zu erfreuen, mir zu folgen, zu tun, was ich tat, nicht, um mich zu imitieren, sondern um von mir zu lernen, obwohl Gott weiß, dass ich nichts zu geben hatte, es ist traurig, mit neun Jahren nichts zu bieten zu haben, und David sah mich mit seinen großen Augen an, die vom Grünen ins Graue spielten und mir in mein zerbrechliches Glück folgten, mit diesen Augen, die so viel von mir erwarteten, was habe ich getan, mein Gott, was habe ich mit dieser Hoffnung getan, was habe ich getan?" 

Der Roman "Der letzte Bruder" erzählt auf faszinierende Weise eine Geschichte, die von ihrem Thema alles andere als seicht und einfach ist. Durch die mitfühlende und behutsame Art und Weise der Autorin, das schwierige Thema zu beschreiben, bekommt das Buch seinen ganz eigenen Reiz. Sehr lesenswert.

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