Die süße Einsamkeit

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Knaus, 2012, Titel: 'Die süße Einsamkeit', Seiten: 272, Übersetzt: Susanne Röckel

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Daniela Loisl
Schonungslose Abrechnung

Buch-Rezension von Daniela Loisl Okt 2012

Autobiografische Züge soll es haben, dieses Buch, und wer dieses Werk liest, wird, ohne zu wissen ob es stimmt, keine Zweifel daran haben, dass dem so ist. Iréne Némirovsky schrieb "Die süße Einsamkeit" 1935  und der Knaus-Verlag ließ das Werk von Susanne Röckel übersetzen und verlegte es jetzt erstmals in Deutsch.

Kennt man den Lebensweg der Autorin zumindest in den wichtigsten Passagen, so stellt man schnell fest, dass sie ihre Protagonistin Hélène an vielen Orten verweilen lässt, wohin es sie auch selbst führte und wie auch sie selbst, findet Hélène letztendlich in Paris das, was auch der Autorin (trügerische) Sicherheit gab.

Sprachlich direkt, ausgefeilt und stets den Kern der Sache treffend, zeichnet Némirovsky das Milieu der reichen Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts. Obwohl das Buch vor über 75 Jahren geschrieben wurde, hat das Thema dieses Werkes nicht im Geringsten an Aktualität verloren. Der Vater, der die Mutter vergöttert und zu schwach und feige ist, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, die Mutter, der das eigene Vergnügen wichtiger ist als ihr eigenes Kind, und ein junges Mädchen, das gefühlsmäßig verhungert – Familienkonstellation, wie es sie heute leider immer noch gibt.

Hélène, ein junges Mädchen von acht Jahren, lebt bei ihren Eltern, der Großmutter mütterlicherseits und ihrem französischen Kindermädchen in der Ukraine. Es fehlt ihr an nichts und doch an allem. Der Vater fleißig und mit einer guten Hand Geld zu verdienen, vergöttert seine exzentrische Frau die ihn ständig betrügt und mit ihrem Leben stets unzufrieden ist. Ihrem Vater achtet Hélène, die Großmutter ist ihr egal und ihre Mutter, von der sie weder Zuneigung oder Zärtlichkeit und schon gar keine Liebe erfährt, hasst sie. Der einzige Mensch der ihr wirklich etwas bedeutet und der auch sie liebt, ist ihre Gouvernante Rose.

Hélène wächst heran, ihr Vater macht ein Vermögen und aufgrund der Revolution und des Krieges, verlässt die Familie die Ukraine, zieht nach St. Petersburg, Finnland und letztendlich Paris. Als ihre Mutter ein Verhältnis mit Hélènes Cousin beginnt, der auch noch um vieles jünger als ihre Mutter ist, hat die Verachtung und der Hass den sie ihr gegenüber empfindet, den Höhepunkt erreicht und sie beschließt, sich für das ungebührliche und egoistische Verhalten ihr gegenüber zu rächen.

Némirovsky beschreibt die Gefühle Hélènes, die Nichtachtung und die Demütigungen durch ihre Mutter, mit so einer Intensität, dass sich einem unweigerlich der Gedanke aufdrängt, dass die Autorin vieles selbst erlebt haben muss. Die Verachtung und auch der Hass, den Hélène für ihre Mutter empfindet, sind mit jeder Zeile präsent, auch wenn eine aktuelle Szene vielleicht gar nicht mit ihr zu tun hat. Unterschwellig sitzt dieser dunkle, intensive und schmerzvolle Hass, diese Abscheu, so tief in der jungen Frau, dass sich die schwere Last, die sie dadurch mit sich trägt zum Teil auch auf den Leser überträgt

Hélène kennt man, als wäre man mit ihr aufgewachsen und hätte jede Zurückweisung, jede Beleidigung und Demütigung miterlebt. So dramatisch, traurig und melancholisch sich diese Geschichte nun auch darstellen mag, so vom Licht abgeschottet ist sie nun aber doch nicht. Némirovsky hat ihre Protagonistin mit einer Stärke und Kraft ausgestattet, die es nie zulässt, aus dem eigentlich sehr trüben Leben Hélènes eine dunkel düstere oder gar beklemmende Erzählung zu machen.

Es ist einem gar nicht bewusst, aber man begleitet Hélène vom achten bis zum zwanzigsten Lebensjahr und erlebt hautnah mit, wie sie sich entwickelt, wie sie heranwächst, wie sie reift, wie sich ihre Perspektiven wechselt, worum sich ihre Gedanken drehen und wie sie - die mit einer hohen Intelligenz ausgestattet ist - beschließt, ihre Mutter und auch ihren Cousin spüren zu lassen, was es heißt, zurückgestoßen zu werden, wie es sich anfühlt, wenn der geliebte Mensch sich von einem abwendet und man hilflos mitansehen muss, wie man ihn verliert.

Und doch lässt die Autorin ihre Protagonistin letztendlich einen Schritt setzen, zu dem nicht nur Mut, sondern vor allem geistige Größe und Erkenntnis über sich selbst notwendig ist.

Mehr auf die innere Gefühlsebene hat Iréne Némirovsky sich mit diesem Buch begeben und nicht so sehr ins damalige Zeitgeschehen. Dem Milieu ist die Autorin auch hier treu geblieben, und vielleicht war dieses Buch auch so etwas wie ein Abrechnen mit ihrer Kindheit und Jugend, mit einer am Schluss bemerkenswerten Erkenntnis.

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Letzte Kommentare:
14.01.2015 11:58:40
M. Lehmann-Pape

1935 bereits hat Irene Nemirovsky diesen Roman verfasst, in deren Mittelpunkt sie den Konflikt zwischen einer Mutter und ihrer Tochter, oder, je nach Schwerpunkt im Roman, zwischen Tochter und Mutter setzt.

Eine Mutter, mit der Helene, die Protagonistin des Romans, es tatsächlich ja durchaus schwer hat, von Beginn an. Helene, die „nur“ ihrem Vater ähnlich sah und diesen oft voller Zärtlichkeit betrachtet. Ein Vater, der seine Tochter nicht in gleichem Maße seinerseits beachten und schätzen kann, denn durch eine erfolgreiche Strategie gelingt es der Mutter immer wieder, alleine sich, ihre Person, ihr Befinden in den Mittelpunkt des familiären (und darüber hinaus) Lebens zu stellen.

„Er hatte nur Blicke und Liebkosungen für seine Frau, die mit mürrischer und schlechtgelaunter Miene seine Hand weg schob“. Eine Frau, die nur sich selbst kennt, sich nur um sich dreht. Gut für Helene, dass zumindest in Person der französischen Gouvernanten Mademoiselle Rose, eine ihr zugewandte Person, ein weibliches Vorbild, mit im Hause lebt.

Vor allem, da die Mutter noch nicht einmal die Hingabe ihres Mannes, die sie mit ihrem Verhalten immer wieder herauskitzelt, zu schätzen weiß, sondern im Stillen von anderen träumt. Von einem Mann, „von dem man nicht wusste, woher er kam, wie er hieß, den man niemals wieder sah“, dem sie sich aber mit Wollust hinzugeben bereit wäre. Was Wunder, dass „der einzige Kuss“, den Helene schon als Kind akzeptierte und auch gerne erwiderte, der ihres Vaters war.
Und als dann noch der Vater seine verantwortungsvolle Arbeit verliert, weil sein Vorgesetzter ihn nicht in Kassen-Angelegenheiten weiter beschäftigen möchte, weil eben der Vorgesetzte misstrauisch auf die Verschwendungssucht der Frau seines Angestellten schaut und befürchtet, dass über kurz oderlang Boris, der Vater und Ehemann, gar nicht umhin könnte, heimlich in die Kasse zu greifen, um die exorbitanten Wünsche seiner Frau zu befriedigen, da werden in einem, kleinen Abschnitt des Buches die Charaktere und Verhältnisse präzise beleuchtet. Eine Entwicklung, die die Familie zunächst trennen wird, , denn der Vater muss sehen, wo es Geld zu verdienen gibt und geht hierzu in die Ferne.

Später zieht die Familie ganz von dannen, weg von drohender Armut, über St. Petersburg später Paris, in die leuchtende, elegante Metropole. Ein Weg, auf dem Helene ihre Gouvernante verliert, auf dem sie immer deutlicher Haltung gegen ihre Mutter einnimmt, auf dem sie immer mehr den Mangel an Liebe und Zuwendung zu spüren bekommt. Und es der Mutter heimzahlen will. Auf eine Art, die aber ebenso eine Entwicklung und einen Reifungsprozess in Helene selbst anstoßen wird. Ein Prozess, der sie vielleicht zu einem tieferen Verständnis der Person ihrer Mutter führen kann..

Intensiv lässt Nemirovksy der Entwicklung Helenes Raum und fängt in eleganter und filigraner Sprache sie Atmosphäre in der Familie, das Leiden das Vaters an seiner Frau, das Leiden Helens an der Mutter und dem Mitleid mit dem Vater, aber letztlich auch das Leiden der Mutter an sich selbst ein. Ebenso, wie es ihr gelingt, die Atmosphäre jener Zeit des beginnenden neuen Jahrhunderts nicht nur in der Eleganz des Paris jener Tage und der Sucht nach Reichtum, sondern auch in der Schattenseite der Armut in Russland und Frankreich intensiv zu schildern. Eine trotz ihres Alters wunderbare und zeitlose Lektüre.

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