Der Symmetrielehrer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Der Symmetrielehrer', Seiten: 334, Übersetzt: Rosemarie Tietze

Couch-Wertung:

90
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Christine Ammann
Postmoderne Erzählkunst

Buch-Rezension von Christine Ammann Okt 2012

"Wir sind keine Sonnenblumen, wir sind Ziegen", heißt es in dem neuen Roman "Der Symmetrielehrer" von Andrej Bitow, dem russischen Meister der Postmoderne: Der Mensch wendet sich nicht, wie die Sonnenblume, stets der Sonne zu, sondern geht, wie die Ziegen, stets schräg zum Hang bergauf, ohne dass man wundersamerweise je sieht, dass er wieder bergab geht.

Pointenreichtum, kluge Einsichten, witzige Bilder und Sprachspielereien machen den Reiz von Bitows Roman aus, einem fantasievollen Novellenreigen, den der Autor durch ein gewagtes Konstrukt, das mit Gewissheiten des Lesers und des Romans spielt, flechtet.

Wie Bitow dem Leser in einem Vorwort erläutert, stamme der "Echoroman" gar nicht von ihm, sondern er habe in "vorschriftstellerischer" Zeit zur Unterhaltung seiner Kollegen einmal ein "ausländisches Buch" übersetzen und nacherzählen müssen. Aufgrund der "ausländischen" Sprache habe er den Sinn auch nicht vollständig verstanden und sich vor jeder Nacherzählung Notizen gemacht. Mehr als zehn Jahre später sei ihm das Buch wieder eingefallen und habe ihn nicht mehr losgelassen. Das Buch selbst sei allerdings längst verloren gegangen und auch in keiner Bibliothek mehr aufzutreiben. Der Name des Autors sei ihm im Übrigen auch entfallen. Anhand seiner damaligen Notizen, seiner Erinnerungen, die er natürlich ergänzte, habe er nun das vorliegende Werk verfasst, eine "Übersetzung aus dem Ausländischen" von "The Teacher of Symmetry" des Autors A. Tired-Boffin. 

A. Tired-Boffin lässt sich allerdings als Anagramm von Andrei Bitoff lesen, und um die Verwirrung vollständig zu machen, gibt es in dem Werk wiederum Novellen von anderen Schriftstellern, von Urbino Vanoski und Ris Vokanabi – und in beiden Namen versteckt sich Vladimir Nabokov. Wie uns der Autor-Übersetzer Andrej Bitow mitteilt, lassen sich die einzelnen Erzählungen durchaus für sich lesen – und wurden von ihm früher auch schon so veröffentlicht – aber wer in den Genuss des Echos und somit des ursprünglichen Romans, der in dem nun vorgelegten Werk widerhallt, kommen möchte, der müsse den Roman als Ganzes lesen. 

Seltsame Gestalten und Dinge bevölkern den Echoroman, der verrückte "Gummi", der behauptet, vom Mond zu kommen, ein britischer König, der die "Encyclopedia Britannica" in seinem Sinne umschreibt, ein Autor, der sich in Nichts auflöst, ein Fahrrad, das vom Mond stammt, ein geheimnisvoller Knopf in der Wand.

Wie Rosemarie Tietze, die Bitows Roman meisterhaft übersetzt hat, in einem Epilog anmerkt, betrachtet der 1937 geborene Andrej Bitow, der in der UdSSR jahrelang nicht veröffentlichen durfte, sein schriftstellerisches Werk als Work in Progress. So hat er nicht nur die in dem Roman enthaltenen Novellen teilweise schon einmal veröffentlicht, sondern den Roman, während Tietze ihn ins Deutsche übersetzte, erneut bearbeitet. Eigentlich schreibe er sein ganzes Leben an einem einzigen Roman, sagte Andrej Bitow einmal.

Mit "Der Symmetrielehrer" hat Andrej Bitow ein vielschichtiges Werk geschrieben, das mancher Leser als anregende Novellensammlung und manch anderer als komplexes Werk der Postmoderne lesen wird. Und wer Italo Calvino oder Jorge Luis Borges liebt, für den ist der neueste Roman von Andrej Bitow ein unbedingtes Muss.

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