Das grüne Zelt

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Hanser, 2012, Titel: 'Das grüne Zelt', Seiten: 592, Übersetzt: Ganna-Maria Braungardt

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Christine Ammann
Das Leben der anderen - in Russland

Buch-Rezension von Christine Ammann Okt 2012

"Weißt du, alle Neuigkeiten auf der Welt sind alt. Mein Mann wurde von seinem eigenen Bruder ins Gefängnis gebracht, umgekommen sind alle beiden. Das Schicksal entscheidet, nicht unser Verhalten, ob gut oder schlecht. Iss, bitte."      

Das sagt Anna Alexandrowa in "Das grüne Zelt" von Ljudmila Ulitzkaja. Aber die Worte könnten genauso gut von der russischen Autorin, Jahrgang 1943, selbst stammen: Sie sind ein Roman "en miniature" und das Motto von Ulitzkajas Roman, der nun in der deutschen Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschienen ist.

Ljudmila Ulitzkaja, die zu den wichtigsten zeitgenössischen russischen Schriftstellern gehört, hat einen Epochenroman geschrieben, der nicht anklagt, sondern in lebhaftem, beredten und leichten Ton die Geschichte von drei Freunden erzählt: von Ilja, dem Fotograf, Sanja, dem Musikwissenschaftler, und Micha, dem Literaturlehrer, aber auch von vielen anderen russischen Dissidenten. Sie alle hatten 1953, nach Stalins Tod, mit dem der Roman beginnt, gehofft, es werde in der Sowjetunion neue Freiheiten geben.

Die Autorin schildert das Schicksal ihrer Figuren in traditionellem Erzählstil und mit verständnisvollem Blick auf die großen und kleinen Helden ihres Romans. Auf 600 Seiten entwirft Ulitzkaja ein geradezu tolstoisches Figurenpanorama: Sie gewährt Einblicke in beengte Wohnungen, armselige Wohnverhältnisse, romantische Datschen, in verzweifelte und weniger verzweifelte Seelenlagen. Die berühmtesten Vertreter dieser Zeit, Pasternak, Solschenizyn, Sinjawski oder Daniel lässt sie immer mal wieder durchs Bild huschen, sie sind die Fixsterne, deren Werke heimlich vom Samisdat gedruckt und vertrieben werden und um die Ulitzkajas Helden und Heldinnen kreisen. Aber Ljudmila Ulitzkaja leiht ihre Stimme vor allem den normalerweise namenlosen Mitgliedern der russischen Intelligenzija. Sie haben viel geopfert, um ihren Idealen treu zu bleiben. Und manches Mal gefehlt. 1996, kurz nach Auflösung der Sowjetunion, endet der Roman.

In vielen Passagen werden die Zufluchtsorte der Dissidenten außerhalb Moskaus zum Schauplatz des Romans. Wenn Ljudmila Ulitzkaja die gesellschaftlichen Gruppen der Peripherie beleuchtet, die in der Sowjetunion nicht gelitten waren und sonst selten eine Stimme haben, entwickelt der Roman eine besondere Eindringlichkeit. Wenn sie von den vertriebenen Krim-Tartaren oder von Glaubensgemeinschaften erzählt, die ihren Glauben nur im Geheimen leben können. Oder von abgelegenen Dörfern, deren Bewohner in "moderne" Plattenbauten umsiedeln müssen:

"Dieser Baggerfahrer hat gestern oder vorgestern die Erde hier umgewühlt, Urgroßvaters Gebeine aufgeladen, auf einen Laster gekippt, und nun ruhen sie auf der städtischen Müllkippe... Ein Hundeknurren hinter ihm lenkt ihn ab. Der eine Hund hatte einen riesigen Knochen im Maul, den er kaum halten konnte, der andere zerrte daran...Der Knochen war längst abgenagt – nur noch ein Spielzeug."

Am Ende gehen alle Figuren, die der Leser in Ulitzkajas Roman kennenlernt, auf die eine oder andere Weise beschädigt aus ihrer Geschichte hervor, korrumpiert, körperlich oder seelisch verletzt. Am besten hat es das Schicksal noch mit Sanja gemeint, der bei seiner Großmutter Anna Alexandrowa lange einen sicheren Hafen findet. Seine Klassenkameraden brechen ihm einen Finger, sodass er seine Musikerkarriere aufgeben muss, seine Frau geht zu ihren Eltern zurück, als er ihr kein sicheres Zuhause mehr bieten kann, aber am Ende ist er "in New York und unterrichtet an einer weltberühmten Musikschule theoretische Fächer. Ende gut, alles gut!"

Auf den 600 Seiten von Ljudmila Ulitzkajas Roman hat "Ende gut, alles gut!" allerdings einen sehr bitteren Beigeschmack bekommen.

Der Autorin gelingt es mit "Das grüne Zelt", ein lebhaftes Bild der nachstalinistischen Sowjetunion zu entwerfen, voller Geschichten, Schicksale und Szenen, die man so schnell nicht vergisst. Sie lässt den Leser in die russische Geschichte eintauchen und mit den Heldinnen und Helden des Romans hoffen und leiden. Ljudmila Ulitzkaja hat einen traditionellen Roman geschrieben, dessen Fäden, Szenen und Erzählstränge sie auf beeindruckende Weise verknüpft, entwirrt und entfaltet. Ein ungemein spannendes Buch, das die russische "Tauwettergeneration" kaleidoskopartig beleuchtet. Sehr informativ und unterhaltsam!

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Letzte Kommentare:
29.09.2014 18:19:06
Prisca P.

Die drei Jungen, um die es hier geht, haben es echt schwer. Der eine wäre gerne Pianist geworden, hat aber eine verkrüppelte Hand. So wird er nichts halbes und nichts Ganzes und bleibt sowohl in Bildung, als auch in der Liebe auf halber Strecke stehen. Nicht mal zwischen Homo- und Heterosexualität kann er sich entscheiden. Der zweite gerät irgendwie auf schiefe Bahn und wird zum Spion des Sowjet-Regimes, obwohl er eigentlich sein täglich Brot mit der Veröffentlichung illegaler Bücher und Streitschriften verdient. So muss er schließlich die Liebe seines Lebens verlassen und landet in einer ungewollten Ehe in Paris. Und der dritte ist Jude.
Nur gut, dass sie sich gegenseitig haben. Und gut, dass sie den Leser mitnehmen auf ihrem Lebensweg durch das Moskau der Sowjetzeit. Sie lieben sich, die Stadt in der sie leben und vor allem die Bücher und Bilder, die ihre Zeit hervorbringt. Auch und gerade, wenn diese eigentlich verboten sind. So begegnet man der russischen Kultur auf eine Art, die naturgemäß sonst nicht allen möglich ist: Durch russische Augen. Und mit der Zärtlichkeit und Liebe, die man nur seiner Heimat gegenüber empfinden kann.