Türkischer Honig

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Alexander VVerlag, 2012, Titel: 'Türkischer Honig', Seiten: 240, Übersetzt: Rosemarie Still

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Jochen König
Fuck me, I'm desperate

Buch-Rezension von Jochen König Okt 2012

Als Paul Verhoevens Film "Türkische Früchte" 1973 für Aufsehen sorgte, war der zugrundeliegende Roman des niederländischen Schriftstellers Jan Wolkers bereits seit vier Jahren auf dem Markt. Doch ruhig war es um das nur wenig mehr als 200 Seiten dicke Buch selten geworden.

1969 sollte man eigentlich meinen, dass die explizite sexuelle Konnotation des Romans gelassen hätte aufgenommen werden können. Insbesondere in den Niederlanden, deren liberaler Umgang mit jeglicher Form der Sexualität Sittenwächtern jeder Couleur ein Dorn im Auge war und ist. Immerhin waren die 60er das Jahrzehnt, in dem die sexuelle Revolution ausgerufen wurde, der Sommer der (freien) Liebe zumindest eine Saison lang regierte, und der flapsige Spruch vom "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment" die amüsierte Runde machte. Im bürgerlichen Lager setzten Oswald Kolles Aufklärungs- und die (Schulmädchen-)Report-Filme erfolgreich Maßstäbe, was die Abbildung nackter Brüste und Schambehaarung (Full Frontal Nudity!) auf der großen Leinwand anging. Dennoch sorgte "Turks Fruit" für Furore (wie nachfolgend Verhoevens für den Oskar nominierter Kinofilm).    

Dabei ist Jan Wolkers Roman, trotz aller geschilderten Sexualpraktiken, keine pornographische Erbauungslektüre. Die Geschichte des namenlosen Bildhauers, der nur im Film den Namen Erik Vonz verpasst bekam, ist eine Bestandsaufnahme, die die eigene Vergangenheit reflektiert. Der Erzähler weiß bereits zu Beginn seiner Erzählung wie sie enden wird, der Leser ahnt es ziemlich schnell.

Doch einer sprach im Frühling: "Auch Du fühlst Lust und Schmerz", und brach ihr tausend Rosen, doch sie brach nur sein Herz

Seine Beziehung zu Olga, die er zufällig beim Trampen trifft, beginnt mit einem schweren Unfall, den beide mit viel Glück verletzt überleben. Der außerdem für ein paar der bitterkomischen Momente sorgt, die den ganzen Roman, bis zum emotionalen Schluss, durchziehen. Aus der dramatischen Begegnung wird ein Fest des Lebens und der Liebe, des Genießens und der Provokation. Der Bohemien mit unsicherem Einkommen und die Tochter aus "gutem Hause" leben nach dem Motto: "Platz ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar". Sie vögeln sich durch die Zeit bis zur Heirat, die rote Olga und ihr Bildhauer, der immer dann zu Geld kommt, wenn eine öffentliche Stelle eine Skulptur von ihm haben möchte. Die dann unweigerlich zu einer Variation Olgas wird: Mutter und Kind, Frau und Katze.  Schon hier ein Bruch mit dem scheinbar so freien Künstlerleben, das nur möglich ist, wenn staatliche Stellen Gelder fließen lassen. Wenn dort Flaute herrscht, ist das Paar auf das Sozialamt und/oder Olgas tätige Mitarbeit angewiesen.

Befriedigender Sex scheint über alle Malaisen hinwegzuhelfen, doch binnen kurzem wird deutlich, dass das "Tier mit den zwei Rücken" nur einen verzweifelten Fluchtweg bietet, der nicht in einer dauerhaften, glückseligen Zweisamkeit enden kann. Denn selbst dem verzweifelt liebenden Erzähler schwant unweigerlich, dass das körperliche Beisammensein Probleme nur verdrängt, aber nicht löst. Doch sein Glaube an die Liebe, an eine Beziehung, die fast ohne Worte funktioniert, hilft ihm über alle Irritationen hinwegzusehen, die sich alsbald einstellen.

Wie Olgas panische Angst vor dem Kinderkriegen, gepaart mit einer Ersatzbefriedigung als Tiermutter, die allzu oft im  Tod des betreuten Tieres endet.  Am dramatischsten und eindrücklichsten ausgeführt in der Totgeburt eines jungen Kätzchens, das im Mutterleib schon zu verwesen beginnt. Eine vorsichtige Allegorie zu Olgas eigenem Leben?

Deren Mutter ihr mit eiskaltem Zynismus, die nach einem Krebsbefall amputierte Brust mit dem Vorwurf präsentiert, dass Olga sie als Baby geradezu weggefressen habe. Selten wurden Traumata pointierter und plakativer injiziert.

Die "Hexe" nennt unser Erzähler Olgas Mutter gern, die ihn miss- und verachtet, während er bei Olgas Vater ein warmes Plätzchen zum Kuscheln findet. Eine der einprägsamsten, liebevoll gezeichneten Figuren des Romans. Jener schwergewichtige Mann, der mit Begeisterung Popel unter seinen Sessel klebt, Witze, egal ob mit oder ohne Pointe, mit Verve erzählt ("Wer leckt die Königin von hinten? – Jeder der eine Briefmarke aufkleben will!"), dessen letzte Worte aus seinem Standardwitz bestehen. Ein trauriger Clown, der sich in eine Mischung aus provokanter Infantilität und spöttischer Altersweisheit rettet, um das Leben an der Seite seiner untreuen und ihn ständig gängelnden Gattin auszuhalten. Nach seinem Tod geht die Beziehung zwischen Olga und dem Erzähler unweigerlich in die Brüche.

Und hatte eine Sehnsucht und wusste nicht wonach

Ob Olgas Mutter, die "alte Hexe", tatsächlich die Hauptverantwortung an der Trennung trägt, wird zwar vom Erzähler suggeriert, bleibt aber offen. Denn über eins muss man sich im Klaren sein: "Türkischer Honig" ist strikt aus der männlichen Perspektive eines verunsicherten Künstlers erzählt. Olga wird nach der Trennung zum Rätsel, das der Künstler so gern lösen möchte. Während er sich bindungsunfähig und mit aufgesetztem Tatendrang durch halb Holland vögelt, dabei kaum ein freundliches Wort über seine Kurzzeit-Geliebten verliert, stürzt sich Olga rund um den Globus in feste Partnerschaften, die unglücklich und zutiefst deprimierend enden. Wobei sich unser Bildhauer selbst mit einem verzweifelten Akt, kaum von einer Vergewaltigung zu unterscheiden, um die Chance einer gemeinsamen Zukunft bringt. Das krawallige Ende jenes verzweifelten Liebesaktes, eingeleitet von einem Koitus Interruptus der drastischen Art, wird zu einer Bestätigung für den Erzähler, lässt ihn aber auch, unfähig mit Olgas Trauer und Hilflosigkeit  umzugehen, ratlos zurück. Wolkers benutzt keine ausschweifenden Dialoge und langwierigen Erklärungen, um seine Protagonisten verletzt und ungeschützt zu zeigen, sondern ihm reicht jene handfeste, absurde Komik, die beide früher einmal verband.  

"Ich rief Olga noch zu, ich werde sie anrufen, sie solle zu mir zurückkommen, sie solle sich von diesem Luder nicht vergiften lassen. Ich würde sie immer lieben und auf sie warten. Dann verließ ich das Haus, ohne dieser bleichen, irren Hexe an den Kopf zu werfen, sie wolle aus ihrer Tochter eine Hure für den Meistbietenden machen, oder ähnliche rachgierige Sprüche. Und ich bin nie wieder zurückgekommen."

So flink mit dem Mund, so groß mit den Versprechungen, doch weiter geht es mit: "Der Mensch ist gemein". Denn über den Weg laufen werden sich Olga und der Bildhauer immer wieder. Während er testosterongesteuerte, kleinliche Racheaktionen plant und  gelegentlich ausführt, geht Olga zunehmend verloren. Permanent unterwegs. Mit den falschen Ehemännern, Alkohol und Ängsten, die erst Realität werden müssen, bevor es eine letzte Annäherung zwischen den beiden Hauptfiguren des Romans gibt.  

Was blieb von ihrem Leben, ein Lied, das niemand sang

"Türkischer Honig" ist ein Buch voller Witz und Wärme, es propagiert eine befreite Sexualität und zeigt gleichzeitig deren Grenzen auf, feiert ein Fest der Liebe und des Lebens im Angesicht von Ängsten, Schuld, Versagen, keimender Hoffnung und Tod. Voller subtiler wie ungeschlachter Komik, gleichzeitig gebrochen und tieftraurig, wissend um Endlichkeit und vergebliches Bemühen. Und beseelt vom dem drängenden Wunsch, es trotzdem zu versuchen. Große Literatur.

Auch wenn Cees Nooteboom Jan Wolkers Bücher gerne zu einer toten Taube in die Plastiktüte stecken würde.

Die Neubearbeitung des Alexander-Verlags ist hervorragend. Rosemarie Stills Übersetzung ist von süffiger Lesbarkeit, die "Turks fruit" bekommen endlich die Bezeichnung, unter der sie im Deutschen bekannt sind: "Türkischer Honig".

Das anschließende Essay von Onno Bloom und Arnon Grünbergs Nachwort sind beide diskussionswert. Während Bloom etliche Zusatzinformationen über den Autor wie die Einbeziehung seiner Biographie ins geschriebene Werk gibt; bevor er eine kurze aber nachvollziehbare Interpretation startet, versucht sich Grünberg an einer pointierten (Sprach-)Analyse der "Turk Fruits". Die etwas zu selbstgefällig daherkommt, aber eine lohnende Grundlage für die tiefergehende Beschäftigung mit Wolkers Roman bietet. Obendrein verdanken wir Grünberg die Nooteboom-Anekdote.

Die Überschriften im Text sind dem "Lied vom einsamen Mädchen" entnommen, das zahlreiche Interpreten fand. Von Hildegard Knef bis Martin L. Gore. Ich empfehle die eindringliche Nico-Version.

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