Der Dirigent

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Aufbau, 2012, Titel: 'Der Dirigent', Seiten: 398, Übersetzt: Bettina Abarbanell

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Birgit Borloni
Die Hoffnung stirbt nie ganz

Buch-Rezension von Birgit Borloni Okt 2012

Leningrad 1941-1942: Der Zweite Weltkrieg tobt und in Leningrad verlassen deutsche Diplomaten die Stadt. Ein Zeichen, dass Hitler wirklich einen Feldzug gegen die Sowjetunion plant, und tatsächlich wird die Stadt schon bald belagert und das Leben wird hart für die Bewohner Leningrads, besonders im gefürchteten russischen Winter. Bevor die Stadt jedoch völlig eingekesselt ist, werden viele hochgestellte Persönlichkeiten, vor allem Künstler und Kulturschaffende, aus der Stadt evakuiert. Doch einer der bekanntesten Komponisten der Stadt, Dmitri Schostakowitsch, weigert sich zunächst, seine Heimatstadt zu verlassen, da er gerade an einer neuen Sinfonie arbeitet und seiner Meinung nach ein Ortswechsel dem Werk überhaupt nicht gut täte.

Auch Karl Eliasberg, Dirigent des zweiten Radioorchesters bleibt mit seinen Musikern in der Stadt, nicht aus Tapferkeit oder Liebe zu seiner Heimat, sondern weil er schlicht und einfach nicht wichtig genug ist, als dass man ihn ebenfalls evakuiert hätte. So fällt ihm die Aufgabe zu, mit seinem Orchester die Siebte Sinfonie Schostakowitschs,  die dieser schließlich doch  im Exil fertig stellt, in Leningrad aufzuführen, um den Einwohner Kraft und Mut zu machen, und das aller Kälte, allem Hunger und allen Angriffen der Deutschen zum Trotz.

Sarah Quigley erzählt in ihrem Roman "Der Dirigent" - der erste, der von ihr auf Deutsch erschienen ist - eine berührende Geschichte von Krieg, Hunger und Elend, von Genie und Besessenheit, von Leidenschaft, von Liebe und Hass, von Mut und Hilflosigkeit, von Hoffnung und Verzweiflung, von Feiglingen und Helden und natürlich von der Kraft der Musik.

Erschütternd beschreibt sie die Zustände in Leningrad während der Belagerung, den Hunger, das Elend, die Kälte, den täglichen Kampf ums Überleben, den so viele im Laufe des Winters 1941/42 verlieren. Es übersteigt das Vorstellungsvermögen des Lesers, wie unglaublich die Leute gelitten haben, mit wie wenig sie auskamen (mussten). Kaum etwas zu Essen, ein paar Bissen Brot und vielleicht noch ein bisschen wässrige Suppe mit irgendetwas Undefinierbarem darin, das musste reichen. Schon vom Hunger geschwächt, setzte auch die Kälte den Bürgern Leningrads zu, da es schließlich weder neue, warme Kleidung, noch Heizmaterial gab. Oft fragt man sich als Leser, was die Menschen eigentlich weitermachen, was sie täglich den Kampf ums Überleben erneut aufnehmen lässt? Tatsächlich die Hoffnung, dass alles gut wird, oder kostet die Entscheidung aufzugeben einfach mehr Kraft, als vorhanden ist?

Quigley schont ihre Leser nicht. Die Bombenangriffe, das Leid, das Elend, die vielen Toten auf den Straßen, Plätzen und auch in den Wohnungen werden schonungslos  beschrieben. Auf billige Effekthascherei wird dabei verzichtet, doch die wäre auch gar nicht nötig. Die geschilderten Umstände berühren auch in der klaren und ehrlichen Sprache, in der sie erzählt werden.

Doch es gibt auch Hoffnung in dem Roman, ausgelöst durch die Musik und durch die Menschen, die ihn bevölkern.

Zwei der drei Hauptprotagonisten haben wirklich gelebt: Dmitri Schostakowitsch und Karl Eliasberg.

Schostakowitsch spielt logischerweise eine wichtige Rolle, dreht sich der Roman doch um die Entstehung seiner Siebten Sinfonie, die auch die Leningrader Sinfonie genannt wird. Doch ist er beileibe kein Sympathieträger, dazu ist er zu egozentrisch und zu egoistisch. Seine Musik bedeutet ihm alles, sie treibt ihn an, erfüllt ihn, reibt ihn auf, treibt ihn fast in den Wahnsinn, entfernt ihn von seiner Familie und seinen Freunden. Er kann nicht ohne sie sein. Kommt ihm ein Gedanke, besser eine Melodie, in den Kopf, dann kann er Störungen und Ablenkungen nicht ertragen, dann muss er komponieren, und wenn ihm dabei die Bomben auf den Kopf fallen. Doch er liebt auch seine Familie, und auch wenn sie regelmäßig gegen die Musik verliert, so gibt er sich doch immer wieder Mühe, auf sie einzugehen, sich am täglichen Leben zu beteiligen und ihnen die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen. Dass er immer wieder daran scheitert, lässt ihn umso menschlicher erscheinen.

Karl Eliasberg hingegen ist der ewig Zweite, von Selbstzweifeln und Ängsten geplagt, der Schostakowitsch gleichermaßen bewundert und beneidet. Der sich nichts sehnlicher wünscht, als zur Elite der Musiker dazu zu gehören, aber der dennoch ewig Zweiter bleibt, an sich und seinen Fähigkeiten (ver)zweifelnd. Er erweckt Mitleid beim Leser, doch gleichzeitig möchte man ihn auch schütteln und ihm einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten verpassen, damit er sein Leben auf die Reihe kriegt. Doch die schier unmögliche Aufgabe, mit einem stark dezimierten Orchester, dessen Mitglieder vor Schwäche kaum ihre Instrumente halten können und bei den Proben des Öfteren ohnmächtig zusammenbrechen, die Siebte Sinfonie aufzuführen, lässt ihn über sich selber hinauswachsen, ihn durchhalten, Gegenwind ertragen, auch wenn dabei nicht nur seine besten Seiten zu Tage treten.

Nikolas, ein fiktiver Charakter, ist Musiker und Musiklehrer, der seine abgöttische Liebe zu seiner Frau nach deren Tod auf seine Tochter übertragen hat, die sie ein Lebensinhalt und sein Sonnenschein ist. Aus Sorge um ihr Leben lässt er sie evakuieren, doch sein Leben wird zur Hölle, als es keine Nachricht über ihren Verbleib gibt. Doch auch er kann nicht aufgeben, sondern macht immer weiter.

"Der Dirigent" ist ein mitreißendes Buch, das kaum einen Leser kalt lassen wird und das neben all den furchtbaren Dingen, die während der Belagerung Leningrads passieren, doch auch Raum für die schönen Dinge lässt, in dem die Hoffnung nie ganz stirbt, und das nicht zuletzt durch die fesselnden und sehr menschlichen Protagonisten noch lange nachhallen wird.

Zudem hat sich der Aufbau-Verlag mit Cover-Gestaltung und einem ausführlichen Anhang über Schostakowitsch, die Leningrader Sinfonie, die Belagerung Leningrads und einem Interview mit der Autorin, wirklich Mühe gegeben. Der Erstauflage liegt außerdem eine CD mit Schostakowitsch Siebter Sinfonie, gespielt vom Russischen Philharmonie Orchester, bei.

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Letzte Kommentare:
31.03.2015 10:45:27
Herodot

Neuseeländische Literatur bei der Buchmesse in Frankfurt/Main: Einem neuseeland-fremden Thema hat sich allerdings die in Berlin lebende neuseeländische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Sarah Quigley gewidmet. Ihr Roman „Der Dirigent“ erzählt von Dmitri Schostakowitsch, von seiner berühmten „Siebten Symphonie“, deren Uraufführung im von den Deutschen belagerten Leningrad zu einem dramatischen Ereignis wird. Und damit erzählt Sarah Quigley, sie liebt die Musik und spielt selbst Klavier und Cello, von der Macht und Kraft der Musik – gerade in Zeiten der Unfreiheit, der Barbarei und der Not. Am deutlichsten dargestellt in der Person des Dirigenten Karl Eliasberg, Chef eines wenig bedeutenden Orchesters, dem plötzlich die Uraufführung dieser Symphonie anvertraut wird. Er, der Schostakowitsch zugleich bewundert und hasst, wird seine frierenden und hungernden Musiker zu grandioser Höchstleistung bringen. Ein Roman, der den Leser ein Stück russischer Geschichte erleben lässt und vielleicht ein neues Verständnis für das Werk des großen Komponisten, dessen Symphonie als CD parallel zur Lektüre gehört werden kann, weckt. Gleichzeitig erweist sich Sarah Quigley als hervorragende Erzählerin. Ein Buch, das bewegt und anrührt.

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