Johann Holtrop

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Johann Holtrop', Seiten: 343, Originalsprache

Couch-Wertung:

75
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Carsten Germis
Eine verpasste Chance

Buch-Rezension von Carsten Germis Okt 2012

Mit seinem Roman "Johann Holtrop” will Rainald Goetz einen "Abriss der Gesellschaft” liefern. Trotz vieler starker Stellen ist er damit am Ende gescheitert.

Was hätte das für ein Buch werden können? Es ist fast 30 Jahre her, dass sich Rainald Goetz mit seinem Roman "Irre” auf Anhieb so etwas wie Kultstatus erschrieben hat. Er hat viel veröffentlicht seitdem, aber nie wieder einen Roman. Den hat er jetzt geschrieben; "Johan Holtrop” lautet der Titel, und Goetz will damit nicht mehr und nicht weniger, als die Verderbtheit, die Korruption, die – wie er es nennt – Kaputtheit einer Gesellschaft zeigen, die in den ersten zehn Jahren dieses Jahrhunderts von ihren Finanz- und Wirtschaftseliten zerstört wird. "Johan Holtrop” heißt  das Musterbeispiel dieser Gattung gieriger Manager, die der Autor ins Visier nimmt. Goetz gibt sich wenig Mühe zu verschleiern, wer ihm für diesen Roman über die Wirtschaftswelt als Vorbild diente: Thomas Middelhoff, einst Lichtgestalt beim behäbig gewordenen Medienkonzern Bertelsmann in Gütersloh. Erst gefeiert, dann gestürzt, gescheitert nicht zuletzt an den Beharrungskräften im Konzern, ist Middelhoff das erkennbare Vorbild, an dem sich Goetz in seinem Roman voller Wut abgearbeitet hat. Assperg heißt der Konzern bei ihm. Liz Mohn, die Chefin, sieht dann so aus:

"Weil an der Seelenstelle bei ihr Leere war, hatte die Erfahrung der Macht, die durch jede ihrer Willkürbewegungen gegenüber einem Mann, jedes Verstoßen oder Erhören, in ihr vermehrt worden war, sie nicht erstaunt, verwirrt und ernst gemacht, sondern im Gegenteil hart und stolz und dabei unschön triumphalisiert.”

Ein großartiges, ein lange überfälliges Thema für die allzu brave deutsche Literatur. Doch die Chance, die dieser Stoff bietet, hat Goetz vertan. Eine Erklärung dafür liefert er selbst. "Wütend schritt ich voran”, schreibt er als Motto auf Rückseite des Buchumschlags. Der deutsche Wutbürger, der unreflektiert seine eigenen Interessen und Vorurteile herausschreit, ist mit diesem Buch auch in der Literatur angekommen. Einziges, immer wiederkehrendes Thema ist die "strukturelle Kaputtheit des Systems der Verachtung”. Der Wutlevel bleibt hoch über den ganzen Roman. Schon auf der ersten Seite gibt Goetz seine Diktion vor: "Hysterisch kalt”, "verblödet”, "gesteuert von Gier”, "kalkulierbar, ausrechenbar und ausbeutbar”, "infantil größenwahnsinnig” – so ist es für Goetz, "das Phantasma der totalen Herrschaft des Kapitals über den Menschen.”

Goetz hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder als Essayist hervorgetan, der mit guten Gedanken provozierte. Er hat gebloggt – auch in diesem Buch gibt es über den Verfall der gesellschaftlichen Ordnung Deutschlands immer wieder viele gute Stellen, die die Lektüre lohnen. Nur, leider, über 343 Seiten eines Romans trägt die Wut des Autoren nicht. Der Rezensent sah sich jedenfalls bei der Lektüre des Buchs, das – bewusst wahrscheinlich, um die Verderbtheit dieses Denken der Eliten zu zeigen – in einer kalten, aber eben auch substantivlastigen Verwaltungssprache abgefasst ist, immer wieder in Versuchung, bisweilen schnell weiterzublättern. Jugendliche blättern so in den Abenteuergeschichten Karl Mays weiter, wenn der mal wieder zu seinen seitenlangen Landschaftsbeschreibungen kommt. Nur als Beispiel für den mehr als herausforderndern Schreibstil sei hier ein einziger Satz von Seite 205f zitiert: 

"Dirlmeier (der persönliche Referent Holtrops) organisierte die Schnittstelle von privaten, betrieblichen und öffentlichem Holtrop, das hatte viel mit Holtrops Familie zu tun, den Freunden und Bekannten, mit Veranstaltungen und Aktivitäten, für die es Zutritt, Backstagebändchen oder Karten zu beschaffen galt, ein Fußballspiel  hier, ein Galauftritt da, als Preisträger eines Bambi, einer goldenen Feder, Münze oder Mütze, dort ein Votrag vor hochkarätigen  Senioren in Gstaad, den die Redneragentur Publique, die als eine von mehreren Agenturen Holtrop ungebeten, dafür sehr gut bezahlte, Termine für Auftritte als Redner beschaffte, via Dirlmeier an Hiltrop herangetragen hatte, Interviews, Aktien, Börse privat, und bei alleden war Dirlmeier außerdem noch als seine offene, Holtrop bestätigende und überall, in allem und zu allem ermutigende Resonanzinstanz aktiv, der Holtrop in einer typisch chefhaften Borniertheit, als habe er ausgerechnet in dem von ihm abhängigen Dirlmeier einen quasi neutralen Spiegel vor sich, entnehmen zu können glaubte, wie er in der Firma, beim sogenannten einfachen Arbeiter, den sogenannten Mitarbeitern, gesehen wurde, wie die Stimmung ihm gegenüber im oberen und mittleren Management war und wie er in der Öffentlichkeit generell als Typ ankam, als Mensch, als Figur, als Visionär und Denker, als Chef natürlich, als Chef von Chefs und wie das alles auf die Öffentlichkeit wirkte insgesamt.”

Puh, da sage noch mal einer, Thomas Mann schreibe lange Sätze. Dass Goetz in seiner antikapitalistischen Wuttirade trotz gründlicher Recherche auch den einen oder anderen Unsinn schreibt – da haben Reinigungskräfte tarifvertraglich 20 Minuten Raucherpause und da werden amerikanische Hedgefonds mal eben mit Staatsfonds arabischer Länder verwechselt, obgleich die wenig miteinander gemein haben. Auch ein paar steuerrechtliche Anmerkungen hätte Goetz vielleicht von seinem Steuerberater gegenlesen lassen sollen - aber das sei hier nur am Rande bemerkt. 

Goetz hat einen Roman angekündigt, kein Pamphlet, keine Reportage, keinen Essay über Middelhoff als Beispiel für den Verfall der deutschen Wirtschaftseliten. An diesem, seinem eigenem Anspruch muss er sich messen lassen. Und an diesem Roman hat er versagt. Holtrop zum Beispiel bleibt als Charakter bis zum Ende blutleer, erstarrt in Clichés. Holtrop bleibt als Charakter blass, er interessiert den Leser eigentlich nicht.

"Wenn Sie keine Figuren erschaffen können, die in der Phantasie des Lesers lebendig werden, können Sie keinen verdammt guten Roman schreiben”, hat der Genreautor James N. Frey in einem seiner Schreibratgeber geschrieben.

Gut, in Deutschland wird zwischen U und E immer noch scharf geschieden, aber auch ein Roman eines anerkannten Schriftstellers darf erstens gerne gut zu lesen sein und unterhalten und zweitens anhand der Konflikte seiner Hauptfigur zeigen, was da seit Anfang unseres Jahrzehnts der Kasinokapitalismus an gesellschaftlichen Veränderungen gebracht hat. Das war die Chance, diesen Verfall der Gesellschaft, der ja viele Menschen bewegt, an einer Person zu zeigen.

"Figuren sind der Stoff aus dem Romane gemacht sind”, schreibt Frey zu recht.

Goetz Figuren bleiben blass. Sein Roman ist das halb-solide Pamphlet eines Wutbürgers. Es ist interessant, sich durch die 342 Seiten durchzuarbeiten, Spaß macht es nicht. Zum Nachdenken regen sie nicht an, diese 342 Seiten, denn von Anfang an zieht sich die immer selbe Botschaft bis zum Ende in der gleichen kalten Bürokratensprache durch. Vielleicht ist das hohe Literatur für das gelehrte deutsche Feuilleton. Literatur für Leser, die unter den Veränderungen der Gesellschaft leiden und sie erklärt und kritisiert sehen möchten, ist es nicht.  

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