Aller Tage Abend

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Knaus, 2012, Titel: 'Aller Tage Abend', Seiten: 288, Originalsprache

Couch-Wertung:

91

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
0 x 81-90
0 x 71-80
1 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:62
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":1,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Christine Ammann
Zufall, Schicksal oder Gott

Buch-Rezension von Christine Ammann Okt 2012

Als selbstoptimierter Mensch haben wir unser Leben heute gern im Griff. Wir planen jeden Schritt in allen Einzelheiten und zermartern uns den Kopf, um bloß die richtigen Entscheidungen zu treffen. Jenny Erpenbeck wirft in ihrem neuen Roman "Aller Tage Abend" nun einen ganz anderen Blick auf unser Leben. Hängt der Verlauf unseres Lebens nicht häufig einfach vom Zufall ab? Kann unser Leben nicht durch einen winzigen Zufall eine ganz andere Richtung einschlagen?

Jenny Erpenbeck findet für diese Fragestellungen einen beeindruckenden Kunstgriff. Sie lässt ihre Protagonistin, die das 20. Jahrhundert erlebt und erleidet, fünf Mal sterben und hebelt unsere Lesegewohnheit, eine fiktive Geschichte als zwangsläufige Entwicklung zu betrachten, immer wieder aus.

Die 1967 in Ostberlin geborene Autorin, die aus einer Schriftstellerfamilie stammt und in dem Roman auch ihre eigene Familiengeschichte berührt, unterteilt ihren Roman in fünf Bücher. Mit einem geschickten Intermezzo, das die Geschichte in eine neue Richtung lenkt, leitet sie jeweils zum nächsten Buch über.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts stirbt in einem galizischen Städtchen ein Baby, sein verzweifelter Vater, ein kleiner k.u.k-Beamter, wandert nach Amerika aus und seine Mutter wird Prostituierte. Aber könnte es nicht auch ganz anders sein?

So heißt es einmal in "Aller Tag Abend": "Eine ganze Welt aus Gründen gab es, warum ihr Leben nun an ein Ende gekommen sein könnte, wie es gleichzeitig eine ganze Welt aus Gründen gab, warum sie jetzt noch am Leben sein könnte und sollte."

Also das Baby lebt, die Familie geht nach Wien, leidet erbärmlichen Hunger, und das inzwischen junge, einsame Mädchen begeht verzweifelt Selbstmord. Oder doch nicht?

Sie lebt, wird Kommunistin, geht nach Moskau, beginnt zu schreiben und stirbt im GULAG.

Oder doch nicht? Sie führt in der DDR ein erfolgreiches Leben und stirbt als hoch geehrte Schriftstellerin.

Oder erlebt sie noch den Mauerfall?

Jenny Erpenbecks Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2012 stand, ist auch ein Familienroman: Er erzählt eine Familiengeschichte, an deren Anfang und Ende eine Lebenslüge steht. Ebenso wie die jüdische Großmutter ihrer Tochter verheimlicht hat, dass ihr Vater von Antisemiten im Blutrausch ermordet wurde, erzählt die Protagonistin und Enkelin, die in Moskau und der DDR lebt, ihrem Sohn nicht, dass sein Vater dem stalinistischen Regime zum Opfer fiel. Die Lebenslüge nistet sich als Element der Entfremdung in der Familie ein.

Jenny Erpenbeck spielt in ihrem Roman mit den kleinen, kaum merklichen Zufällen, die über Leben und Tod entscheiden können. Wie etwa das prachtvolle rote Haar der Heldin, an das sich der Genosse in Moskau erinnert, als er ihre Akte vom linken Aktenstapel auf den rechten legt und damit ihr Leben rettet.

Natürlich mag man sich fragen, wo in diesem Roman persönliche Verantwortung, Schuld und Zivilcourage ihren Platz haben. Macht es sich die Autorin nicht zu leicht, wenn sie dem Zufall eine tragende Rolle in unserem Leben einräumt? Aber das ist einfach nicht die Frage, die Jenny Erpenbeck in "Aller Tage Abend" stellt. Sie fragt nach der Rolle, die der Zufall in unserem Leben spielt, und das gelingt ihr auf ungewöhnliche Weise.

Woody Allen hat mit "Match Point" einen wunderbaren Film über den Zufall gedreht, aber was den Roman von Jenny Erpenbeck so besonders macht, ist ihre Kunst, den Zufall im Werk selbst in Szene zu setzen. Und es ist ihrer sprachlichen Virtuosität zu verdanken, dass es ihr – ähnlich wie Tom Tykwer in "Lola rennt" und doch ganz anders – gelingt, den Leser nach jedem Tod der Protagonistin wieder mitzunehmen, froh, dass diese dem Tod noch einmal ein Schnippchen geschlagen hat.

"Alle Tage Abend" beeindruckt nachhaltig durch Szenen intensiver Wucht. Den gewaltsamen Tod des Großvaters, den erbärmlichen Hunger in Wien, die kommunistische Selbstkritik oder die Heldin, die sich in Sibirien ihr eigenes Grab schaufelt, wird der Leser so schnell nicht vergessen.

Die Autorin versteht es, kunstvoll zwischen den Perspektiven der Personen zu wechseln und Ton und Stil der geschilderten Situation anzupassen. So heißt es über den Herbst 1989:

"Im Herbst neunundachtzig fällt die Wand zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Deutschlands, umgerannt wird sie, übersprungen, niedergemacht, die Volksmenge, die in Aufruhr geraten ist, stürzt aus dem eigenen Land hinaus und sinkt den kapitalistischen Brüdern und Schwestern in die Arme, Freudentaumel, vergisst sich, ein ganzes Staatswesen entleert sich, übergibt sich, wem eigentlich übergibt man sich, wenn man sich übergibt, übergibt die Gewalt, die Staatsgewalt, und sackt dann in sich zusammen, ist hin."

"Aller Tage Abend" reißt durch seinen Sprachrhythmus mit. Man merkt es dem Roman an, dass Jenny Erpenbeck auch als Theaterregisseurin für Oper und Musiktheater arbeitet. Es ist diese Musikalität der Sprache, die "Aller Tage Abend" trotz all der düsteren Geschehnisse einen heiteren Grundton verleiht.

Mit "Aller Tage Abend" ist Jenny Erpenbeck ein sprachlich kunstvolles, spannendes und heiteres Buch über eine Familie, über die Wirren des 20. Jahrhunderts und über den Zufall in unserem Leben gelungen. Unbedingt lesenswert.

Deine Meinung zu »Aller Tage Abend«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
03.11.2014 07:13:43
Theodor Kuhlau

Eine Familiengeschichte, die 1902 in Brody (Galizien) beginnt und über New York, Wien und Moskau bis ins Berlin der Nachwendezeit führt. Eine Geschichte voller Not, Entbehrungen, rassistischer und politischer Verfolgungen und tragischer Schicksale. Doch so fesselnd der stoffliche Gehalt ist, so erkennbar großartig recherchiert vor allem die Zustände in den Armutbezirken Wiens vor und nach dem Ersten Weltkrieg sind, was diesem Roman seinen Rang verleiht, ist die ungewöhnliche Darstellungsform: Jenny Erpenbeck erzählt das Leben ihrer Hauptfiguren gleichsam in Alternativversionen: An bestimmten Wendepunkten ihrer jeweiligen Viten stellt sie dar, wie alles hätte anders kommen können.
Es beginnt damit, dass ein 17-jähriges jüdisches Mädchen Johann heiratet,einen "Goj", einen Christen, der als k.uk. Beamter der Galzisischen Eisenbahn immer in der elften, untersten Geahltsklasse bleiben wird. Die Ehe beginnt vielversprechend, voller Erotik und Innigkeit. Doch dann erleidet Johanns erste Tochter den plötzlichen Kindstot. Er wandert in seiner Verzweiflung nach Amerika aus, die junge Frau, die er im Stich gelassen hat, arbeitet indes in einem Lebensmittelladen, gibt sich einem Offizier hin, der sie - was sie natürlich nicht beabsichtigt hatte -nach und nach zur Prostituierten macht.
Ein Schreckensmoment verändert so das ganze Leben von zwei Menschen. Doch was wäre, wenn die junge Mutter in jener verhängnisvollen Nacht die Eingebung gehabt hätte, unmittelbar nachdem sie merkte, dass die Atmung ihres Kindes aussetze, eine Handvoll Schnee von dem Fenster zu nehmen, das Kind einzureiben und so durch die Schockwirkung wieder zum Atmen zu bringen? Erpenbeck erzählt diesen ganz anderen Lebensentwurf, der dann Wirklichkeit würde, mit der gleichen Intensität. Diese Ausblicke in eine mögliche parallele Existenz wird sie im Verlauf des Buches noch dreimal an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte wagen.
Dieses poetische Verfahren ist nicht neu. Eric Emanuel-Schmitt hat es seinem hierlande erst 2008 veröffentlichten
Buch "Adolf H. Zwei Leben" probiert, Rana Dasgupta hat es 2009 in seinem großartigen Roman "Solo" gestaltet, und hier findet es auf wieder andere Art Verwendung. Man könnte dahinter eine Spätfolge der strukuralistischen Philosphie (Lacan, Foucault) vermuten, die bekanntlich den Begriff des autonomen menschlichen Subjektes völlig auflöste, aber mir scheint es eher eine Verteidung des Zufälligen, eben des Schicksalhaften zu sein, das wir im Zeitalter der totalen Medialisierung, wo man sein eigenes Leben noch in einer Zeitleiste sozusagen objektiviert und normiert, auszuschalten versuchen.

Ein solches poetisches Verfahren könnte schnell papieren, künstlich wirken. Doch dieser Gefahr entgeht "Aller Tage Abend" mühelos. Das liegt an der ebenso bildhaften wie lebendigen Sprache, an der Eindringlichkeit, mit der z.B. die Leiden einer jungen Kommunistin in den 30er und 40er Jahren dargestellt werden (hier entscheidet der Zufall, etwa der erste Name des Nachnamens, über Leben und Tod!)und auch an den vielen besonderen Beobachtungen. Wenn Jenny Erpenbeck etwa in der Zeit unmittelbar nach dem Fall der Mauer die Verwirrung der Menchen bechreibt, die sich plötzlich einem Riesen-Warenangebot ausgesetzt sehen, und anmerkt: "Man sieht es den Leuten hier an, dass sie daran gewöhnt sind, in schnellen Autos zu fahren ... und keinen Grund haben zu zögern, bevor sie beim Kellner ein Glas Prosecco zum Frühstück bestellen."

Film & Kino:
The Crown - Staffel 3

Die Queen in ihrer vordergründig repräsentativen Rolle ist eine zeitgeschichtliche Ikone, sodass der Erfolg der seit 2016 bei Netflix laufenden Serie „The Crown“ nicht verwundert. Die dritte Staffel markiert allerdings einen Umbruch: Die Royal Family ist in den 60er-Jahren angekommen und viele Rollen werden neu besetzt, da auch die Blaublüter nicht vor dem Altern gefeit sind. Titel-Motiv: © Des Willie / Netflix

zur Film-Kritik