Canale Mussolini

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Hanser, 2012, Titel: 'Canale Mussolini', Seiten: 448, Übersetzt: Barbara Kleiner

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Carsten Germis
Schwärmereien für den Duce

Buch-Rezension von Carsten Germis Sep 2012

Keine Frage, Antonio Pennacchi hat mit "Canale Mussolini" ein großes Buch geschrieben. Doch in Zeiten der Krise der Demokratien Europas hinterlässt die Schwärmerei des fiktiven Ich-Erzählers für den italienischen Faschismus einen bitteren Nachgeschmack.

Könnte ein deutscher Autor einen Roman schreiben wie Antonio Pennachis "Canale Mussolini”, einen Roman, der weitschweifig erzählerisch die vorgeblich guten Seiten des Faschismus zum Thema macht? Ein Arbeiterdichter, möglicherweise gar der Tradition der in den 70er Jahren in Westdeutschland so beliebten "Literatur der Arbeitswelt” verhaftet, schriebe einen Roman über eine Arbeiterfamilie während der Nazizeit. Und dann plaudert der Ich-Erzähler mit dem Leser in diesem Ton:  "Sie sagen, die Freiheit hat in Italien der Faschismus abgeschafft? Aber in Italien hat es nie Freiheit gegeben, was sollte der Faschismus da abschaffen? Den besseren Herrschaften hat er sie vielleicht genommen, aber die armen Leute hatten sie nie gehabt.” Auch in Deutschland war die Arbeiterschaft gespalten zwischen Linken und Nationalsozialisten. Hat der Nationalsozialismus nicht das Übel der Massenarbeitslosigkeit schnell beseitigt? Konnten nicht Arbeiterfamilien mit KdF-Schiffen erstmals Urlaub machen wie sonst nur die feinen Leute? Und hat der Führer nicht die Autobahnen bauen lassen? Ein solcher Roman aus der Sicht einer nationalsozialistisch denkenden Familie, undenkbar! Und das zurecht. Doch genau das hat Pennachi für Italien getan, und ist für seinen Roman von der Literaturkritik, auch in Deutschland, gefeiert worden.

"Canale Mussolini” erzählt die Geschichte der Familie Peruzzi vom Anfang des 20. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945. Onkel Pericle Peruzzi, ein überzeugter Faschist und seine Brüder gehören zu den Schwarzhemden der ersten Stunde. Die Familie aus dem Norden gehörte zu den 30000 Menschen, die umgesiedelt wurden, als die Faschisten die malariaverseuchten Sümpfe südlich Roms trockenlegten. Der "Canale Mussolini” hat dem Buch deswegen auch seinen Titel gegeben. Die Peruzzis, zuerst radikale Sozialisten, waren schon in ihrer Heimat Venetien überzeugte Faschisten geworden, allen voran Onkel Pericle, ein Totschläger. Bei einem späteren Besuch des Duce erkennt der Pericle als Kämpfer der ersten Stunde denn auch wieder. Bei Pennachi liest sich das so:

""Wie zum Teufel heißt er nur?”, strengte der Duce sein Gedächtnis weiter an. "Ah ja… Peruzzi! Ihr seid Peruzzi!”, sagte der Duce. "Duce! Duce!”, riefen meine Onkel.” Und dann dreht sich Mussolini noch einmal um, weil er sich erinnert, dass er der Bauernfamilie beim ersten Treffen sogar eine Egge geschmiedet hatte. "Sagt Eurer Mutter, wenn sie etwas braucht, soll sie es mich wissen lassen, nur keine Scheu. Ich kann noch immer gut mit dem Hammer umgehen.” 

Es menschelt sehr um diesen Duce, den Pennachi da schildert.

Nein, der Autor verherrlicht den Faschismus nicht. Es wäre ungerecht, ihm das vorzuwerfen. Und doch bewegen sich manche Szenen auf des Messers Schneide. Auch in Italien wäre dieses Buch noch vor einigen Jahren anders aufgenommen worden als heute. Wenn man so will, ist der Roman ein Zeugnis dafür, wie sehr sich das Land in der Regierungszeit von Silvio Berlusconi verändert hat. Der Nachkriegslegende der italienischen Demokratie, ganz Italien sei im Widerstand gewesen, folgte unter Berlusconi die Gegenbewegung. Die früheren Neofaschisten, lange außerhalb des Verfassungsbogens, wurden salonfähig und Regierungspartei. Unter Berlusconi ist der Faschismus in Italien hinausgekommen aus der Tabu-Ecke. 

Pennachi ist nicht nur der seltene Fall eines Arbeiterschriftstellers, der lange in einer Kabelfabrik arbeitete und erzählerisch an die Traditionen seiner Heimat anknüpft, wo man abends gern ausladend Geschichten zum Besten gab.  Geboren in Latina, eine der faschistischen Musterstädte im, unter der Herrschaft Mussolinis, trockengelegten Gebiet der Pontinischen Sümpfe südlich von Rom, erzählt der Autor in seinem Roman die Geschichte seiner Familie. Mehr als 30000  Italiener wurden damals umgesiedelt. In den trockengelegten Sümpfen machten sie das Land urbar. Hier bekamen sie den Grund und Boden, der ihnen in ihrer alten Heimat von den Großgrundbesitzern streitig gemacht worden war. Der plaudernde Erzählton des Ich-Erzählers, ein bisschen Laurence Sternes "Tristam Shandy” nachempfunden, macht das Buch leicht lesbar. Bisweilen wird es jedoch etwas weitschweifig, vor allem im ersten Teil. Und doch: Pennachi kann erzählen, er kann mitreißen. Deswegen ist der lockere Ton, in dem er die Geschichte der Familie beschreibt, mit Blick auf die Interpretation der Geschichte bisweilen vielleicht doch riskant. "Als wir in Griechenland einmarschierten – obwohl er (Hitler) es ihm (Mussolini) vorher in jeder Weise gesagt hatte:

"Lass den Balkan in Ruhe, mach da keine neue Front auf, kümmer’ Dich um Nordafrika, dann erobern wir Suez und Ägypten” – traf den Adolf fast der Schlag! Aber weshalb zum Teufel seid ihr nach Griechenland gegangen, ohne mir was davon zu sagen? Ja, kannst Du mir nicht wenigstens Bescheid sagen?”

Bei einem Erzähler, der seine Schwarzhemd-Onkel allzu schwärmerisch von den Vorzügen des Faschismus berichten lässt, bleibt bei dieser Form der Ironisierung zumindest ein kleiner Nachgeschmack des Zweifels.

Dies umso mehr, als Pennachi politisch kein unbeschriebenes Blatt ist. Seinen Traum, die Verschmelzung der sozialistischen Linken mit der nationalistischen Rechten, hat der Autor selbst vorgelebt. Von einer rechtsextremen zog es ihn zu einer linksextremen Partei, jetzt wieder zurück in eine vage rechte Mitte. Er bricht nicht nur mit einem Tabu, indem er eine Familiensaga schreibt, in der bekennende Faschisten im Mittelpunkt stehen. Er räumt auch mit einer der Nachkriegslegenden Italiens auf, die Italiener seien stets ein Volk antifaschistischer Widerstandskämpfer gewesen. Dass viele Siedler damals an der Seite der Deutschen gegen die Alliierten kämpften,  wird in Italien bis heute gerne verdrängt.

"Es ist nicht meine Schuld, wenn die Geschichtsschreiber sich nur auf Militärarchive stützen”, meint der Erzähler, wieder einmal im direkten Dialog mit dem Leser, "dort findet man unsere Namen natürlich nicht. Sie werden zugeben, es klingt besser und ist weniger peinlich, wenn in den Berichten zu lesen ist: "grausame Deutsche” statt "ein paar hergelaufene Siedler””. Und: "”Die Deutschen”, sagten nun auch wir, "das haben alles die Deutschen gemacht.””

"Canale Mussolini” ist dennoch ein herausragendes Buch. Bisweilen etwas zu weitschweifig, bietet es ein pralles Bild einer italienischen Familie im Faschismus. Und doch bleibt am Ende eben dieser fade Nachgeschmack.

"Es war unter dem Faschismus, dass uns erstmals jemand zuhörte”,

lässt Pennachi seine Figuren sagen. In einer Zeit, in der wegen der Finanzkrisen immer mehr Menschen Angst haben und ohnmächtig vor einer Finanzindustrie stehen, die die Politik wie Marionetten zu beherrschen scheint, ist es nicht ganz unproblematisch, eine Familie im Kampf gegen das Establishment ausgerechnet vom faschistischen Gegenmodell schwärmen zu lassen. 

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Letzte Kommentare:
28.11.2014 06:59:40
Dominik

Ein kraftvoller (sprachlich, wie auch erzählerisch) Roman, der eigentlich die Geschichte einer (Groß-)Familie erzählt, nebenbei aber die Geschichte Italiens - vor allem zwischen 1910 und 1944 - beleuchtet. Automatisch wird so der Aufstieg des italienischen Faschismus zum Thema, dessen Verwurzelung im kommunistisch-sozialistischen Milieu erhellt (z.B. S. 53-54, 64-67), die Gründe für seinen Siegeszug aufgeführt. Als diesbezüglich wichtiger Punkt wird die Spaltung der sich politisierenden italienischen Gesellschaft in "Sozialisten" und "Faschisten" geschildert, welche förmlich nach einer Wiedervereinigung schrie (z.B. S. 70-94). Auch das Verhältnis zu den Deutschen wird immer wieder angeschnitten, ob anläßlich des 1. Weltkrieges (als Italien zu Beginn formal noch Verbündeter der Mittelmächte war) oder anläßlich des 2. Weltkrieges. Sehr wichtig daher, dass dieser Roman nun auch in deutscher Sprache vorliegt.

Ein wichtiger Schauplatz des Romans ist die Pontinische Ebene, deren Trockenlegung und Urbanisierung in jener Zeit vorgenommen wurden. Folgerichtig wird auch die in dieser Gegend erfolgte amphibische Landung der Alliierten bei Anzio/Nettuno (1944) peripher angeschnitten.

Etwas ärgerlich sind einzig Fehler bei manchen historischen Angaben: So ließ nicht etwa "Papst Pius XI." (siehe S. 52) 1867 Monti und Tognetti hinrichten, sondern es war Papst Pius IX. (Pontifikat 1846 bis 1878). Und in Thematisierung der "Biennio rosso" wird der "30. August 1930" (siehe S. 95) genannt, gemeint sein wird wohl eher der 30. August 1920, denn die "zwei roten Jahre" waren eben 1919 und 1920. Admiral Wilhelm Canaris - der Chef der deutschen Abwehr - war auch keineswegs so hellsichtig hinsichtlich einer alliierten Landung in der pontinischen Ebene, wie er hier dargestellt wird (S. 421). Für mich nur fraglich, ob die Fehler vom Autor, oder aber vom Lektorat, bzw. Übersetzer verschuldet wurden.

Was der Roman nicht tut - was ihm aber gelegentlich von interessierter Seite vorgeworfen wird - ist, den Faschismus zu verherrlichen. Ein ums andere Mal betont der Autor (im Text des Romans in der Rolle des Erzählers) er überlasse jegliche Wertung dem Leser, wolle sich auf eine solche wertende Ebene gar nicht begegeben. Zudem wird betont, das der Leser alles aus jener Zeit heraus verstehen müsse - mithin erhebt der Autor damit eine klassische Forderung der Historiographie. Und anders kann man den Roman auch nicht angehen. Wer gemütlich auf dem Sofa der Postmoderne sitzt, sollte sich nicht anmaßen, über Leute und Vorgänge zu urteilen, die er eben gar nicht beurteilen kann, weil er nicht in dem damaligen Milieu lebt.

Jedem aber, der unvoreingenommen diesen Lebensumständen näher kommen will, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen.

Wunderschön auch das Ende des Romans, wenn sich endlich der Schleier um die Herkunft jenes "Ich-Erzählers" lüftet, welcher den Leser über 400 Seiten begleitet, ohne das man weiß, wer er denn nun ist. Am Ende hat man das Gefühl, Zeuge einer großen Familiensaga geworden zu sein.

Nicht umsonst wurde der Autor für dieses Werk mit dem "Premio Strega", dem wichtigsten italienischen Literaturpreis, ausgezeichnet.