Gold und Staub

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Unionsverlag, 2012, Titel: 'Gold und Staub', Seiten: 345, Originalsprache

Couch-Wertung:

85
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Britta Höhne
Begegnung in Halbsätzen

Buch-Rezension von Britta Höhne Aug 2012

Galsan Tschinag ist längst keiner mehr von ihnen. Er reist durch die Welt, hält Vorträge, liest aus seinen Büchern und gibt sich selbst als Weltbürger. Dabei hat das Leben des Dichters, Schriftstellers und Schamanen Galsan Tschinag, der richtiger Irgit Schynykbajoglu Dshurukuwaa heißt, einmal wesentlich bescheidener begonnen. Jetzt hat der Germanist und Tuwa-Häuptling ein neues Buch heraus gebracht, indem er seinem Projekt, in der mongolischen Steppe eine Million Bäume zu pflanzen, eine Geschichte schenkt. "Gold und Staub" heißt das poetisch verfasste Werk.

Der Beginn des Romans kommt mühsam daher. Telefoniert der Protagonist doch lange, springt hin und her ohne den Leser mitzunehmen. Im Laufe des Romans jedoch gewinnen Geschichte und Sprache zunehmend an Spannung. Wenngleich am Ende nicht viel passiert und Tschinag lediglich aus seinem Leben, seinem Baum-Projekt und dem Leben in der westmongolischen Steppe erzählt.

Aber gerade das Baum-Projekt scheint Wahnsinn ("Ohne Wahn ist noch nie etwas Großes geschehen"): Will Tschinag, der der Ich-Erzähler namens Dshruruk-uwaa in seiner eigenen Geschichte ist, doch die karge Landschaft am Fuße des Altai-Gebirges begrünen. Nicht auf einmal, sondern peu à peu. Zuvor jedoch sollen die Grabstätten eines Friedhofs erneuert werden, was nicht nur viel Arbeit, sondern auch die Ergüsse einer wilden Schamanin mit sich bringt, um die Seelen der Toten und der Lebenden zu besänftigen.

Nicht die Geschichte selbst ist es, die in "Gold und Staub" fasziniert. Es ist die Sprache des Galsan Tschinag, der als junger Student in die ehemalige DDR ging, um Deutsch zu lernen. Seine Sprache ist anders, feiner, präziser, auch einfacher, was zum Leben des Nomadenvolkes der Tuwa passt. Tschinag ist nicht daran gelegen, sich in einem Kauderwelsch von gut klingenden Fremdwörtern zu verlieren, er schreibt verständlich, verstehbar und voller poetischer Schönheit. Bei ihm geht nicht einfach die Sonne auf – beschrieben mit ein paar wenigen Worten – bei ihm wird die Sonne sichtbar, in all ihrer Pracht und die Luft beginnt zu duften. Mal riecht sie feucht, mal steinig, oft ist sie von Trauer durchzogen.

Der eigentliche Plot ist schnell erzählt. Da ist der besessene Tuwa-Häuptling, der neben der Erneuerung des Friedhofs die Begrünung der Steppe plant. Verheiratet ist er und nennt Kinder sein eigen. Schließlich steht eine junge, blonde, wunderschöne Kasachin in seiner Jurte, die neben ihrer Schönheit auch etwas Geheimnisvolles in sich trägt. Der alte Mann verliebt sich in die junge Frau, die gemeinhin als Gold-Milliardärin beschrieben wird. Neben seiner Idee, das Altai-Gebirge zu begrünen, begegnet er einer kindlichen Lolita, deren Ausstrahlung er nicht widerstehen kann.

Die Liebe zwischen alt und jung ist eine vorsichtige, eine feine, leise. Ohne viel Aufsehen zu erregen – und somit die Gemüter der anderen – entdecken sie, dass sie Seelenzwillinge sind. Sie kommunizieren ohne Sprache. Begegnen sich in Halbsätzen, die der andere fortzusetzen weiß. Raja, so der Name der hübschen Kasachin mit Tuwa-Wurzeln, hat jedoch Böses im Sinn. Ist sie doch auf der Suche nach Gold und lässt so ein ganzes Geschwader zerstörerischer Maschinen den so genannten "Kamelhals" des Altai zerlegen. Bis eine Sprengung das Geschehen bremst.

Tschinag wäre nicht Tschinag, hätte sein Buch nur die Liebe zum Inhalt. Die Liebe zu Mensch, Tier und Natur. 1976 wurde dem Autor wegen seiner Kritik am kommunistischen Regime seiner Heimat mit einem Berufsverbot die Stimme untersagt. Auch dieses Kapitel hält Einzug in "Gold und Staub". Seine politischen Äußerungen treffen ins Schwarze. Er schildert seine Ansichten präzise, was ihm besonders gut gelingt, weil er sich als Protagonist zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft bewegt. Tschinag setzt sich zur Wehr gegen die Animositäten, die die unterschiedlichen Gruppen gegeneinander hegen. "Wir Menschen haben zu lange auf Unterschiede geschaut", sagt er.   "Spätestens nach den vielen Rassen- und Glaubenskriegen in der neuesten Geschichte ist es an der Zeit, nach den Gemeinsamkeiten zu suchen." Die gibt es, dessen ist Tschinag sich sicher – fernab aller Musealisierungs-Versuche, die gerade sein Volk der Tuwa auszuhalten hat.  

Dennoch ist Tschinag bemüht, nicht immer nach hinten zu schauen. Der Brauch eines Stammes muss nicht per se gut sein, nur weil es der Brauch eines Stammes ist. Sein Nomadenvolk benutzt etwa das Handy ebenso, wie die Menschen der westlichen Welt es auch benutzen: Ganz selbstverständlich.

Galsan Tschinag ist zweifelsohne ein Phänomen. Und wie bei vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, wird der Geburtsort und der, in dem die Kindheit verbracht wurde, empor gehoben. Ein wenig wird das auch bei Tschinag der Fall sein. Er hat alles, was er braucht; sein Leben besteht nicht mehr aus dem kargen Dasein in einer Jurte. Aber, er macht was daraus. Er nutzt seinen Ruhm, um seinem Volk zu helfen. Und dazu gehört, den anderen mitzuteilen, wie es in der Heimat aussieht.

Eine schöne Liebesgeschichte. Beschrieben in einer faszinierenden Landschaft. Ein Roman über Sitten und Bräuche einer anderen Kultur, und einer darüber, dass sich die Natur nicht zum Untertan des Menschen machen lässt. Irgendwann rächt sie sich. Irgendwie. 

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