Die Statisten

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : A 1, 2012, Titel: 'Die Statisten', Seiten: 633, Übersetzt: Giovanni Brandini, Dritte Bandini

Couch-Wertung:

70
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Britta Höhne
Hauptdarsteller des eigenen Lebens sein

Buch-Rezension von Britta Höhne Aug 2012

Klar ist nicht, was der indische Autor Kiran Nagarkar seinem neuesten Roman, "Die Statisten", wirklich zu Grunde legt. Ist es der Versuch, einen negativ-Reiseführer für Indien-liebende Europäer und US-Amerikaner zu verfassen? Gar eine Gesellschaftsanalyse? Der verzwickten und verschachtelte Welt des indischen Sing-Sang-Filmes ein Forum zu bieten, oder einfach vertrackte Liebesgeschichten in einem Buch zu vereinen? Alles zusammen - lautet die Antwort.

Kiran Nagarkar ist ein großartiger Erzähler, dem mit "Gottes kleiner Krieger" der internationale Durchbruch gelang. Er besitzt die Beobachtungsgabe eines Honoré de Balzac, den Zynismus eines David Foster Wallace und den Feingeist eines Rabindranath Tagore. Doch alle Eigenschaften zusammen genommen, geballt gebannt auf über 600 dünnseitigem Papier, machen noch lange keinen überragenden Roman. Schade. Potential ist vorhanden.

"Die Statisten" ist im Bombay der 1960er und 1970er Jahre angesiedelt. In einer Stadt, die gegensätzlicher kaum sein könnte. Ist sie doch Mega-City und Moloch zugleich, Leben und Tod, Licht und Dunkel, Gestank und Wohlgeruch. Die Kulisse ist großartig gewählt, im Mumbai, so der aktuelle Name der Stadt, der damaligen Zeit. Zwei junge Männer, einer Hindu, einer Christ, wachsen in den Chawls, den unansehnlichen mehrgeschossigen Mietskasernen in Bombay auf. Ravan arbeitet als Taxifahrer und Eddie verdient sich seine Rupien mit Alkoholschmuggel und der Arbeit in einer illegalen Kneipe.

Für beide wiegt der Eintritt ins Leben schwer. Der eine wird in dem Wagen geboren, in dem die Leiche des eigenen Vaters zu Grabe gefahren wird, der andere Erzeuger vegetiert in der elterlichen Wohnung dahin und weiß mit sich nicht viel anzufangen. Kein Wunder also, dass sich beide Jungs weg träumen, in eine andere Welt, in eine, in der ein Menschenleben noch etwas zählt, was in Bombay nicht der Fall zu sein schein. 20 Millionen Menschen bevölkern diesen recht kleinen Landstrich am Arabischen Meer, was sich mit dem Gateway of India den Durchfahrtsbogen auf einen Kontinent sichert, den man nur hassen oder lieben kann.

Um Liebe geht es auch in dieser Parallelmontage, in diesem Doppeltagebuch, in dem Gott oder ein anderer Allwissender so manches Wort mitzusprechen hat. Eddie, verliebt in seine anglo-indische Freundin Belle, Ravan, heimlich und leise verliebt in Eddies Schwester Pieta. Alle zusammen verliebt in die Musik. Angelockt von der Glamour-Glitzer-Welt Bollywoods ist es beider Traum, die Gipfel zu stürmen. Dazu zu gehören in die bunte Welt der überlangen Sing-Sang-Filme mit unendlich schlechten Kampfszenen und unendlich viel Getanze in wechselnd bunten Gewändern. Statisten wollen sie nicht sein. Statisten sind nichts. Nullnummern oder, um es mit Eddies Worten zu hinterfragen, was macht das Leben für einen Sinn, wenn man nur "die Gesamtsumme von null" ist?

Nagarkar ist ein Kenner der indischen Filmszene und erspart dem Leser nicht, ihm all seine Kenntnisse in lexikalischer Form um die Ohren zu hauen. Und eben das ist es, was den Roman – zumindest für die meisten Leser – wohl uninteressant macht. Keiner stört sich an den Einschüben zum Thema indischer Film, aber der Autor taucht tief ein in die Materie und immer tiefer. Der Leser hingegen steigt aus und legt im schlimmsten Fall das Buch zur Seite.

Dabei wirft Nagarkar einen umfassenden Blick auf seine Landsleute, rückt sie zuweilen in ein düsteres Licht, zeigt deren Stärken und Schwächen auf und beschreibt die Kultur, die so vieles in sich vereint. Aber er übertreibt. Nicht nur in puncto Film. Auch wenn es darum geht, die Götterwelt zu beschreiben (die ein nicht-Inder ohnehin nie verstehen wird), die Eigenschaften, die die indischen Taxifahrer ausmachen und die Marotten, die die Menschen auf dem indischen Subkontinent sonst noch zu pflegen scheinen... Der Autor spart auch nicht an Kritik, hebelt das Kastensystem aus, kritisiert die Bildungspolitik seines Landes, beklagt die hohe Gewaltbereitschaft seiner Landsleute, zeigt die Machenschaften der indischen Mafia und ihre korrumpierbaren Gefolgsleute auf und zeigt sich entsetzt darüber, dass Mädchen kaum Chancen eingeräumt werden. Sie verlassen ohnehin das Elternhaus und ziehen zum Ehemann. Nagarkar schreibt so schön wie böse. Er vereint in sich, was er auch seiner Heimatstadt Bombay zuschreibt. Beides zu sein: Gut und schlecht. 

Diejenigen Leser, die Indien bereits einen Besuch abgestattet haben, werden über viele Szenen schmunzeln und sind zudem nicht verdonnert, ständig indische Wortübersetzungen im Glossar aufspüren zu müssen. Dabei hat Nagarkar das gut gelöst: Fremdwörter (nicht nur aus einer der indischen Sprachen), erklärt er direkt im Zusammenhang, im Text, und wer mag, liest im Glossar ausführlicher nach. Gut gemacht. Ist aber nicht jedermanns Sache.

"Die Statisten" ist eigentlich ein Fortsetzungsroman. Zu Grunde liegt ihm die Geschichte von "Ravan und Eddie" (2004). Trotz aller Defizite wäre schön, ließe Nagarkar die Leser erfahren, wie es mit den beiden Protagonisten weiter geht. Ob sie "nur" Statisten ihres Lebens bleiben oder langsam selber die Hauptrolle in die Hand nehmen. 

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