Kanada

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Hanser, 2012, Titel: 'Kanada', Seiten: 464, Übersetzt: Frank Heibert

Couch-Wertung:

96

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
1 50 100

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

0 x 91-100
1 x 81-90
0 x 71-80
0 x 61-70
0 x 51-60
0 x 41-50
0 x 31-40
0 x 21-30
0 x 11-20
0 x 1-10
B:81
V:0
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":0,"26":0,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":0,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":0,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":0,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":1,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":0,"93":0,"94":0,"95":0,"96":0,"97":0,"98":0,"99":0,"100":0}
Wolfgang Franßen
Zurückgelassen

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Aug 2012

Wie sehr sich Richard Ford als Schriftsteller entwickelt hat, spüren wir, wenn wir seinen neuen Roman mit "Ein Stück meines Herzens" und dem Debüt "Verdammtes Glück" aus dem Jahr 1998 vergleichen. Hier wie dort stehen Verbrechen im Mittelpunkt seiner Geschichte. Orientiert er sich in "Verdammtes Glück" noch an einer literarischen Crime Novel, zeigt sich in dem ein paar Jahre später erschienen Sumpfdrama "Ein Stück meines Herzens" bereits, dass sich hier ein Schriftsteller auf den Weg macht, angesichts eines Verbrechens das Psychogramm einer Familie zu ergründen. In "Kanada" nun erzählt er von einem Bankraub in den 60ern und errichtet eine erschütternde Kulisse, um den Riss im Leben eines fünfzehnjährigen Zwillingspaars nachzuspüren, der sie für das restliche Leben zu dem macht, was es ihnen zu leben bleibt.

Nach knapp 230 Seiten ist alles über den Banküberfall erzählt, den ihre Eltern so kläglich vorbereiten, dass sie gleich geschnappt und hinter Gittern gesteckt werden. Die Zwillinge bleiben sich selbst überlassen zurück. Doch bei Ford geht es nie nur um Einzelschicksale. Es geht immer um ein Land, in dem die Menschen sich nicht zurechtfinden. Ein Land, das nicht mehr die innere Kraft aufbringt, seine Familien zusammenzuhalten. Es spuckt sie wie Fremde aus und lässt sie ihrer Wege ziehen.

Wir erinnern uns bis ans Lebensende daran, wie unsere Eltern sich trennten. An den Tag, an dem jemand starb, einer uns verriet. An den Moment, in dem wir glücklich waren und der nie zurückkehrte. Jedes Detail brennt sich ein. Niemand versteht so geheimnisvoll alltäglich davon zu erzählen wie Richard Ford. Oft ist es das Nichtige, was sich in die Seelen seiner Helden brennt. So wie Bev Parson, ein ehemaliger Offizier der Luftwaffe, und seine Frau Neeva, eine Lehrerin, aus purer Not zu Bankräubern werden, und dabei so naiv vorgehen, dass ihnen nicht einmal ein paar Tage bleiben, die spärliche Beute zu genießen. Das Unheil hat schon Jahre vorher begonnen, doch um die Kinder schließt sich mit der Tat der eiserne Griff einer Welt, die sich für sie nicht interessiert.

Wir sprechen so gerne von der kriminellen Energie, die manches Verbrechen erst möglich macht. Ford gelingt das Kunststück, ein Leben am Rande der Armut zu zeichnen, in dem es fast folgerichtig ist, sich gegen die Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen, in dem man mit gestohlen Rinderhälften handelt und sich tiefer und tiefer verstrickt, bis man glaubt, nur ein Befreiungsschlag könne einen aus der Misere befreien. Solange die Eltern da sind, werden ihre Kinder zu deren Chronisten ihres Scheiterns. Alleingelassen sind die Stunden, die ihnen bleiben, von erschütternder Hilflosigkeit. Die Szene, in der die Geschwister aus lauter Verlorenheit miteinander schlafen, ist von solch bohrender Sucht nach Nähe, weil hier ein Autor nur zuschaut, statt sie mit Moral zu befrachten. Am nächsten Morgen wird Berner einfach auf die Straße hinausgehen und aus dem Leben ihres Bruders verschwinden. Auch sie lässt ihn zurück.

Wie soll ein Sohn eine Tochter, etwas fassen, für sich verarbeiten können, wenn die Beweggründe nicht zu begreifen sind? Wie soll der Moment einer irrsinnigen Überreaktion erklärt werden? Gleich am Anfang ist klar, die Mutter wird sich im Gefängnis umbringen, der Vater ist längst gebrochen. Richard Ford erzählt von Verstörungen, die überlebt werden, um neue Risse in die Überlebenden zu sprengen.

Die Wurzel all des Unheils liegt darin, dass zwei Menschen eine Familie gegründet haben, die nicht zueinander passten, die beieinander geblieben sind und ihre Enttäuschungen jeden Tag geschultert haben. Ausgerechnet in Great Falls, in einem Nest, dessen Bewohner nach der Inhaftierung der Eltern nichts Besseres zu tun haben, als zwei Kindern eine Zeitung vors Haus zu werfen, damit sie ihre Eltern unter einer dicken Schlagzeile auf einem Foto sehen können.

Nicht zum ersten Mal bedient Ford sich eines Kinderblicks, um in der Welt der Erwachsenen den Verwerfungen und Lebenslügen nachzuspüren. In "Wild Leben" war es der sechzehnjährige Joe, der das Zerbrechen der Eltern miterleben durfte. Auch dort wird versucht, etwas zu begreifen, was längst geschehen ist.

Dell fügt sich in sein Schicksal, begehrt nicht auf, indem er wie seine Schwester wegläuft. Als vertraue er einer geheimen Macht, einer Logik, die sich ihm später einmal erschließt. Er wird von Mildred, einer Freundin der Mutter, nach Kanada über die Grenze geschleust. In ständiger Angst, in ein Waisenhaus gesteckt zu werden. Sich selber überlassen, in der Geisterstadt Partreau lebend, lernt Dell, der so wissbegierig ist, immer zur Schule gehen will, in mitten von Menschen, die kaum mit ihm sprechen, dass das Leben im Fluss bleibt. Dass das Umschlagen von Wetter und Licht auch in ihm Veränderungen bewirkt. Dass dies auch geschieht, wenn nichts geschieht. Dass vieles nur solange eine feste Größe ist, wie man ihm Bedeutung zumisst. So rettet er sich.

Doch das heißt nicht, dass er davonkommt. Dass einmal erlebtes Unheil einen vor weiterem bewahrt. So verwundert es nicht, dass der 66jährige Dell alles noch einmal aufschreiben muss. Um jenen Arthur Remlinger in Saskatchewan von sich fernzuhalten, der ihm in Kanada eine Zuflucht gewährte, um dessen Morde zu verarbeiten, bei denen er nicht nur Zeuge war, auch noch beim Beseitigen der Leichen helfen musste.

In seinem größten Erfolg "Unabhängigkeitstag", in dem Fords Serienheld Frank Bascombe - "Der Sportreporter" – sich mit seinem Sohn auf eine Reise durch Amerika begibt, um seine Rolle als Vater zu finden, gibt es die amerikanische Familie bereits nicht mehr im klassischen Sinne. Die Frage ist, ob es sie je gab. In Dell findet Bascombe seinen jugendlichen Vorläufer, der sich sagt, fall nicht auf, tu deine Arbeit, hoffe darauf, dass es von alleine besser wird und passe dich an.

Als er noch in Kanada ist, schreibt ihm seine Schwester Berner einen Brief, um ihm zu verraten, wo sie steckt, und ihm anzubieten, zu ihr zu kommen. Doch die beiden werden sich nur noch einmal wiedersehen. In einer Shopping Mall in Minneapolis. Berner von Alkohol und Krebs zerfressen, Dell eingesponnen in einen Kokon des Standhaltens. Ganz nach dem Motto seines Vaters, dass man das Leben einfach hinnehmen muss.

Richard Fords meisterhafter Roman über das Unheil berührt. Er braucht kein Pathos. Er braucht keine überzogene Dramatik. Er erzählt von den Dingen, die sich nicht aufhalten lassen und die wir nie verstehen werden.

Deine Meinung zu »Kanada«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
19.01.2015 14:12:38
Johanna Nömeier

Der Roman "Kanada" von Richard Ford scheint zunächst den falschen Titel zu tragen, denn er ist kein Roman über das Land "Kanada", sondern die Erzählung über das schwierige Hineinwachsen eines Fünfzehnjährigen in die Welt der Erwachsenen. Es handelt sich zu allererst um einen Bildungsroman, und das Werk ist in diesem Sinne ein sehr deutscher Roman, wo wir eine lange Tradition des Bildungsromans kennen, von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", über Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" bis zur Parodie des Bildungsromans in der Figur des Oskar Matzerath in Grass` "Die Blechtrommel".
Der junge Dell, der Protagonist in Richard Fords Roman, erlebt in der Tat ein schmerzvolles Hineinwachsen in die problematische Welt der Erwachsenen, denn er ist gerade fünfzehn Jahre alt, als seine Eltern einen stümperhaften Banküberfall durchführen und dafür ins Gefängnis gehen. Dell und seine Zwillingsschwester Berner sollen nach dem Willen der Mutter dem Zugriff der staatlichen Waisenheime entzogen werden. Während die Schwester Herr ihres Lebens bleiben möchte und sich eigenmächtig absetzt, wird Dell, wie die Mutter es noch vor ihrer Verhaftung zusammen mit ihrer einzigen Freundin in die Wege geleitet hat, über die Grenze nach Kanada gebracht und dort Arthur Remlinger, dem Bruder der Freundin, übergeben.

Dell und seine Schwester Berner sind in der Nähe von verschiedenen Luftwaffenstützpunkten aufgewachsen, in Mississippi, Kalifornien und Texas, zuletzt in Great Falls, Montana. Sie befinden sich von Anfang an in einer schwierigen Situation, denn es gibt keinen Ort, von dem sie sagen könnten, dass sie dort hingehören würden und Wurzeln geschlagen hätten. Das ist zunächst dem Beruf des Vaters geschuldet, der als Soldat bei der Air Force in verschiedenen Standorten stationiert war, aber auch dessen unstetem Charakter. Der Vater versucht sich nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Army in wechselnden Jobs und verstrickt sich dabei auch immer wieder in unlautere Geschäfte. Geschuldet ist Dells Situation aber auch der bewussten Einstellung der Mutter, die streng darauf achtet, dass ihre Kinder Distanz halten zur jeweiligen Umgebung, in der sie ohnehin nicht lange bleiben werden. Dell und seine Zwillingsschwester Berner leben in diesem Sinne noch ein unbestimmtes Leben, ohne klare Festlegungen und Bindungen. Es scheint fast so, als würde Richard Ford die Schriften des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre ganz gut kennen, der die Ausgangssituation jeder menschlichen Existenz ähnlich beschreibt: Jeder lebt, so der Philosoph des Existentialismus, sein Leben zunächst ohne vorgegebenen Sinn, er führt eine "Nullpunkt-Existenz", er muss sich erst selbst entwerfen und definieren. Der Erzähler wird es am Ende des Romans fast ähnlich formulieren: "Ich glaube daran, [...] dass uns das Leben leer geschenkt wird." (S.462) Dass der junge Dell die Leere in seinem jungen Leben überwinden will und eine tiefe Sehnsucht nach einem geordneten Leben mit festen Regeln und Konturen in sich trägt, zeigen seine selbstgewählten Hobbys: Er begeistert sich für das Schachspiel und interessiert sich für die Haltung von Bienen. Bezeichnenderweise werden beide Hobbys von seiner Umgebung eher abgeblockt als gefördert. Die Verhaftung der Eltern markiert freilich einen Punkt, an dem Dell zunächst jede Möglichkeit genommen wird, einen eigenen Lebenswurf zu entwickeln.

Fortan beschäftigt sich der Roman mit zwei Leitfragen: Einmal ist da die Frage, wie konfliktträchtig oder gar zerstörerisch eine wurzellose Existenzform, wie Dell sie in Great Falls geführt hat und in Kanada noch zugespitzter führen wird, letztlich sein muss, wenn sie nicht überwunden wird. Dell wird sich in seiner neuen kanadischen Umgebung bewusst oder unbewusst ständig die Frage stellen, ob er einmal eigenständig darüber wird befinden können, was aus ihm in der Zukunft werden soll. Mit dieser ersten Leitfrage verbindet Ford eine zweite, nämlich die nach der Determiniertheit des einzelnen Lebens. Immer wieder schneidet der Erzähler die Frage an, wie bestimmte Taten und Entscheidungen, seien es fremde oder eigene, den weiteren Lebensweg beeinflussen, und welche Möglichkeiten es gibt, sich einmal eingetretenen Determinierungen in der Folge zu entziehen.

Nach dem einzigen und letzten Besuch bei den verhafteten Eltern im Gefängnis klingt Dells Position zunächst noch recht selbstsicher: "Diesen kurzen Moment lang fragte ich mich, ob Berner und ich genau das waren: festgelegte Figürchen, die von größeren Kräften als uns herumkommandiert wurden. Ich beschloss, dass wir es nicht waren." (S.229) Die Konstellationen in der neuen Umgebung in Kanada sind für Dell dann freilich alles andere als günstig. Wenn er sich selbst definieren, oder wie Sartre sagen würde, "selbst entwerfen" soll, dann bräuchte er jetzt günstige Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem positive Vorbilder, nach denen er seinen Lebensentwurf ausrichten könnte. Die Verhältnisse und die Menschen freilich, mit denen er es zu tun bekommt, geben ihm diese Perspektive nicht. Arthur Remlinger besitzt in Fort Royal das heruntergekommene Hotel Leonard, in das sich hauptsächlich Amerikaner einmieten, die wegen der Gänsejagd in die Stadt kommen. Organisiert werden die Jagdgesellschaften von dem finsteren Charley Quarters, dem Dell zur Hand gehen muss. Die Verhältnisse sind rundherum nicht einladend: Er wird außerhalb von Fort Royal in der Ansiedlung Partreau untergebracht, einem verlassenen Dorf, in dem von manchen Häusern nur mehr die Grundmauern stehen. Dort haust er in einem baufälligen Gebäude, das mit alten Kartons vollgestellt ist, in denen Arthur Remlinger die Dinge aus seinem früheren Leben aufgehoben hat. Bald merkt der Leser, dass die beschriebenen Milieus, das zerfallene Partreau und das verrufene Leonard, jeweils das nach außen gestülpte Innenleben von Dells "Beschützern" widerspiegeln. Seine "Mentoren" sind alles andere als positive Vorbilder. Obwohl er von ihnen beachtet werden will, spürt er doch zusehends, dass sie ihn ins Negative hinunterziehen werden.

Lediglich die Lebensgefährtin von Arthur Remlinger, die Malerin Florence La Blanc, zeigt Sympathie für den Jungen und erweist sich in gewisser Weise als positive Mentorin. Man kann vermuten, dass es ihr Einfluss im Hintergrund ist, dass der Junge unbeschadet jene ersten Wochen zwischen dem finsteren Charley Quarters, dem sprunghaften Remlinger und all den betrunkenen amerikanischen Gänsejägern einigermaßen unversehrt übersteht. Sie sorgt sich um den Lebensplan des Jungen und unterstreicht es mit einer Formel, die höchstpersönlich von Sartre stammen könnte. "Wir bekommen das Leben leer geschenkt", sagt sie zu dem fünfzehnjährigen Protagonisten und fügt hinzu: "Für die Sache mit dem Glück müssen wir uns schon selber etwas einfallen lassen." (S.325f.) Sie ist es schließlich auch, die Dell zu ihrem Bruder nach Winnipeg schicken will, damit er dort die katholische Highschool besuchen kann.

Nicht nur für den Protagonisten Dell, sondern für sein gesamtes Personal geht Richard Ford der Frage nach, inwieweit einschneidende Erlebnisse das weitere Leben so stark determinieren, dass ein freier Lebensentwurf gar nicht mehr möglich ist. Für Dell ist ohnehin klar, dass die Taten seiner Eltern ihn und seine Schwester massiv aus der Bahn geworfen haben. Aber auch Charley Charters ist ein Gefangener seines früheren Lebens, insofern ein nicht näher genannter Fehltritt, von dem Remlinger weiß, ihn dazu zwingt, für Remlinger den Handlanger zu spielen und die Drecksarbeit zu machen. Auch den undurchsichtigen Arthur Remlinger wird, wie sich bald herausstellen wird, sein früheres Leben einholen. Schließlich verwirft Richard Ford jedoch den Standpunkt eines einseitigen Determinismus. Remlinger hätte, wenn er gleich für sein Vergehen Verantwortung übernommen hätte, die Chance für einen Neuanfang gehabt, und Dell kann, trotz Verstrickung in ein Verbrechen, schließlich eine zweite Chance bekommen, weil er selbst nicht schuldig geworden ist.

Am Schluss gibt sich der Erzähler genauer zu erkennen: Er ist 66 Jahre alt, lebt in Kanada, in Windsor, Ontario, ist seit vielen Jahren verheiratet und unterrichtet als Lehrer. Seine Pensionierung scheint der Anlass zu sein, auf seine Jugend zurückzuschauen. Explizit greift er die zwei Leitfragen zum Schluss nochmals auf: Hat sein Leben einen halbwegs sinnvollen Verlauf genommen, und wie groß daran war sein eigener Anteil: War er nur das Figürchen, das andere geführt haben, oder hat er an seinem Leben verantwortlich mitgestaltet?
Natürlich hat er nach der Tat seiner Eltern zunächst ein verpfuschtes und mit Irrtümern behaftetes Leben vor sich gehabt. Das hat Dell übrigens mit seinen Brüdern aus dem deutschen Bildungsroman gemeinsam. Auch in Goethes "Wilhelm Meister" zum Beispiel bekennt der Held: "Leider hab` ich [..] nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer, Verirrungen auf Verirrungen". Trotzdem findet im Goethe-Roman Wilhelms Entwicklung ein harmonisches Ende, wofür zunächst eine im Hintergrund wirkende geheimnisvolle "Turmgesellschaft" verantwortlich ist, die immer wieder steuernd in Wilhelms Leben eingreift. In gewisser Weise ist für Dell die Künstlerin Florence La Blanc jene Figur, die aus dem Hintergrund sein Leben wohlwollend begleitet und letztlich zum Besseren wendet. Wahrscheinlich zählt der Erzähler auch seine spätere Frau zu diesen läuternden Einflüssen. Von der Schwester nach dem gelungenen Leben gefragt, sagt er: "Ich habe die Richtige geheiratet."(S.453)

Goethes Wilhelm Meister ist kein aktiver Held, es mangelt ihm an bewusster zielorientierter Aktivität, gleichwohl gelangt er, gleichsam als Gabe eines wohlgesonnenen Schicksals, an ein harmonisches Ende. So ähnlich sieht es wohl auch der gealterte Erzähler in seinem Fall. Als er, bereits pensioniert, ein letztes Mal seine Schwester trifft, die sich nur schwer mit ihrem verpfuschten Leben aussöhnt, wird er von ihr gefragt: "Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" (S.453) Der Erzähler windet sich um eine klare Antwort herum, hat er doch in seinem Leben genauso viel Fremd- wie Selbstbestimmung erfahren. Er für seinen Teil ist gut damit gefahren, die Dinge hin- und anzunehmen, wie sie auf ihn zugekommen sind, und dann zu versuchen, "aus alldem [..] ein Leben zu machen." (S.432) Schließlich lässt er sich von der fragenden Schwester ein halbherziges Ja zum gelungenen Leben abringen und fügt hinzu: "Ich habe es gelebt." (S.453) In diesem Bekenntnis des Erzählers klingt an, dass er einen eigenen Anteil am halbwegs gelungenen Leben erkennt, es schwingt aber auch, ähnlich wie bei Wilhelm Meister, die optimistische Überzeugung mit, dass in dem Gewirr der Wirklichkeit letztlich - wie der Erzähler es später ausdrückt - "das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist." (S.462)

Allerdings sind es nicht bloß glückliche Fügung und Annahme der Lebensumstände, die Dells Lebensgeschichte versöhnlich enden lassen, sondern es gibt auch einen wichtigen Beitrag, der ihm selbst zuzurechnen ist, und das ist sein unbedingter Wille zur Ausbildung. Die Wichtigkeit dieses Aspekts ist schon bei Goethe thematisiert, der seine Hauptfigur formulieren lässt: "Daß ich Dir's mit einem Wort sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht." Auch Dell ist von Anfang an einer, der nach Bildung strebt: Er liest Bücher über Schach und das Imkereiwesen. Bei seiner Flucht nach Kanada kann er nur wenig mitnehmen, er packt aber seine Bücher ein, und weil er von seinem geliebten "Welt-Lexikon" nur zwei Bände mitnehmen kann, wählt er die Bände "B" und "M" aus - "das waren besonders dicke, in denen mehr stand." (S.168) Er leidet bei Remlinger am meisten darunter, dass er nicht zur Schule gehen kann, er erkundet wissensdurstig auf eigene Faust die Umgebung seines neuen Aufenthaltsortes, schließlich macht er sogar den naiven Versuch, in einer Schule für gefallene Mädchen den Unterricht besuchen zu dürfen, was natürlich schon im Ansatz scheitert.

"Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" - Richard Ford, so weitgehend er dem existentialistischen Motto Sartes von einem "leeren Lebensbeginn" zustimmt, folgt dem französischen Philosophen und dessen hymnischer Forderung nach dem großen Selbstentwurf nur sehr eingeschränkt. Ford gibt seinen Lesern vielmehr mit, dass der Mensch, will er nicht scheitern, egozentrische Ansprüche hintanstellen und sich zur Einordnung in vorgegebene Zusammenhänge entschließen muss. Damit verbunden ist die Forderung nach Einschränkung und der Fähigkeit, gut mit Verlusten umgehen zu können. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass das elementare Bildungsstreben eine wichtige Voraussetzung darstellt, damit aus Einordnung etwas Eigenständiges entstehen kann. Und mit diesen Vorschlägen ist Richard Ford näher bei "Wilhelm Meister" und dem deutschen Bildungsroman als bei Sartes subjektivistischer Existenz-Philosophie.

Dass der gealterte Dell auf seine Jugend zurückblickt, prägt auch die Art und Weise, wie dieser Roman erzählt wird. Der Leser wird wiederholt mit eingestreuten Alters-Reflexionen konfrontiert, lässt sie sich aber gerne gefallen, auch wenn sie gelegentlich etwas nebulös formuliert sind. An einigen Stellen wünschte sich der Leser freilich eine etwas straffere Erzählweise, aber Richard Fords Roman ist im Ganzen eine spannende Lektüre, wenn man bereit ist, sich auf psychologische, mitunter auch auf weltanschauliche Fragen einzulassen.