Wir in Kahlenbeck

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Luchterhand, 2012, Titel: 'Wir in Kahlenbeck', Seiten: 512, Originalsprache

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Christine Ammann
Von Gottessuche und Küchenhilfen

Buch-Rezension von Christine Ammann Aug 2012

"Wir in Kahlenbeck", so heißt der neueste Roman des preisgekrönten Autors Christoph Peters.

Kahlenbeck, das ist das katholisches Jungeninternat Collegium Gregorianum Kahlenbeck am Niederrhein, das Carl Pacher, der pubertierende Held des Romans, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts besucht. Katholisches Internat, 80er Jahre, das dürfte wohl bei den meisten Lesern Assoziationsketten in Gang setzen, die um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche kreisen. Auf den ersten Blick bedient Christoph Peters mit seinem Roman also ein aktuelles Thema. Aber nur um gängige Klischees zu entkräften und ein differenzierteres Bild der Internatswelt zu zeichnen. Der Autor, 1966 in Kalkar geboren, hat selber ein katholisches Internat besucht, und dass er bei seinem "Sittengemälde" auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnte, merkt man der ungemein dichten Atmosphäre seines Werkes an. Fast meint man sich in die 80er Jahre zurückversetzt, in die allgegenwärtigen Diskussionen über Wettrüsten, Umweltzerstörung und den Schock des Papstattentats.

Doch im Zentrum von Christoph Peters’ Romans steht nicht der Zeitgeist der 80er, sondern der empfindsame und manchmal naive 16-jährige Carl Pacher, der so gern ein gottgefälliger Mensch wäre. "Die Lust geht, der Ekel bleibt." So und ähnlich lauten die Ratschläge, die Carl vom Lehrkörper und von befreundeten Internatsschülern in Liebesdingen erhält. Kein Wunder also, dass sich Carl, der sich in die Küchenhilfe Ursula verliebt, mit Selbstvorwürfen quält. Und als Ursula ihn dann doch noch erhört, ihn aber bald für einen älteren und bodenständigeren Bewerber fallen lässt, sie möchte auch mal ohne schlechtes Gewissen "Dallas" schauen, haben Carls Freunde, Kuffel und Holzkamp, natürlich Oberwasser.

Christoph Peters versteht es, die Dialoge zwischen Carl und seinen Freunden, in denen es viel um Glauben und Philosophie, aber ebenso um kleine und große Gemeinheiten geht, lebensnah zu zeichnen. Ebenso wie es ihm gelingt, den subtilen und manchmal weniger subtilen sozialen Druck der engen, elitären Männergesellschaft glaubhaft zu schildern. Sexueller Missbrauch kommt in dem Internats- und Pubertätsroman konkret nicht vor, aber der Leser erhält eine Ahnung davon, wie klein der Schritt dorthin ist und warum sexueller Missbrauch jahrzehntelang unter das Gesetz der Omertà fallen kann. Christoph Peters hat keinen psychologisch feinsinnigen Roman wie Musils "Verwirrungen des Zögling Törleß" geschrieben und auch kein drastisches Werk wie "Die Musterschüler" von Michael Köhlmeier, das Verdienst seines Romans liegt in der vielschichtigen Schilderung einer abgeschotteten Internatswelt, einer Mischung aus faszinierenden religiösen Ritualen, Glaubens- und Sinnsuche, jugendlichem Idealismus, pubertärer Schwüle und autoritären Strukturen.

Der 500 Seiten starke Roman von Christoph Peters, dem 2009 mit "Mitsukos Restaurant" ein großer Erfolg gelang, beschränkt sich allerdings nicht auf die Enge des katholischen Internats, sondern beackert ein weites Feld: theologische und philosophische Theorien, Fischzucht, Darwin und Konrad Lorenz, Musik, Literatur und die Erhabenheit der Alpen. Die Interessen der gebildeten Internatsschüler sind weit gestreut. Das bringt manche theoretische Abhandlung mit sich, und die Gespräche der Jugendlichen sind streckenweise etwas ermüdend. Aber der Autor macht dies durch rasante Dialoge und seine Kunst der Beschreibung, Christoph Peters hat Malerei studiert, wieder wett. Auch ist "Wir in Kahlenbeck" durchaus komisch. Etwa wenn Carl sich über einen Frauenheld in ihren Reihen wundert:

"Schrecklich, die Vorstellung, dass es so einfach ist, ein Mädchen in sich verliebt zu machen, wenn man gut aussieht und Gitarre spielt."

Christoph Peters hat mit "Wir in Kahlenbeck" keinen bissigen Roman geschrieben, keine Anklage und keine Abrechnung mit der katholischen Kirche. Wer das erwartet, wird enttäuscht. Aber der Autor zeichnet ein überaus facetten- und detailreiches, atmosphärisch dichtes, lebensnahes Bild einer geschützten Männerwelt, die manches Mal zum Schmunzeln reizt, aber am Ende einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt. 

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Letzte Kommentare:
31.07.2014 10:56:30
Martin Brunnemann

Komisch, dass ich da wohl einen anderen Roman las. Ich bin nie Internatsschüler gewesen. Ich bin auch nicht katholisch, aber was dort über den Glauben geschrieben wird, ist von höchster Primitivität. Dass ein Teen solche Erfahrungen macht, halte ich nicht für möglich. Das ist alles kindisch und peinlich. Wer lesen möchte, wie Glauben nicht ist, der greife zu diesem Buch. Wie kann ein denkender Mensch, der Herr Peters ja wohl ist, die kirchlichen Lehrer des Internats (Prälat!) als Vollidioten hinstellen. Natürlich wird in der Rezension gleich an den Kindesmissbrauch gedacht, aber dieses Phänomen gab es nicht nur in kirchlichen Internaten und man würde z.B. gern etwas genaueres über diese Furchtbarkeit in Sportclubs und normalen Schulen wissen. Das entschuldigt nichts von dem, was unter christlich-kirchlichem Mäntelchen geschah, aber es berechtigt auch nicht dazu, so ein Zerrbild dessen zu zeichnen, was Glauben sein soll.