Onkel Wanja kommt

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : Manhattan, 2012, Titel: 'Onkel Wanja kommt', Seiten: 192, Originalsprache

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Rita Dell'Agnese
Die russische Seele auf 190 Seiten

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Aug 2012

Wladimir Kaminer steht in der Regel für liebevoll-witzige Literatur. Diesem Ruf kommt der Autor in seinem Roman "Onkel Wanja kommt" nur zum Teil nach. Wesentlich stärker zum Tragen kommt die philosophische Betrachtung der russischen Seele. Kaminer geht dafür auf eine Reise durch die Nacht. Zusammen mit seinem Onkel Wanja. Der steht für das, was den russischen Geist in den letzten Jahrzehnten ausgemacht hat: für ein gewitztes Schlängeln vorbei an unzähligen Hürden und Verboten. Onkel Wanja hat beschlossen, seinen Neffen in Berlin zu besuchen. Vom Bahnhof nach Hause sind es nur wenige Kilometer. Und so machen sich Neffe und Onkel zu Fuß auf den Weg durch das nächtliche Berlin. Das gibt ihnen nicht nur Gelegenheit, eine Reihe von spannenden Persönlichkeiten zu treffen – es lässt auch zu, dass der Neffe immer wieder gedanklich ins Leben seines Onkels zurückblendet und damit nach und nach ein Stück Russland wiedergibt.

Kaminer versteht es meisterhaft, zwischen den Rückblenden auf Onkel Wanjas bewegtes Leben und den ungewöhnlichen Begegnungen auf dem Weg zur Wohnung in Berlin hin und her zu schalten. Die Leser können sich in den Roman hinein fallen, sich vom plaudernden Erzählstil des Autors mittragen lassen, um da und dort herzhaft zu lachen oder leise vor sich hin zu schmunzeln. Es sind jedoch nicht nur heitere Momente, die Wladimir Kaminer hier aneinander reiht. Wer genauer hinsieht erkennt das Bemühen des Onkels, seinem Leben Inhalt zu geben, sich mit dem Strom und doch gegen die befohlene Strömung treiben zu lassen. Genau diese feinen Zwischentöne machen diesen Roman zu einem "anderen" Kaminer. Er ist direkter, persönlicher – ja, er ist näher an der Seele des Menschen. Dort, wo es auch weh tun kann. Der Autor hält sich quasi selber einen Spiegel vor Augen und schildert, was er darin entdeckt. Aber er setzt diese Entdeckung in Kontext zu einer lebendigen, zusammengewürfelten Umwelt.

Spannungselemente wird man in diesem Roman vergebens suchen. Und das gibt "Onkel Wanja kommt" einen gefährlichen Drall. Denn Wladimir Kaminer bewegt sich in seinen Schilderungen in konzentrischen Kreisen. Immer wieder mal kommt er auf den Ausgangspunkt zurück. Das ist – bei aller feingesponnen philosophischen Erzählkunst – auf Dauer etwas ermüdend. So ist der Leser froh, wenn er mit den beiden Männern schließlich in der angestrebten Wohnung angekommen ist und die Reise zunächst ein Ende hat. Dass hier erst recht die Reise zu sich selber beginnt, wird jedoch bald deutlich. Denn in der Wohnung hängen die Fotos, die Onkel Wanja in die Vergangenheit zurückversetzen. Wladimir Kaminer begleitet den Onkel noch ein Stück auf diesem ganz persönlichen Weg, lässt ihn dann aber alleine ziehen und überlässt es dem Leser, seine eigenen Erinnerungen hervorzukramen und sich auf die selbe gedankliche Reise zu machen, wie Onkel Wanja.

Es braucht – trotz all des witzig-liebevollen Plauderns – Durchhaltewillen, um die 190 Seiten der russischen Seele nicht nur an sich vorbei ziehen zu lassen, sondern sich ganz darauf einzulassen. Wladimir Kaminer fordert seine Leser stärker heraus, als diese es vom Autor gewöhnt sein dürften. Er offenbart eine andere, ernsthaftere Seite von sich und fordert den Leser dazu auf, sich damit auseinander zu setzen.

"Onkel Wanja kommt" schildert zwar eine nächtliche Wanderung durch Berlin, es ist jedoch kein Roman über Berlin. Und doch wird nach der Lektüre jeder, der die Orte kreuzt, an denen der Autor mit Onkel Wanja gegangen ist, unvermittelt einen Hauch vom russischen Geist spüren. Und vielleicht still in sich hinein lächeln, weil ihm gerade eine spezielle Sequenz aus dem Roman durch den Kopf gehuscht ist.

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Letzte Kommentare:
31.10.2014 07:46:41
deep read

Kaminers größter Erfolg "Russendisko" war damals für mich eine herbe Enttäuschung. Das, was ich mir damals versprochen hatte, hält "Onkel Wanja": Ein anekdotischer, herrlich verschrobener und kurzweiliger Erzählstil, der mich an Max Goldt erinnert hat, und die Missverständnisse zwischen Ost und West herrlich karikiert.

Onkel Wanja ist das schwarze Schaf in der Familie Kaminer, der es nie lange an einem Ort oder bei einer Frau ausgehalten hat. Jetzt glaubt der Onkel allerdings, dass es mit ihm zu Ende geht: Die Beine schmerzen, die Nase auch. Er hat nur noch einen letzten Wunsch: Er möchte die Welt bereisen. Es muss aber nicht die ganze Welt sein, Berlin reicht auch. Zufällig wohnt da sein berühmter Neffe Wladimir. Das Buch erzählt aber nicht vom eigentlichen Besuch des Onkels in Berlin, sondern nur davon, wie die beiden nach Onkel Wanjas Ankunft vom Hauptbahnhof bis zu Wladimirs Wohnung durch die Nacht spazieren.

Bei dieser Nachtwanderung springen Kaminers Gedanken von Hölzchen auf Stöckschen: Warum leuchtet die Hose des Onkels im Dunkeln? Warum grüßen Russen nicht? Und was hat ein Ziegenbock im Kaukasus mit Paris Hilton gemeinsam? Außerdem tauchen noch drei Erzengel am Dönerparadies auf und ein nicht vorhandenes Loch im Maschendrahtzaun.

Dieser Onkel-Roman wärmt das Herz wie Wodka. Das Schöne ist, Lesen macht keinen Kater.