Zeno Cosini

Zeno Cosini
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Wolfgang Franßen
83

Belletristik-Couch Rezension vonAug 2012

Männliche Befindlichkeiten

Wenn man James Joyce zum Fürsprecher hat, muss man als Literat schon etwas zu sagen haben.  Italo Svevo hat es nicht einfach gehabt. Eigentlich verstand er sich als Schriftsteller, sah sich dann jedoch in die Welt des Geldes, des Geschäftemachens versetzt und musste seine durch wenig Erfolg gekrönte Laufbahn als Schriftsteller früh wegen mangelnder Anerkennung aufgeben, unterbrechen, neu starten.

Vielleicht ist sein Held Zeno Cosini auch deswegen von so empfindsamer Unerschütterlichkeit, selbst wenn das Leben ihn nicht reich beschenkt. Er findet sich zumeist mit zweiten Plätzen wieder, wenn er sich nicht gar mit einem dritten Platz, wie bei der Wahl seiner Ehefrau, begnügen muss. Das hält man nur durch, wenn man über die Gabe verfügt, über sich schmunzeln zu können. Es muss ja nicht gleich ein lautes Lachen sein. Aber wer das Leben nicht besiegt, der muss sich mit ihm anfreunden, will er nicht untergehen.

Dass dieser Zeno Cosini nicht gar so glücklich ist, verstehen wir gleich zu Anfang. Krank ist er. Unter Neurosen leidet er. Und darüber hinaus begibt er sich in die Hände eines Arztes, der ihm rät, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Dass dieser angebliche Meister der Psychologie dann auch noch gegen Cosinis Willen dessen Lebensbeichte veröffentlicht, um sich an einem Patienten zu rächen, der es gewagt hat, die Therapie abzubrechen, gehört zu den absurden Wunderlichkeiten, die ein Leben im Schatten nach sich ziehen.

Doch leider geht es Zeno Cosini wie allen, die versuchen, sich selbst zu retten. Sie kriechen tief in all das hinein, was sie erlebt haben, um daraus die Erkenntnis zu ziehen, dass sie so sind, wie sie sind. Cosini hat sich sein Leben lang treiben lassen. Ohne Lebensplan. Was er sich natürlich nur leisten konnte, weil der finanzielle Background stimmte.

Da kann es zu einer Herkulesarbeit werden, sich das Rauchen abzugewöhnen. Da kann er für sich aus einer letzten Bemerkung zum sterbenden Vater sogleich eine Mitschuld an dessen Tod ableiten. Doch manchmal im Gefühl der Ohnmacht macht er alles richtig. Er heiratet zwar die falsche Frau, die hässlichste von drei Schwestern, bei der er zuvor nichts unterlassen hat, um sie zu erniedrigen, doch in ihr begegnet er dem einzigen Menschen, der bereit ist, Verständnis für ihn aufzubringen.

Er könnte jetzt glücklich und zufrieden sein. Aber natürlich muss er sich beweisen, dass er zu mehr fähig ist. Er nimmt sich eine Geliebte, lastet sich ein schlechtes Gewissen auf und ist endlich wieder der, der er ist. Der sympathische Loser, dem zu wünschen ist, dass er eines Tages wach wird. Ein Held der Befindlichkeiten, dessen Gemütsschwankungen über viele Seiten auf das Scheitern hin ausgerichtet sind. Das erfordert von Lesern mitunter Geduld, und an manchen Stellen würden es ein paar Seiten weniger auch tun. Wir kennen ihn ja. Alles, was er anfasst, wird nicht zu Gold. Auch nicht zur großen Tragödie. Dazu ist er gar nicht fähig, dazu fehlt ihm die äußere Leidenschaft, die Neigung zum alles vernichtenden Ausbruch.

Da hilft nur eins. Sich ablenken. Sich den Geschäften zuwenden. Durch einen Schicksalsschlag in der Familie zurück gezwungen, übernimmt Zeno Cosini die Leitung des väterlichen Unternehmens. Wer diesen Roman als verschleierte Biographie Italo Svevos, mit bürgerlichem Namen Aron Hector Schmitz, liest, weil vieles an die Lebensstationen des Autors erinnert, greift zu kurz.

Mit Zeno Cosini ist dem Schriftsteller das Spiegelbild des gutbürgerlichen Anpassers gelungen. Zu Anfang nicht zu Höherem berufen, weil ihm der Ehrgeiz fehlt, von Zuhause aus auch nicht als Verschwender geboren, weil sich in ihm kein tiefer Abgrund auftut, verwirft er allzu gerne die eigenen Vorgaben, um sich neuen, fremden zuzuwenden. Er leidet im Stillen. Wortgewaltig zwar, aber nicht erhört. Trotzdem ist er zutiefst davon überzeugt, dass ihm Besseres zusteht. Die hübscheste Frau von allen. Das erfolgreichste Geschäft des Jahrhunderts. Die tiefste, reinste Seele. Wer will das nicht? 

Italo Svevos moderner Klassiker ist eine Bootsfahrt. Die Wellen bringen das Schiff zwar zum Schwanken, aber sie lassen es niemals kentern.

Zeno Cosini

, Manesse

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