Das geheime Prinzip der Liebe

  • : Hoffman und Campe, 2012, Titel: 'Das geheime Prinzip der Liebe', Seiten: 255, Übersetzt: Claudia Steinitz
Das geheime Prinzip der Liebe
Das geheime Prinzip der Liebe
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Rita Dell'Agnese
79

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2012

Die ganze Wahrheit

"Annie hat immer zu meinem Leben gehört." Als Camille die erste Zeile des Briefes liest, der sie nach dem Tod ihrer Mutter erreichte, kann sie damit wenig anfangen. Sie hält die nun nach und nach bei ihr eintreffenden Berichte für die geschickte Aktion eines Autors, der die Lektorin auf sein Werk aufmerksam machen will. Der Absender der Briefe bleibt im Verborgenen. Je länger die Lebensbeichte dauert, desto deutlicher wird das Bild, das Camille sich von Annie und den Ereignisse damals, im zweiten Weltkrieg, machen kann. Und mit einer erschreckenden Deutlichkeit vermischt sich Annies Geschichte mit Camilles Empfinden. So sehr, dass sich Camille die Frage stellen muss: "Wer ist Annie? Wer bin ich?"

Die französische Autorin Hélène Grémillon steigt mit einer humorvollen Note in ihren Roman ein und weckt damit die Erwartung auf eine zwar unterhaltende, aber nicht unbedingt gehaltvolle Lektüre. Mühelos wird die leicht chaotische und – in ihrer frischen Trauer um die Mutter verfangen – noch etwas konzeptlose Mittdreißigerin zur Sympathieträgerin. Mit freundlicher Neugier nimmt der Leser an Camilles Schicksal teil. Da ihr Leben außer einer verhältnismäßig späten Schwangerschaft und der damit in engem Zusammenhang stehenden Trennung von Freund Nicolas kaum Stoff für eine spektakuläre Geschichte bietet, stellen sich die Leser auf eine ruhige, witzig erzählte Geschichte ein, die irgendwo in Paris spielt. Doch weit gefehlt: Die Autorin entführt ihre Leser aus der Großstadt in einen kleinen Ort auf dem Lande. Das Leben ist beschaulich, der Krieg erst ein diffuses Gespenst, das weit weg scheint. Und mit der Veränderung der Umgebung ändert sich auch die Art der Erzählung. Die witzige Komponente macht einer tiefen Ernsthaftigkeit Platz. Und wo vorher noch alltägliche Belanglosigkeit den Raum zu füllen schien, entsteht das Bild einer unglaublichen Geschichte.

Die blutjunge Annie, verhaftet in ihrem künstlerischen Sein, erklärt sich bereit, vom Mann ihrer mütterlichen Freundin Madame M. ein Kind zu empfangen und dieses dem Ehepaar zu überlassen. Damit, so hofft Annie, wird das Leid der kinderlosen und offenbar unfruchtbaren Freundin ein Ende finden. Der Leser, immer mit der Sicht eines Außenstehenden, erkennt bald, dass sich das Trio auf eine verhängnisvolle Art in Eifersucht, Missgunst und Hass verstrickt. Durch die Augen des geheimnisvollen Erzählers – es handelt sich offenbar um einen jungen Mann, der Annie sehr zugetan ist – sieht der Leser, was den Beteiligten zunächst verborgen bleibt. Geschickt nutzt die Autorin hier das Zusammenspiel von Nähe und Distanz – sie erzählt mal aus der Perspektive des Dritten, dann wiederum lässt sie die Geschichte auf Camille wirken.

Quasi als Nebenprodukt wird dem Leser hier weit mehr geboten als nur ein Drama zwischen drei – oder mit dem unglücklichen Erzähler vier – Personen. Hélène Grémillon hebt den Vorhang und lässt eine Ahnung aufkommen, wie sich das Leben in Paris während des Kriegs abspielte. Es sind kleine Sequenzen, die die Autorin erzählt. Aber auf eine überzeugende Art in den Verlauf der Geschichte eingebettet und höchst wirkungsvoll inszeniert. Die dadurch entstehende Tiefe gibt dem an sich schon gehaltvollen Roman zusätzliches Gewicht. Sensibel geht Grémillon mit den Ängsten der Menschen um und fügt die verschiedenen Einzelheiten zu einem eindrücklichen Bild von Krieg, Überlebenswille, aber auch von Schuld und Rache zusammen. Kein Detail, das eine störende Note in dieses Bild bringen würde, keine Länge, die sich als Hemmschuh erweist: Das Konzept von "Das geheime Prinzip der Liebe" stimmt und vermag zu überzeugen. Dass die Sprache nicht nur reines Kommunikationsmittel ist, sondern von der Autorin auch als Stilmittel eingesetzt wird, gibt dem Ganzen zusätzliche Würze.

Schließlich bleibt nach der Lektüre von Grémillons Roman nicht der Eindruck, einfach gut unterhalten worden zu sein, sondern das Gefühl, einen Blick in die Abgründe des menschlichen Seins geworfen zu haben. Und das Wissen darum, dass sich dieser Roman als kleine Perle erweist, wo man einen schillernden Kiesel vermutet hätte.

Das geheime Prinzip der Liebe

, Hoffman und Campe

Das geheime Prinzip der Liebe

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