Der kleine König von Bombay

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: dtv, 2012, Titel: 'Der kleine König von Bombay', Seiten: 260, Übersetzt: Kathrin Razum

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Britta Höhne
Im Schatten des Bauers

Buch-Rezension von Britta Höhne Jun 2012

Bombay. Mumbai wie es heute heißt. Eine indische Metropole. Stinkend, groß, keiner weiß, wie viele Menschen diese Stadt wirklich bewohnen, bevölkern, beleben, tagtäglich versuchen, ihrer Herr zu werden. Mittendrin Arzee, knapp dreißigjähriger Filmvorführer im legendären Filmtheater "Noor". Noor heißt Licht auf Urdu. Licht, wie es der alte Vorführkasten der deutschen Firma Bauer produziert. "Bauer", ein Name, zu schwer für nicht europäische Zungen. Also wird aus Bauer Babur, gewinnt so an Exotik und zeugt zudem von der Existenz eines legendären Mogulherrschers.

Die Geschichte um Arzee ist mehr als die eines Filmvorführers in einem Land, das wie wahnsinnig auf den Film reagiert. Wer sich in einen indischen Kinosaal setzt, könnte gleichsam in einem Taubenschlag Platz nehmen. Ruhe? Daran ist nicht zu denken. Es herrscht ein Kommen und Gehen, ein Reden und Wispern, ein Essen und Trinken. Cineastischer Genuss sieht anders aus.

Doch Arzee liebt sein Kino. Es ist alt, ehrwürdig, brachte Helden hervor und begeistert. Und er, Arzee, versteckt sich dahinter: Kurzbeinig, ein Gnom, von Mutter Natur nicht mit Wohlwollen bedacht. Doch er ist schön. Innerlich. Zumindest erfährt er es, als er Monique trifft. Christin, Friseurin, aus Goa.

Choudhury hat eigentlich eine Liebesgeschichte geschrieben. Eine außergewöhnliche zwar, aber eine Liebesgeschichte. Denn: Arzee ist ein Liebender, ein aufmerksamer, ein achtsamer Mensch, nur - mit zu kurzen Beinen. Und das Leben setzt ihm hart zu. Dabei ist es weniger die Behinderung, die ihm zu schaffen macht, als vielmehr die Tatsache, dass seine Mutter nicht seine Mutter ist. Der Bruder nicht sein Bruder. Und der Vater ohnehin schon tot.

Arzee hadert mit dem Leben, erinnert an Charles Dickens Waisenkinder, denen jeder Fettnapf zu eigen wird. Am Ende jedoch wartet immer das Glück. Bei Arzee allerdings bleibt es offen. Er liebte einst, verlor die Liebe und entdeckte sie wieder. Macht sich auf den Weg, ob der eigenen Geschichte gestählt, und stapelt eher tief. Wer nicht hoch hinaus will, scheint er sich zu sagen, fällt auch nicht zu weit hinunter.

"Der kleine König von Bombay" ist eine schöne Geschichte. Der Begriff "rührselig" passt. Doch sie ist mehr, sie klingt wie ein Integrationsprogramm für all jene Menschen, die optisch nicht an die Top-Models dieser Zeit heranreichen. Aber Choudhurys Roman sagt auch: "Egal, was schert es uns." Jeder Mensch ist besonders. Und so soll es sein.

Als sei die eigentliche Geschichte noch nicht ausreichend, garniert der Autor sie mit Einblicken sowohl in die indische Kinowelt mit ihren endlos dauernden und bunten Singsangfilmen als auch in die verwirrende Metropole Bombays. Bombay ist weniger eine Stadt, sie ist viel mehr eine Art Lebenswerk, Kunst, eine Mischung aus Tradition und Moderne. Ein Reiseführer ist es nicht, aber, wer schon einmal in Bombay war, wird sich an so manchen Ort sicher erinnern können.

Der Autor, selbst in Bombay geboren, weiß worüber er schreibt. Er weiß aber auch um seinen besonderen Status. Studiert hat Choudhury in Delhi und Cambridge, arbeitet heute unter anderem für den Observer, die Washington Post und den Sunday Telegraph. Dennoch findet er sich in die Leben derer ein, denen das Essen nicht auf einem goldenen Löffel serviert wird. Ein beachtlicher Debütroman. Über die große Liebe, Sehnsucht, Träume, Andersartigkeit, über Familie, Geschwister, Freunde, Arbeit – und wie das alles in einem viel zu kurzen Leben miteinander vereint werden kann. 

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