Ferne Tochter

Erschienen: Januar 2000

Couch-Wertung:

80
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Kathrin Plett
Wenn das Leben aus den Fugen gerät

Buch-Rezension von Kathrin Plett Jun 2012

Wie weit kann man sich von seiner Vergangenheit distanzieren? Ist es wirklich möglich, seine Wurzeln zu vergessen und ein neues Leben zu leben, ohne dass quälende Erinnerungen die Gegenwart bestimmen? 19 Jahre lang gelang Judith Velotti dieser Balance-Akt. Weit entfernt von Hamburg lebt sie in Rom, ist verheiratet und integriert, doch keiner darf wissen, dass sie einst, nach einer ungeplanten Schwangerschaft, aus Deutschland geflohen ist. Aus einem  unterkühlten und lieblosen Elternhaus. Der unerwartete Anruf einer ehemaligen Schulfreundin bringt alles ins Wanken.

Nachdem Judith, die zu diesem Zeitpunkt noch zur Schule geht, ungeplant schwanger wird, drängen sie alle zur Abtreibung. Vor allem ihre Eltern, der streng gläubige Vater und die eifersüchtige Mutter, die jahrelang versucht hat, ein weiteres Kind zu bekommen, wenden sich gegen sie.

Gegen alle Widerstände trägt sie das Kind aus, gibt es dann jedoch zur Adoption frei und flieht vor ihrem alten Leben bis nach Rom, wo sie ein neues Leben beginnt, heiratet und als Restauratorin ein erfüllendes Berufsleben hat. Nur der Wunsch nach einem Kind bleibt ihr und ihrem Mann, der wie alle anderen nichts von ihrer Familiengeschichte wissen darf, verwehrt.

Als Judith durch einen Anruf erfährt, dass es ihrer Mutter sehr schlecht geht, fährt sie nach einigem Zögern zurück nach Hamburg, wo sie nicht nur ihrer Mutter neu begegnet, sondern auch von ihrer eigenen Geschichte eingeholt wird. Sie macht sich auf die schmerzhafte Suche nach ihrer fernen Tochter, wobei sie bemerkt, wie stark sie sie immer noch vermisst. Auch wenn das Treffen zunächst anders verläuft und die Existenz ihrer Tochter vor allem ihr Leben in Italien auf den Kopf stellt, ist sie bereit, die Vergangenheit Teil ihrer Person werden zu lassen.

Nachdem die 1955 in Herford geborene Renate Ahrens unter anderem in Marburg, Lille und Hamburg Anglistik und Romanistik studiert hat, war sie zunächst als Lehrerin tätig, bevor sie als freie Autorin begann, Romane, Theaterstücke und deutsch-englische Kinderbücher zu verfassen.

Mit ihrem neuesten Werk ist Ahrens ein Roman gelungen, der sich durch seine Feinfühligkeit und seine Nähe zur Protagonistin auszeichnet.

Judiths Situation scheint ausweglos. Befindet sie sich doch zwischen der Entscheidung, die Fassade ihres neuen Lebens aufrecht zu erhalten, oder endlich reinen Tisch zu machen und ihre Vergangenheit preiszugeben. Dabei fürchtet sie, ihren Mann zu verlieren.

Die Autorin beschreibt die innere Zerrissenheit so nachvollziehbar, dass der Leser die Verzweiflung, aber auch die Ängste fühlt, die mit der unvermeidbaren Entscheidung für eine Begegnung mit der fernen Tochter getroffen wird.

Ihr ist ein lesenswertes Buch gelungen, das sowohl thematisch als auch erzählerisch raffiniert durchdacht ist. Spannend und anrührend, ohne dabei kitschig zu werden.

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