Wenn die Nacht am stillsten ist

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Kunstmann, 2012, Titel: 'Wenn die Nacht am stillsten ist', Seiten: 224, Originalsprache

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Sebastian Riemann
Der Blick hinter die Kulisse

Buch-Rezension von Sebastian Riemann Jun 2012

Erfolg contra Moral: Der Blick hinter die Kulisse, den Arezu Weitholz ihren Lesern in "Wenn die Nacht am stillsten ist" gewährt, wühlt auf. Es ist nicht das sich in einem weiten Spannungsfeld bewegende Leben der Protagonistin Anna, das ambivalente Gefühle weckt. Vielmehr ist es die Unverfrorenheit, mit der sich eine selbsternannte Elite über jede Form moralischen Anspruchs hinweg setzt. Nun könnte man davon ausgehen, die Autorin würde, um dies deutlich zu machen, den Moralfinger heben. Doch weit gefehlt. Arezu Weitholz geht viel subtiler zu Werke: Sie begleitet die Leser zwar auf ihrem Weg, lässt sie aber ihre eigenen Erkenntnisse gewinnen, in dem sie häppchenweise Fakten serviert, die jeweils eine Veränderung der Gesamtsicht mit sich bringen.

Die aufstrebende Journalistin Anna symbolisiert die breite Masse von Menschen, die bemüht darum kämpfen, dazu zu gehören. Sie ist sich dessen bewusst, dass sie ihre Stellung sowohl beruflicher als auch gesellschaftlicher Natur vor allem einigen glücklichen Fügungen zu verdanken hat. Um nicht in die Kritik der von ihr – insgeheim verachteten – Kolleginnen und Kollegen zu geraten, passt sich Anna mit Äußerlichkeiten an. Sie kauft die "richtigen" Klamotten und Schuhe, hungert für die Idealfigur, besucht die hippen Veranstaltungen und hält mit allen Gedanken und Meinungen zurück, die nicht in diese künstliche Welt von Erfolg passen könnten. Insbesondere ihr familiäres Umfeld, das vom Selbstmord ihres Vaters und der psychischen Krankheit ihrer Mutter geprägt ist, hält Anna bedeckt.

Zunächst verfängt die Täuschung auch bei den Lesern. Anna gibt sich tough und zelebriert ihre im Geheimen geführte Beziehung zum erfolgreichen Journalisten Ludwig. An seinem Bett gesteht sich Anna denn auch erstmals ihre wahren Gedanken und Gefühle ein: Nach einem Suizidversuch liegt Ludwig schwer atmend vor ihr, was Anna zum Anlass nimmt, sich über sich selbst, aber auch über ihre Umwelt Gedanken zu machen. Mit diesen Gedanken wird der Leser sozusagen in die Geschichte eingeladen, ohne die verschiedenen Bilder aber einordnen zu können. Erst der zweite Teil des Romans gibt schließlich Aufschluss darüber, was es mit ihnen auf sich hat. Für manchen Leser könnte dies jedoch bereits zu spät sein. Denn die surrealistisch anmutenden Betrachtungen verlangen vom Leser nicht nur einiges an geistiger Beweglichkeit, es fehlt ihnen stellenweise auch an Tiefe und Aussagekraft, so dass sich keine Spannung einstellen will.

Es lohnt sich, nicht zu früh aufzugeben. Die Aussagekraft von "Wenn die Nacht am stillsten ist" entfaltet sich erst im letzten Bereich und entschädigt weitgehend für die Langatmigkeit der vorangegangenen Szenen. Leider kann Arezu Weitholz das Tempo nicht bis ganz zum Ende halten – sie bricht mit der Erzählung ein und verliert sich. Das Abschweifen von der eigentlichen Schilderung und das sich Verlieren in unbedeutenden Szenen, die teilweise auch nicht ganz aufgelöst werden, ist die Schwäche des ansonsten überzeugenden Romans. Immer wieder entsteht der Eindruck, die Autorin habe einer ganz anderen Eingebung folgen wollen, als sie es letztlich tat und habe sich selber nur mit Mühe auf den vorgegebenen Pfad zurück bewegt. So fehlt es denn Annas Geschichte auch etwas an Überzeugungskraft – man wird sich gar die Frage stellen müssen, ob es tatsächlich diese Geschichte ist, die der Autorin auf den Fingern brannte.

Mit ihrem jüngsten Roman ist der deutschen Autorin Arezu Weitholz eine interessante Betrachtung einer oberflächlichen Gesellschaft gelungen. Sie vermag über weite Strecken zu überzeugen, wenn sie auch einige Schwächen nicht zu verbergen vermag. Auf jeden Fall beweist die Autorin mit diesem Roman, dass sie etwas zu erzählen hat, dass sie über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe und ein interessantes Interpretations-Geschick verfügt. Weitholz´ Figuren sind schlüssig und laden zur näheren Auseinandersetzung mit ihnen ein. Die Geschichte selber ist so menschlich, als hätte sie sich jüngst im eigenen Freundeskreis genau so zugetragen. Und damit schafft Arezu Weitholz, was nicht jeder Autor von sich behaupten kann: Sie bezieht den Leser in ihre Geschichte ein und gibt ihm ein gutes Stück Arbeit zum Nachdenken mit auf den Weg.

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