Aus den Fugen

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Galiani, 2012, Titel: 'Aus den Fugen', Seiten: 231, Originalsprache

Couch-Wertung:

73
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Birgit Stöckel
Ein unterhaltsamer Unterhaltungsroman im oberen Mittelfeld

Rezension von Birgit Stöckel Jun 2012

"Aus den Fugen" ist ein sehr passender Titel für Alain Claude Sulzers neuesten Roman, denn dort gerät so einiges aus den Fugen. Damit ist nicht nur das Klavierkonzert in der Berliner Philharmonie gemeint, das Starpianist Marek Olsberg mitten in der Interpretation der Hammerklaviersonate von Beethoven abbricht und mit den Worten "Das war’s" die Bühne verlässt.

Auch im Leben der anderen Protagonisten, von denen viele im Publikum das Konzert miterleben, läuft beileibe nicht alles rund. Es ist eine bunte Mischung von verschiedenen Typen, die Sulzer seinen Lesern präsentiert: Eine Ehefrau, die sich in ihrer langjährigen Ehe glücklich wähnt, eine Frau, die sich bemüht, mit ihrer Nichte einen schönen Abend zu verleben, ein Aushilfskellner, der plötzlich etwas wagt, was er nie für möglich gehalten hätte, ein verheirateter Mann, der seine Frau regelmäßig mit Damen eines Escort-Service betrügt, und noch einige andere. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Auf die ein oder andere Weise verändert dieses Konzert ihr Leben.

Die Kapitel handeln abwechselnd von den verschiedenen Protagonisten und sind mit deren Namen überschrieben. Dadurch schreitet die Erzählung nicht linear fort, sondern gleicht eher einem Mosaik, was das Ganze interessant und spannend macht. Als Leser findet man sich gut in die einzelnen Episoden ein, was nicht zuletzt daran liegt, dass diese meistens aus dem Leben gegriffen sind. Familienzwist, Untreue, Beziehungsprobleme … das alles ist uns vertraut und damit nachvollziehbar. Auch wenn es keine außergewöhnlichen oder spektakulären Dinge sind, die Sulzer erzählt, so berühren sie einen doch. Oder vielleicht gerade aus dem Grund, denn wie oft sind es kleine Dinge oder Zufälle, die das Leben verändern, ihm eine neue Richtung geben oder persönliche Tragödien auslösen.

Doch diese szenische Erzählweise hat auch ihren Nachteil: Es sind Momentaufnahmen, in denen die Gegenwart naturgemäß den meisten Raum einnimmt, wohingegen die Vergangenheit wenig und die Zukunft so gut wie keine Beachtung finden. Somit bleiben doch einige Beweggründe im Dunkeln oder die Konsequenzen des Handelns werden nicht aufgeklärt. Zwar hat es durchaus seinen Reiz, wenn nicht alles bis ins kleinste Detail erwähnt und erklärt wird, doch hier hinterlässt es teilweise einen etwas faden Beigeschmack, weil man einige Figuren in emotional schwierigen Situationen kennengelernt hat und einfach gerne wüsste, wie es mit ihnen weitergeht. Zumindest ein bisschen. 

Sprachlich pflegt Sulzer eine angenehme, flüssige und leicht zu lesende Sprache, die sprachlich sicher nicht das höchste Niveau erreicht, aber immer wieder durch Sätze erfreut, die zum erneuten Lesen und sich daran Erfreuen einladen.

Insgesamt ist Alain Claude Sulzer ein unterhaltsamer Roman gelungen, der über weite Strecken überzeugen kann und einem die kleinen und größeren Probleme des täglichen Lebens auf angenehme und glaubhafte Weise näher bringt, der aber den Sprung vom oberen Mittelfeld in die nächsthöhere Liga letztendlich nicht schafft.

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