Das Meer am Morgen

  • DuMont
  • Erschienen: Januar 2000
Das Meer am Morgen
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Rita Dell'Agnese
76

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2012

Das Meer am Morgen

Es ist diese Sehnsucht nach Heimat, die die Figuren in Margaret Mazzantinis Roman "Das Meer am Morgen" umtreibt. Eine Heimat, die drüben liegt, am anderen Ufer, auf einem anderen Kontinent. Mazzantini richtet den Fokus auf die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, ohne eine Alternative zu haben. Willkommen sind sie auf der anderen Seite des Meeres nicht – unabhängig von ihrer Nationalität. Es sind zwei Geschichten, die die Autorin erzählt. Die schöne Libyerin Jamila flieht mit ihrem kleinen Sohn Farid durch die Wüste ans Meer. Dort vertraut sie ihr Leben einem Schlepper an, der die beiden Flüchtenden zusammen mit anderen verzweifelten Menschen auf einen rostigen Kahn verfrachtet, um sie nach Europa zu bringen.

Nicht nur Jamila und Farid haben durch Gaddafis Truppen ihre Heimat verloren. Auch Mazzantinis andere Protagonisten mussten weichen: Die italienischen Auswandererfamilie Santa und Antonio mit ihrer Tochter Angelina müssen nach Gaddafis Machtübernahme Tripolis verlassen. Dort, wohin sie nach dem Krieg in Europa zurückgekehrt waren, hat es keinen Platz mehr für die ehemaligen Kolonialisten. Aber auch in Italien selber gibt es für die Rückkehrer keinen Platz: Sie sind unerwünscht, Flüchtlinge, Ausländer mit italienischem Pass. Ihr Schicksal geht – gerade als es in den Fokus geraten könnte – in den Wirren des aufkommenden Neo-Faschismus, der Attentate und des Terrors unter. Die Rückkehrer bleiben, was sie von Anfang an waren: Fremde in ihrer ursprünglichen Heimat und Vertriebene aus ihrer zweiten Heimat.

Margaret Mazzantini bedient sich einer einfachen – und über weite Strecken eindrücklichen – Sprache. Da und dort verliert sich die Erzählung aber in sprachlicher Banalität und büßt dadurch an Eindringlichkeit ein. Der Mut zur Lücke, den die Autorin immer wieder zeigt, zahlt sich nicht überall aus. Zeitweise wirkt das Ganze eher wirr denn poetisch. Damit nimmt die Autorin ihrer an sich starken Erzählung zu viel von der Aussagekraft. Zurück bleibt das Gefühl, für einen kurzen Moment durch ein halboffenes Fenster auf ein Geschehen geblickt zu haben, um dann durch eine zufallende Jalousie einen wesentlichen Teil zu verpassen.

Was Margaret Mazzantini allerdings ausgezeichnet umsetzt, ist das unterschiedliche Verständnis der Generationen zum Thema Auswandern und Rückkehr. Sie braucht dafür nicht viele Worte, der Schmerz, der jeder Generation eigen ist, kommt alleine durch die heraufbeschworenen Bilder zum Ausdruck. Verstehen sich Santa und Antonio nur als vorübergehende Gäste im Land ihrer Vorfahren, versucht sich Angelina bereits zu integrieren – ohne aber die Bilder ihrer Kindheit zurückdrängen zu können. Denn in Tripolis hat sie nicht nur ihre Kindheitstage zurück gelassen, auch ihr Freund Ali blieb in Libyen. Und mit ihm ihr Herz. Angelinas Sohn Vito spürt die tiefe Sehnsucht seiner Mutter nach einem Phantom, das sich bei einem späteren Besuch als Schreckgespenst entpuppt, aber Angelina nie loslassen wird. Der junge Vito rebelliert auf seine Weise gegen dieses Sehnen, das ihn ausschließt und zu einem einsamen Menschen macht: Er stillt seine eigenen Sehnsüchte in vielfacher Weise durch das Meer. Und damit schließt sich auch der Kreis, den Margaret Mazzantini mit der Überfahrt von Jamila und Farid geöffnet hat.

Es ist ein stilles, ein eindrückliches Buch, das Margaret Mazzantini vorlegt. Leider ein Buch nicht ohne Schwachstellen. Aber letztlich ein Roman, der mehr bewirkt, als seine Leser zu unterhalten. Er erzählt die Geschichte der namenlosen, abgezehrten Menschen, die auf schrottreifen Flüchtlingsbooten Europa erreichen. Und gleichzeitig erzählt er eine Geschichte von Heimat, Sehnsucht und letztlich auch Enttäuschung.

Das Meer am Morgen

, DuMont

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