Alles zerfällt

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt: S. Fischer, 2012, Titel: 'Alles zerfällt', Seiten: 236, Übersetzt: Uda Strätling, Reinhild Böhnke

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Rita Dell'Agnese
... und doch hat vieles Bestand.

Buch-Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2012

Der nigerianische Autor Chinua Achebe erzählt die Geschichte eines Mannes, der an der starren Tradition seines Volkes zerbricht. Er tut dies auf eindrückliche Art. Es sind leise Töne, die Achebe anschlägt, und die beherrscht er virtuos. Die Art, wie er von Okonkwo spricht, passt ebenso zu einem weisen Erzähler wie zu einem versierten Autor: Beides also Rollen, die ein gerüttelt Maß an Lebenserfahrung voraussetzen. Die mag man dem 1930 in Nigeria geborenen Chinua Achebe auch zusprechen. Immerhin hat er studiert und lehrt als Professor an verschiedenen Universitäten. Das alles spricht also dafür, dass in "Alles zerfällt" die eigenen Erfahrungen von Jahrzehnten und das Wissen eines gebildeten Mannes, der mit anderen gebildeten Leuten Umgang pflegt, eingeflossen sind. Erst wer sich aber tatsächlich mit diesem Roman auseinander setzt, wird erkennen, dass der erste Blick trügt und er das Werk eines jungen Menschen mit wütenden Idealen in Händen hält. Denn bei der Erstveröffentlichung von "Alles zerfällt" war Chinua Achebe gerade mal 28 Jahre alt.

Viele Romane aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts können sich eines verstaubten Images nicht erwehren. Aufbau, Satzstellungen, Gedankengänge sprechen eine deutliche Sprache und lassen die Leser der Gegenwart häufig entnervt die Augen verdrehen. Nicht so die Geschichte von Okonkwo. Sie ist so zeitlos wie gehaltvoll geschrieben – nach heutigem Ermessen bereits bei ihrer Erscheinung vor über 50 Jahren ein historischer Roman. Okonkwo lebt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einer kleinen Dorfgemeinschaft in Nigeria. Sein Start ins Leben ist alles andere als vielversprechend. Als Sohn eines Vaters, der gleichermaßen als Trunkenbold wie als Schwächling und Versager bekannt ist, muss sich der Junge in einer Gemeinschaft behaupten, in der einzig die Kraft und das Geschick eines Mannes über Schicksal seiner Familie entscheiden. Okonkwo schafft es, sich durchzusetzen und zu einem geachteten Mann heranzuwachsen. Mehrere Schicksalsschläge vermögen ihn nicht in die Knie zu zwingen. Erst als er nach einem Unfall für einige Jahre ins Exil gehen muss, werden ihm die Fäden aus der Hand genommen. Denn nach seiner Rückkehr in die Dorfgemeinschaft ist nichts mehr so, wie er es verlassen hat. Kolonialismus und Christianisierung haben das über Jahrhunderte gewachsene gesellschaftliche Gefüge empfindlich gestört. Okonkwo kommt mit der neuen Realität nicht zurecht.

Es ist, als ob Chinua Achebe über Menschen in der heutigen Zeit schreiben würde, die mit der sich immer schneller verändernden Welt nicht mehr zurecht kommen. Okonkwo könnte ebenso gut für einen jungen Mann in irgendeinem europäischen Dorf stehen, in dem Investoren "zukunftsorientierte" Projekte umsetzen. Die Abläufe – und die persönliche Hilflosigkeit des in seinen traditionellen Werten erschütterten Mannes – blieben gleich. Genau das macht die Stärke des Romans "Alles zerfällt" aus. Chinua Achebe taucht den Finger in die offene Wunde und schildert ebenso präzise wie emotionslos den Zerfall der stabil geglaubten Grundlage. Okonkwos Unfähigkeit, sich schnell genug der neuen Situation anzupassen, spiegelt die heutige Gesellschaft ebenso wider, wie sie für die Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts Gültigkeit hatte.

Der starke und zeitlose Roman in einer Neuauflage vermag also auch heutigen Leseransprüchen gerecht zu werden. Oder zumindest fast. Es ist zwar weder die Geschichte noch die Sprache, bei der die Leser Abstriche machen müssen. Doch fehlt es an einer Leserführung durch den Autor. Chinua Achebe setzt voraus, dass sich sein Publikum in die Gegebenheiten einfühlen kann, die während der Entstehungsphase des Romans herrschten, und bereit ist, sich mit den verhältnismäßig bescheidenen Schilderungen zufrieden zu geben. Doch damit wird der Autor den anspruchsvolleren Lesern nicht gerecht. Hier ist der Punkt, an dem deutlich wird, dass die Geschichte schon mehr als ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel trägt. War in den 50er Jahren das Thema Kolonialismus durchaus noch präsent – immerhin war die Unabhängigkeit Nigerias von der Kolonialmacht Großbritannien eine viel und kontrovers diskutierte Sache – so ist es heute eher in den Nebel der Vergangenheit getaucht. In diesem Sinne hätte die Neuauflage des Romans unbedingt zumindest eine kurze Erläuterung der damaligen politischen Situation enthalten sollen. Denn nur im Kontext der aktuellen Ereignisse während der Unabhängigkeitsbemühungen kann "Alles zerfällt" seine bestechende Wirkung voll entfalten. Da macht auch ein fast schon ausuferndes Glossar das Fehlen eines aktualisierten Nachworts nicht wett.

Letztlich ist "Alles zerfällt" der eindrückliche Beweis dafür, dass es Romane gibt, die ihre Zeit überdauern und auch bald 60 Jahre nach ihrer Entstehung nichts an Aussagekraft eingebüßt haben. Ein stilles Stück Weltliteratur, das es wert ist, sich näher damit auseinanderzusetzen.

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Letzte Kommentare:
04.10.2019 11:16:32
PMelittaM

Nigeria, Ende 19., Anfang 20. Jahrhundert: Okonkwo gehört dem Stamm der Igbo an, sein Vater war ein Taugenichts, aber er hat es geschafft aus eigener Kraft zu etwas zu bringen und sich einen guten Status im Dorf zu sichern. Als christliche Missionare im Dorf eintreffen, ändert das das Leben des ganzen Stammes für immer.

Chinua Achebe, selbst Nigerianer, veröffentlichte diesen Roman bereits 1958. In einem sehr interessanten Vorwort erfährt man einiges über den Autor und den (zunächst geplanten) Roman, der letztlich in die Afrika-Trilogie mündete, „Alles zerfällt“ ist der erste Band dieserTrilogie und erzählt das Leben eines afrikanischen Stammes „von innen“, Anmerkungen im Anhang vertiefen manches.

Der Roman lässt sich sehr gut lesen, wird aber manchen erschüttern. Nicht immer wird deutlich, warum der Stamm dieses oder jenes tut, und für unser eigenes Verständnis wirkt vieles fremd und „barbarisch“. Hier hilft aber der Blick von innen, den der Autor einnimmt, der eben nicht wertet, und so sollte man es auch als Leser halten, und den Kontext der Zeit und des Ortes berücksichtigen. Dabei hilft, dass viele verschiedene Lebenslagen erzählt werden. Der Eingriff des „weißen Mannes“ in die Kultur ist heftig, wenn auch zunächst schleichend, aber nach und nach wird sie komplett zerstört, die Würdenträger des Dorfes gedemütigt, die Jugend verliert die bisherigen Werte – die Veränderung, die der Stamm durchmacht, ist gravierend. Nicht nur Okonkwo zerbricht daran.

Der Roman ist gut geeignet, das urtümliche Afrika aus Sicht der Afrikaner kennen zu lernen. Es zeigt auch die Zerstörung einer Kultur durch eine andere auf, die sich für höher entwickelt hält und es daher nicht für nötig hält, sich erst einmal mit ihr auseinanderzusetzen – ein Roman, den man gelesen haben sollte. 90°

16.12.2014 07:14:21
A. Zanker

Beim Lesen des vorliegenden Afrika-Klassikers aus dem Jahre 1958, wo er erstmals erschien, wird man das Gefühl nicht los, mit einem etwas angestaubten und alles andere als juicy-empfundenen Roman, über einen Eingeborenen-Stamm am unteren Niger zu lesen, und das dann auch noch ca. 100 Jahre zurückversetzt. Eine fade und etwas farblose Lektüre, über Klans und Religion, über Tradition und Geister, und einem Aberglauben der bis zum Erbrechen detailliert geschildert wird, dass einem davon schlecht werden könnte.

Der Range geht über Orakel, bevorstehende Eheschliessungen und dazugehörigen Brautpreisen, Klan-Gesetze, Mythen, Ahnengeister aus der Unterwelt, Götter und Truggötter, Frevel, maskierte Ahnengeister, kleine Götter bis hin zu persönlichen Schutzgeistern. Klan-Glauben an Geister und die Einführung einer Religion scheinen sich wie fremd gegenüber zu stehen, alte Tradition und neue Einflüsse stehen sich feindlich gegenüber.

Mühsam verstehbare afrikanische Ausdrücke, die im Anhang nachgelesen werden müssen und doch nicht behalten werden können, ein verhältnismässig fader Erzählstil, über einen Plot, der weder einen Spannungsbogen noch sonst eine anziehende Erzählweise anzubieten hätte. Achebe (*1930) beschreibt ein antiquiertes System, das weder einem Neuen gewachsen ist, noch vor ihm wirklich bestehen kann. Die Schilderung eines ausgeprägten Aberglaubens mag vielleicht etwas von der damaligen Kultur dort wiedergeben, gibt jedoch auch eine gewisse Hilflosigkeit und ein Überfordertsein wieder, der Roman ist aber auch genauso ermüdend und nicht wirklich beflügelnd. Eine enttäuschende Lektüre über eine vergangene Zeit, wie man sie sich heute wohl kaum mehr vorstellen kann...