Der ungeladene Gast

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • : DVA, 2012, Titel: 'Der ungeladene Gast', Seiten: 320, Übersetzt: Brigitte Walitzek

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Wolfgang Franßen
Ein Unglück muss her

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jun 2012

Das wichtigste Wort in Sadie Jones neuem Roman steht am Schluss und lautet: Vorhang. Der fällt normalerweise nach einer Theatervorstellung. Nach Komödien wie Tragödien. Nie im richtigen Leben. Sadie Jones macht ihren Lesern am Ende klar, dass es sich bei ihrer Geschichte um die Familie Torrington um ein Spiel handelt, das sich im Genre jenes Gutsbesitzerdramas mitsamt abgründigem Geheimnis bewegt, dessen Blüte bei Jane Austen und den Geschwistern Brontë lag.

Nach einem furchtbaren Zugunglück in der Nähe von Whorley bittet die Bahngesellschaft die Besitzer von Sterne, einige der unglücklich Verunglückten bei sich aufzunehmen, bis man sie dort abholt. Widerstrebend sagt die in der Abwesenheit ihres Mannes zum Familienoberhaupt aufgestiegene Charlotte Swift zu. Sie veranlasst allerdings gleichzeitig, dass alles getan wird, um die Gäste aus ihrem Blickfeld zu verbannen und die Geburtstagsfeier für ihre zwanzigjährige Tochter Esmeralda am Abend störungsfrei abzuhalten.

Wieso der deutsche Verlag den englischen Originaltitel abänderte und aus mehreren Gästen sogleich den Fokus auf den einen Gast legte, wird gegen Ende klar, wenn sich alles zum Guten fügt. Eine Art Mystery, die eine beklemmende Nacht als wundersame Fügung auflöst. Allerdings sind es die vielen unerbetenen nächtlichen Besucher, die dem Roman stellenweise einen Sog verleihen.

Auf dem Landsitz ist einiges aus dem Ruder geraten. Nicht nur, dass Edward Swift schwächelnde Finanzen zusetzen, weil er nichts von Landwirtschaft versteht,  in der Familie verfolgt jeder seine eigenen Interessen. Da ist die beinharte Charlotte, die kein Erbarmen mit Menschen der dritten Klasse empfindet. Da ist Esmeralda, das Geburtstagskind, das sich einfach nicht dazu durchringen kann, einen Heiratsantrag anzunehmen, der alle Schulden tilgen würde. Da ist der heiratswillige John Buchanan, der durch die Räume streunt und sich vorstellt, wie der Fortschritt in Gestalt von Elektrizität im Herrenhaus Einzug hält. Nicht zuletzt die junge Smudge, die gleich ein leibhaftiges Pony in den ersten Stock schmuggelt, weil sie es in Kohle zeichnen will.

Die Geschichte spielt 1912 und nicht nur der fehlende Strom zeichnet ein Bild bevorstehender Veränderungen. Die graue Masse der Verunglückten wirken wie der revolutionäre Druck der Arbeiterklasse, der sich plötzlich Zutritt zu allen Räumen verschafft. Allerdings ist er vulgär gezeichnet. Man braucht nur an "Abbitte" von Ian McEwan und seinen Kosmos eherner Regeln und unterschwelliger Sexualität zu denken, an Chechov und seine illustre Gesellschaft, deren Leben großteils aus Warten bestand, und spürt gleich, hier driftet die Geschichte ins gewollte Unerklärliche ab.

Einer der Verunglückten versteht es, sich bei Clovis, dem Sohn, einzuschmeicheln, so dass dieser ihn zum Abendessen einlädt. Dieser "Ungeladene Gast" tritt mit einer Dreistigkeit auf, die ihn verdächtig macht. Als er während des Dinners ein Spiel mit dem verräterischen Namen "Treibjagd" vorschlägt, dessen Regeln beinhalten, die Gäste am Tisch bloßzustellen, sind die Rahmenbedingungen für einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts gegeben. Hier nun enttäuscht der Roman. Was er zuvor an unterschwelliger Gefahr aufgebaut hat, überlässt er nun einer Gespenstergeschichte, dem zu entblößenden, grauenhaften Geheimnis. Der altbackenen Moral.

Was bei Austen zur Verbannung führt, bei McEwan die Leben von Liebenden zerstört, dringt bei Sadie Jones durch die Wände ein oder wird als rettendes Gesicht auf den Treppenstufen sichtbar. Die einzige Herausforderung besteht schließlich darin, ein Pony, das sich weigert, die Treppe hinunter zu gehen, wieder in den Stall zu befördern. Und entsprechend gut ausgehen muss. Es regnet auch am nächsten Tag nicht mehr. Die größte Sorge besteht mit einem Mal darin, dass alles sauber sein und an seinen Platz muss, bevor der Hausherr eintrifft. Alle haben sich wieder lieb. Und das Geheimnis, so brandmarkend es auch sei, wird totgeschwiegen. Eben kein Edgar Allan Poe. 

Die 1968 in London geborene Sadie Jones weiß seit ihrem ersten Roman "Der Außenseiter" um die klärende Katharsis eines unvorhergesehenen Unglücks. Ihr Roman ist in weiten Strecken ein Page Turner, der leider in eine Gespenstergeschichte abkippt und an einigen Stellen mit Zeilen wie diesen aufwartet:

"Die Tür war hart und klapperte laut, als sie dagegen stießen, aber in ihrem überstürzten Hasten hin zu hitziger, keuchender – o wundervoller – Vollendung dachte keiner von ihnen daran, sich davon fortzubewegen.  ...   Es war der Himmel." 

Vorhang. Bitte.

Der ungeladene Gast

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Letzte Kommentare:
11.03.2013 19:13:04
Katja Zierenberg

Den Ausgang der Geschichte kann man auch vollkommen anders interpretieren: am Ende ist es wieder das Kapital, das die Privilegien der Gutsbesitzerklasse rettet und es ihr ermöglicht, ihren gepflegten Lebensstil unbeeindruckt fortzusetzen. Man ist wieder unter sich und versammelt sich, noch ein wenig derangiert zwar, zu einem sonnigen Frühstück. Zwar fehlt das Brot, der Speck ist jedoch schon wieder im Übermaß vorhanden.Man könnte das als Metapher für die Erfahrungen der Weltkriege und der Weltwirtschaftskrisen lesen: am Ende erheben sich die immer Gleichen wie Phönix aus der Asche, während der Plebs im Morast versunken ist und nichtmals Spuren hinterlassen hat, Die Betten sind unbenutzt, die caritativen Maßnahmen verhallt.Sadie Jones erzählt nicht so naiv, wie es vielleicht an einigen Stellen scheint. Sie spielt auf geradezu zynische Art mit Historien-Klischees. Natürlich kann man den Roman auch als Reverenz an das zur Zeit gefragte Vampir- und Gruselgenre verstehen, aber dann übersieht man seine raffinerte Doppelbödigkeit.

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