Weitlings Sommerfrische

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Piper, 2012, Titel: 'Weitlings Sommerfrische', Seiten: 224, Originalsprache

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Wolfgang Franßen
Sturm

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Jun 2012

Wie friedlich so ein See doch aussieht. Er lädt nicht nur zum Baden ein, die Kundigen segeln sogar darauf. Dass das mitunter mit Risiken behaftet ist, hat schon Martin Walser in ein "Fliehendes Pferd" erkannt. War es bei ihm der Bodensee, so treibt es Sten Nadolnys Richter Wilhelm Weitling allein auf den Chiemsee hinaus, wo er für sich das bayrische Vorfahrtsrecht in Anspruch nehmen will und nicht mitbekommt, dass sich längst eine schwarze Wolkenbank nähert.

Eine Langsamkeit ganz eigener Art prägt Sten Nadolnys neuen Roman "Weitlings Sommerfrische". Wobei das Wort Sommerfrische eher an einen vergnüglichen Aufenthalt in einem Kurbad erinnert, als an den Sturz in die eigenen Erinnerungen. Er sei ein Wesen, wird Nadolny seinen Helden sagen lassen, das sich immer noch für Wilhelm Weitling halte. Was voraussetzt, dass dieser Mann in ziemliche Verwirrung gestoßen wird. Es geschehen merkwürdige Dinge um ihn herum, nachdem sein Boot havariert ist. Eigentlich müsste er tot sein. Zumindest hat er das Gefühl, in geistiger Umnachtung durch seine Kindheit zu irren.

Er sieht sich als Jungen in der Familie, als Sohn eines mittelmäßig erfolgreichen Schriftstellers, von dem er sich später die medikamentösen Gemütsaufheller ausborgen wird, wenn es gilt, ein Referat zu halten. Sten Nadolny langweilt uns nicht mit der bei vielen Autoren gerne versehenen Übung: Ich erinnere mich an meine Kindheit und habe Angst, als Erwachsener später die falschen Entscheidungen getroffen zu haben. Was hätte alles aus mir werden können, wenn ich damals andere Eltern gehabt, das ein oder andere richtig gemacht hätte? Der Richter Weitling ist eigentlich mit seinem Leben zufrieden. 

Um gleich einen für manchen eher unrühmlichen Vergleich zu ziehen: Ein Hauch von Stephen King durchweht diese urdeutschen Erinnerungen. Was, wenn Wilhelm Weitling, indem er in seiner eigenen Vergangenheit auftaucht, seine Vergangenheit ändert? Wenn er im Alter ein ganz anderer Wilhelm Weitling sein wird? Was, wenn er nicht mehr der korrekte Richter Weitling ist, der sich aus allem heraushält, weil er nur so für sich Anspruch nehmen kann, ein gerechtes Urteil zu fällen? Was, wenn der verunsicherte Junge, der später als Richter Psychopharmaka nehmen wird, um bei einem großen Prozess die Ruhe zu behalten, sich anders entwickelt? Eigentlich kann es ihm ja egal sein, er ist ja tot. Oder etwa nicht? Dann muss er so schnell wie möglich aus diesem Alptraum aufwachen, in den er sich "festgedacht" hat.

Bei "Weitlings Sommerfrische" handelt es sich jedoch um kein Stephen-King-Remake, dafür ist Sten Nadolny viel zu sehr am Ausloten eines deutschen Intellektuellen interessiert, der wie bei Max Frisch sein Leben hinterfragt.

Mit dem ihm eigenen hintergründigen Humor für absurde Szenen flechtet der Autor Momente bürgerlicher Angst ein. Wenn Weitling den halbtoten Großvater fragt, wie er denn aus diesem Schattendasein herausfindet, in dem mancher Geist nicht rechtzeitig den Ausstieg gefunden hat und sich auflösen musste. Was wird dann aus Astrid? Der Liebe seines Lebens. Sollte er sie nicht vom Bahnhof abholen? Kann es passieren, dass er sie gar nicht kennengelernt hat? Wenn Weitling nach der Rettung im Krankenhaus seine Tochter für seine Frau hält, greift Panik um sich. Wenn er sich allmählich damit abfindet, dass sein Leben eine andere Richtung eingeschlagen hat, registriert er das jedoch eher erleichtert. Nicht wie jemand, dem das Schicksal übel mitgespielt hat. Dieser Weitling kann sich auf alles einstellen. Er besitzt die Gabe zu überleben.

Wo mancher Autor die große Abrechnung mit sich oder seinen Nächsten aufreißt, nimmt uns Nadolny mit in eine melancholische Sommerfrische und gewährt uns einen Einblick in die rettende Macht des Erzählens inmitten "unheimlicher Menschenkinder".

Das Leben dieses Weitlings ist gerade noch mal gutgegangen. Was hätte alles schiefgehen können mit diesem Jungen? Hineingeworfen zwischen Erwachsene, die ihren Weg nicht finden.

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Letzte Kommentare:
25.09.2014 09:27:58
Gospelsinger

Wer von uns hat sich nicht schon einmal gewünscht, mit den Erfahrungen von heute in die eigene Jugend zurückgehen und alles viel besser und richtiger machen zu können?
Der Richter a.D. Wilhelm Weitling bekommt diesen Wunsch unfreiwillig erfüllt, als er bei einem Segeltörn auf dem Chiemsee verunglückt. Statt im Krankenhaus wacht er an den Körper seines 16jährigen Ichs gekettet wieder auf, als Geist, der sich nur vom jugendlichen Willy lösen kann, wenn dieser schläft.
Monatelang begleitet Weitling sich selbst als Halbwüchsigen und bemerkt dabei, dass sich gegenüber seinen Erinnerungen kleine Änderungen einstellen. Er bekommt es mit der Angst zu tun, ist es doch nicht sicher, dass er in seine Zeit zurückkehren kann und seine geliebte Astrid wiedersieht.
Als Weitling entdeckt, dass sein dementer Großvater ihn hören und mit ihm reden kann, erfährt er, dass eine Zeitreise, wie er sie gerade erlebt, vom Großvater Sommerfrische genannt, sehr häufig vorkommt, und was man tun kann, um in sein erwachsenes Ich zurückzukehren.
Das gelingt Weitling, aber er muss feststellen, dass die vermeintlich kleinen Abweichungen in der Vergangenheit weit größere Abweichungen in der Gegenwart verursacht haben.
Dieser Roman ist ein wunderbares Buch, das man nicht so schnell vergisst und das man sicherlich auch noch mindestens ein weiteres Mal lesen wird, denn es steckt voller kluger Gedanken, philosophischer Betrachtungen und literarischer Bezüge.
Das Buch ist hervorragend geschrieben und spielt gekonnt mit der Idee eines Paralleluniversums und der Möglichkeit, Zeitreisen durchzuführen. Dadurch eröffnet sich eine ganz andere Betrachtung der durchlebten Lebensabschnitte und der getroffenen Entscheidungen, die den weiteren Lebensweg bestimmen.

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