In diesem Sommer

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • München: Kunstmann, 2012, Titel: 'In diesem Sommer', Seiten: 272, Übersetzt: Claudia Steinitz

Couch-Wertung:

62
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Rita Dell'Agnese
Das Ende einer Maskerade

Rezension von Rita Dell'Agnese Jun 2012

Drei Paare verbringen zusammen ein Sommerwochenende in der Normandie. Sie wollen zusammen den 14. Juli feiern. So, wie in den vergangenen Jahren auch. Die von allen herbeigesehnte Idylle hat jedoch Schlagseite bekommen. Alle Beteiligten verstecken ihre wahren Gefühle und Gedanken hinter einer Maske. Die Protagonisten umkreisen einander wie in einem unsichtbaren Tanz, gefangen von den eigenen Problemen und damit blind für die innere Not der anderen. Eine höchst vielversprechende Ausgangslage also. Doch was sich auf den ersten Seiten sehr gut anlässt, verliert nach und nach an Reiz. Die einzelnen Schicksale lesen sich zunächst süffig wie perlender Champagner, doch nach dem immerwährenden Wiederkäuen derselben Gedankengänge wird das Ganze zunächst schal und wird schließlich nahezu ungenießbar.

Wo aber verliert die Geschichte von Véronique Olmi ihren anfänglichen Zauber? Es sind zwei Punkte, die hier eine fatale Wirkung entfalten. Zum einen ist es die häppchenweise Präsentation der jeweiligen Schicksale. Die Zerstückelung und damit Gliederung in einzelne Erzählstränge lassen ein Eintauchen in die Geschichte nicht zu. Immer wieder wird der Leser abgestoppt und auf eine andere Ebene geführt. Das zunächst reizvolle Stilmittel legt sich auf den Lesefluss lähmend nieder und verhindert eine Identifikation mit den Protagonisten. Denn kaum hat man sich in den einzelnen Charakter eingelesen, entschwindet er auch schon wieder und macht der nächsten Figur Platz.

Zum anderen – und dieser Umstand fällt noch weit mehr ins Gewicht – setzt Olmi mit der jeweiligen Geschichte immer wieder so ein, dass ein Teil des bereits Erzählten wiederholt wird. Da lässt es sich kaum vermeiden, dass manchmal etwas Langeweile aufkommt. Je weiter der Roman fortschreitet, desto intensiver wird das Gefühl: Das habe ich bereits gelesen! Das Repetieren von bereits Gesagtem – wenn auch Olmi immer wieder andere Worte braucht – verlangsamt nicht nur den Plot, es gibt dem Leser auch das Signal, dass die Autorin an seiner Aufmerksamkeit zweifelt.

Unter dem unglücklichen Aufbau leidet schließlich die eigentlich interessante Geschichte. Jeder der sechs Protagonisten hat etwas zu sagen – und auch jede Geschichte wäre es wert, sich näher damit auseinander zu setzen. Die Autorin stellt die jeweiligen Paare nicht nur in Kontext zueinander, sie durchleuchtet auch den Werdegang jedes Einzelnen und macht sichtbar, wo die falschen Weichen gestellt wurden oder welcher Mechanismus dazu führte, die entsprechende Person in eine Sackgasse zu führen. Sehr geschickt stellt Véronique Olmi die grundsätzliche Sprachlosigkeit ihrer Protagonisten dar. Hier lohnt sich die Auseinandersetzung mit der Geschichte durchaus. Die scheinbar zufällige Zusammensetzung der Paare folgt einem raffinierten Muster und macht der Erkenntnis Platz, hier ein äußerst typisches Bild der Gesellschaft vor sich zu haben.

Während der Roman durch eine anziehende Aufmachung punktet, verliert er gleich wieder beim Klappentext. Hier wird ein Spannungselement suggeriert, auf das der Leser erst im letzten Viertel des Buches stößt, und das weder eine wirklich tragende Rolle spielt, noch in der Lage ist, das Steuer herumzureißen und Spannung in den Roman hinein zu bringen. Das Verschwinden der Tochter der Gastgeber Denis und Delphine ist nicht, wie man es aufgrund des Klappentextes vermuten mag, der Punkt, an dem sich die Beteiligten ihrer jeweiligen Situation bewusst werden. Es ist ein wenig ins Gewicht fallendes Element, das den eher erfolglosen Versuch unternimmt, der Geschichte eine unerwartete Komponente beizufügen.

Mit "In diesem Sommer" legt Véronique Olmi den missglückten Versuch vor, Schicksale wie einzelne Fäden in ein Gewebe einzubinden. Die Zutaten zu diesem Roman sind zwar durchaus stimmig, doch leider verkochen sie zu einem eher faden Brei.

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