Der Tag des Königs

Erschienen: Januar 2012

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2012, Titel: 'Der Tag des Königs', Seiten: 178, Übersetzt: Andréas Riehle

Couch-Wertung:

82
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Christine Ammann
Coming of age unter marokkanischer Sonne

Buch-Rezension von Christine Ammann Jun 2012

Gnadenlos scheint die Sonne in Marokko von Himmel. Gnadenlos herrscht Hassan II. über das Land und gnadenlos ist der Verrat, der Omar, einen 14-jährigen Jungen aus dem Armenviertel von Salé, endgültig in die Realität des Erwachsenenalters katapultiert. 

Über drei Tage im Juni 1987 erstreckt sich die Handlung des Romans "Der Tag des Königs", den Abdellah Taïa bereits 2010 auf Französisch vorgelegt hat und der nun, als erstes Buch des Autors – im Suhrkamp Verlag – auf Deutsch erschienen ist. Abdellah Taïa wurde 1973 im marokkanischen Rabat geboren und lebt seit 1999 in Paris. Als er sich 2006 in einer marokkanischen Zeitschrift offen zu seiner Homosexualität bekannte, löste das einen Skandal aus. In Frankreich hat Taïa sich bereits mit mehreren, autobiografisch gefärbten Romanen einen Namen gemacht. Für "Der Tag des Königs" erhielt er 2010 den renommierten französischen Literaturpreis "Prix de Flore".

Am Anfang der Ich-Erzählung steht Omars Traum. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch träumt er, dass er von dem marokkanischen König Hassan II., der das Land über Jahrzehnte diktatorisch regierte, empfangen wird. Aber das, was zunächst wie ein Wunschtraum erscheint, verwandelt sich schnell in einen Albtraum voller Versagensängste.

Am Mittwoch erfährt Omar in der Schule, dass sein Klassenkamerad und Freund Khalid als einer der besten Schüler des Landes vom König persönlich empfangen wird. Khalid, sein geliebter Freund, hat ihm nichts davon erzählt. Auch nicht in der langen Mittagspause an diesem Tag, die Omar wie so oft bei Khalid verbringt, dessen Familie in einer weitläufigen Villa mit Bediensteten wohnt. Omar ist tief verletzt. Er hat Khalid seinen Traum vom nackten König anvertraut, obwohl man diesen eigentlich unter keinen Umständen kritisieren darf, aber Khalid hat sein Geheimnis für sich behalten.

Mit einem Schlag liegt die Kluft zwischen ihm und Khalid, dem Jungen aus reichem Hause, offen dar. Und nach den Sommerferien werden sich ihre Wege ohnehin trennen. Khalid wird eine gute Schule besuchen, die Zukunft wird ihm offen stehen, während Omar für immer zur Masse der marokkanischen Armen gehören wird.

Am Donnerstag kommt der König mit seinem Gefolge in die Stadt und alle Schüler sind verpflichtet, ihm vom Straßenrand aus zuzuwinken. Als sich das Warten auf den König in die Länge zieht, entfernen sich Omar und Khalid von der Menge und suchen einen nahe gelegenen Wald auf. Hier bricht sich Omars Gefühlsverwirrung – aus Lust, Liebe, Hass, Eifersucht und Neid – Bahn.

Mit "Der Tag des Königs" taucht der europäische Leser in eine fremde Welt der Djinns, der bösen Geister und Geisterbeschwörer ein. Sie sind fester Bestandteil der Lebenswelt nicht nur der 14-jährigen Jungen, sondern auch der Erwachsenen wie Omars Vater. In Abdellah Taïas Roman vermischen sich Realität und Fantasie, Geisterglaube und brutale Wirklichkeit. Ähnlich wie "Der Fremde" von Albert Camus schreiben Omar und Khalid der Sonne eine ganz besondere Kraft zu: 

"Es ist furchtbar. Die Sonne ist nicht gelb, wie man annimmt, sie ist rot. Rot wie die Hölle. Rot. Ein Magma. Die Sonne ist nicht unser Freund, sie liebt uns nicht."

Aber auch in seiner schicksalhaften Unabwendbarkeit erinnert "Der Tag des Königs" an den berühmten Roman von Camus. Und es ist diese Welt des Aberglaubens, die sich immer wieder zwischen das brutale Geschehen schiebt, die die bittere gesellschaftliche Anklage des Romans abfedert und in Poesie verwandelt.

Abdellah Taïa erzählt eine Kain-und-Abel-Geschichte von großer poetischer Kraft, seine stark rhythmisierten Dialoge und Staccato-Sätze klingen häufig wie Lyrik. Auch in der Darstellung der sexuellen Beziehung der beiden Protagonisten findet Taïa ausdrucksstarke, mythisch überhöhte Bilder. Ähnlich wie Pier Paolo Pasolini beschreibt der marokkanische Autor Sexualität als ein Mittel der Entgrenzung: Sexualität kann gesellschaftliche Grenzen, wenn auch nur zeitweise, überwinden.

Denn Taïas Marokko ist ein Land unüberwindbarer gesellschaftlicher Gegensätze, ein Land, in dem die Liebe keinen Platz hat, in dem die Liebe immer eine Geschichte sexueller Ausbeutung ist: zwischen reich und arm, zwischen erwachsenen Männern und 14-Jährigen, zwischen hellhäutigen und schwarzen Marokkanern. Der Schauplatz des "Showdowns", die zerstörte Brücke zwischen Salé und Rabat, der Stadt der Armen und der Stadt des Königs, wird so zum Symbol zweier Welten, die bei näherem Hinsehen nichts verbindet.

Mit "Der Tag des Königs" ist Abdellah Taïa ein poetisch dichter Roman gelungen, der nicht nur das bewegende Schicksal einer Liebe zweier Jugendlicher erzählt, sondern zugleich eine fremde Welt voller Aberglauben heraufbeschwört und die schreiende gesellschaftliche Ungerechtigkeit Marokkos in eindringlichen Szenen vor Augen führt. 

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