Unwiederbringlich

  • dtv
  • Erschienen: Januar 2012
  • 2
  • : dtv, 2012, Titel: 'Unwiederbringlich', Seiten: 352, Originalsprache
Unwiederbringlich
Unwiederbringlich
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Christine Ammann
851001

Belletristik-Couch Rezension vonJun 2012

Szene einer Ehe

Bei Theodor Fontane mag manch einer an nicht enden wollende Schulstunden denken. Aber der dtv Verlag hat jetzt ein unbekannteres Werk des großen deutschen Realisten neu herausgegeben, das solche Erinnerungen revidieren könnte: "Unwiederbringlich", 1891 erschienen, ist die Geschichte einer scheiternden Ehe. Minutiös führt Fontane vor, wie eine Liebe bröckelt, wie sie irgendwann an einen Punkt gerät, wo es keine Rettung mehr gibt.

Ähnlich wie Goethes Wahlverwandtschaften handelt der Roman von einem ungleichen Ehepaar – Christine ist eine strenge Protestantin, Helmuth Holk jemand, der das Leben leichter nimmt –, das sich, durch äußere Umstände begünstigt, immer weiter voneinander entfernt.

Aber Fontane wirft einen ganz anderen Blick auf die Dinge als Goethe. Während die chemischen Gesetze der Wahlverwandtschaften naturgegeben scheinen und der Charakter des Menschen der Natur eher im Wege steht, ist es bei Fontane gerade die Charakterstärke, auf die alles ankommt: oder die emotionale Kompetenz, die die Beziehung in eine bestimmte Richtung lenken kann. 

Alles beginnt mit dem Auszug aus dem alten gemütlichen Familienschloss der Familie Holk, von dem Christine sich am liebsten nicht trennen möchte. Aber ihr Mann hat ein größeres, weitläufigeres Schloss bauen lassen – "eine Meile von Glücksburg" entfernt. Böse Vorahnungen beschleichen Christine:

"Wenn man glücklich ist, soll man nicht noch glücklicher sein wollen."

Langsam, aber sicher schmieden die Eheleute neue Allianzen. Als Julie von Dobschütz, "ein armes Fräulein", ihren Aufenthalt auf Schloss Holkenäs ausdehnt, findet Christine in ihr eine Verbündete, die ihre strengen Ansichten teilt. Holk, der als Graf sein Gut verwaltet, hat noch ein Amt als Kammerherr am dänischen Hof inne, von dem er sich eigentlich längst trennen wollte. Aber als er jetzt an den Kopenhagener Hof einer dänischen Prinzessin gerufen wird, kommt ihm das gerade recht, weil er sich dem kritischen Blick seiner Frau entziehen kann.

Doch Holk passt nicht wirklich an den Hof, er hält seine Tändelei mit Ebba von Rosenberg für Liebe und nimmt das oberflächliche Hofleben zu ernst. Ebba hat das schnell durchschaut:

"Dann ist Holk verloren", lachte Ebba. "Denn ich glaube, sein Charakter ist noch viel schwächer als sein Herz; sein Charakter ist das recht eigentlich Schwache an ihm. Und was das Schlimmste ist, er weiß es nicht einmal."

Als Ebba und Holk schließlich eine Nacht zusammen verbringen, bricht Feuer aus. In einer dramatischen Rettungsaktion müssen beide aufs Schlossdach fliehen und sind am nächsten Morgen Tagesgespräch. Holk, der nicht an Zufälle glaubt, nimmt dies als Zeichen und beschließt, Christine zu verlassen und Ebba zu heiraten. Er ist ungeduldig, kann es kaum erwarten, Nägel mit Köpfen zu machen, und als er Ebba nicht erreichen kann, eilt er überstürzt nach Holkenäs, um seine Frau mit der neuen Lage vertraut zu machen.

Doch Ebba lehnt eine Ehe mit ihm ab. Holk begibt sich daraufhin auf Reisen, aber durch sanften Druck von Freunden findet das Ehepaar wieder zusammen. Es gibt eine zweite Hochzeit ... Und ein böses Ende, wie der Titel erahnen lässt.

Ergänzt wird die dtv-Ausgabe durch Informationen zur Entstehungsgeschichte, erläuternde Anmerkungen und ein Nachwort von Helmuth Nürnberger.

Der Roman "Unwiederbringlich" von Theodor Fontane ist eine lehrreiche und unterhaltsame Studie über eine Beziehung, die eine falsche Richtung nimmt, in der sich die Fronten verhärten und sich beide Partner immer mehr auf ihre Position zurückziehen. Fontane erweist sich auch in diesem Werk als kluger Beobachter, der dem heutigen Leser noch so einiges über Beziehungen und Konfliktfähigkeit zu sagen hat. Wer bereit ist, seine Vorurteile über Fontane zu revidieren, und für alle, die Fontane schon immer liebten, ein überaus lesenswertes Buch. 

Unwiederbringlich

Theodor Fontane, dtv

Unwiederbringlich

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